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Klosterleben: Das scheinbare Paradox evangelischer Kommunitäten | BR24

© picture-alliance/dpa

In Triefenstein leben 23 Männer in einer Gemeinschaft. Aber warum ein evangelisches Kloster, wenn man das katholische Original haben könnte?

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    Klosterleben: Das scheinbare Paradox evangelischer Kommunitäten

    Die Abkehr vom Ordensleben war ein Signal der deutschen Reformation. Erstaunlicherweise gehen Protestanten rund 500 Jahre später wieder ins Kloster zurück. In Triefenstein leben 23 Männer in einer ordensähnlichen Gemeinschaft. Was treibt sie an?

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    Von
    • Thomas Klatt

    Das einstige Augustiner-Kloster im unterfränkischen Triefenstein stand lange Zeit leer, es verfiel. Bis vor 60 Jahren die sogenannten Christusträger kamen – eine ordensähnliche evangelische Bruderschaft, die das baufällige Klostergelände kaufte. 1961 haben ein paar junge Leute um die 20 das ernst genommen, was ihr Pfarrer in der Kirche gepredigt hatte, erzählt Bruder Christoph von den Christusträgern in Triefenstein:

    "Sie sagten: Wenn das wirklich stimmt, wenn Jesus uns wirklich zu den Armen schickt, dann müssen wir unser Leben anders leben. Sie haben dann eine WG gegründet, ihr Geld zusammen geschmissen und einen losgeschickt in die - so nannte man das damals - in die Dritte Welt." Bruder Christoph, Christusträger Triefenstein

    Mit den Alten in der Gemeinde verkracht

    Aus der evangelischen Jugendbewegung wurde eine klösterliche Gemeinschaft – wie ein Mönchsorden, nur eben evangelisch. Zur "DNA" der Christusträger gehöre es den Menschen nahezukommen, sie zum Glauben zu ermutigen, sagt Bruder Christoph. Die Christusträger seien auch die ersten gewesen, die vor über 50 Jahren mit moderner Musik das Evangelium verkündet haben: "Die haben sich mit den Alten in der Gemeinde verkracht, weil sie Schlagzeuge dabeihatten und Jazz und Rock gespielt haben."

    23 Christusträger-Brüder gibt es derzeit in Triefental, darunter Bruder Helmut, der Küchenchef, Bruder Bodo, der viele Jahre die Band geleitet hat, Bruder Hans wird als Maschinenexperte geschätzt, auch im Kongo und in Afghanistan, wo die Bruderschaft bis heute Hilfsstationen unterhält. Hinzu kommen Stationen der Christusträger Schwestern, von denen sie sich organisatorisch aber abgespalten haben.

    50 Euro Taschengeld

    In Triefenstein hat jeder Christusträger seine Aufgabe. Bruder Christian war 15 Jahre lang Prior im Kloster Triefenstein. Er hat evangelische Theologie studiert und könnte heute Pfarrer in der Evangelischen Landeskirche sein. Doch er hat sich für Armut und Keuschheit entschieden, weil er "etwas von dieser Dynamik der Jesusnachfolge" in die Welt tragen wollte, sagt er:

    "So wie damals die Jünger, die einfach alles verlassen haben und Jesus nachgefolgt sind und nicht nach der Altersversorgung gefragt haben und nicht nach Risiken, sondern gespürt haben, da ist etwas, wofür ich mein Leben einsetzen möchte." Bruder Christian

    Zum Alltag der Brüder gehören drei tägliche Gebete, morgens um sechs Uhr, mittags um zwölf und abends um 18 Uhr. Dazwischen viel Arbeit am und im Kloster. "Ora et labora" eben. Die Christusträger Brüder leben ohne Besitz, erhalten nur ein Taschengeld von 50 Euro im Monat. Ein klösterliches Habit tragen sie nicht, sondern einfache Second-Hand-Kleidung. Das Kloster finanziert sich durch die Renten der Brüder, die sie sich früher in ihrem bürgerlichen Leben verdient haben. Hinzu kommen Spenden und Einnahmen aus Seminaren im Gästehaus. Mittel aus der Kirchensteuer erhalten sie nicht. Zur evangelischen Kirche unterhalten sie aber freundschaftliche Beziehungen. Und eben zu den Nachbargemeinden in der Umgebung. Unterstützt werden die Brüder von Ehrenamtlichen oder FSJlern und wenigen Angestellten, etwa in der Küche.

    "Wir könnten den Zölibat abschaffen"

    Aber warum eigentlich ein evangelisches Kloster, wenn man das katholische Original haben könnte? Bruder Christian gibt zu, dass der klösterliche, benediktinische Lebensstil schon etwas Faszinierendes hat. In seiner evangelischen Kommunität aber stehe mehr das Praktische, das Tun im Vordergrund:

    "Da bin ich ganz froh, dass wir evangelisch sind. Wir haben einen großen Freiraum. Wir sind ja als gemeinnütziger Verein verfasst. Die Mitgliederversammlung kann letztendlich alles bestimmen. Wir könnten auch mit einer Abstimmung den Zölibat abschaffen, wenn wir das wollten. Oder die Gütergemeinschaft." Bruder Christian

    Davon ist aber bislang keine Rede. Evangelisch oder katholisch, das sei letztlich auch egal. Mönche wie Brüder verbinde sowieso eine seelische Verwandtschaft, sagt der langjährige Prior. Evangelisch sei Kloster Triefenstein, weil die meisten Brüder evangelisch sind. Ökumenisch könnte man aber auch sagen. Ein Bruder ist katholisch. Und Bruder Gustav ist Reformierter aus Zürich. Der 76-Jährige ist er einer der Dienstältesten in Triefenstein: "Ich hätte schon Schwierigkeiten gehabt, in ein Benediktiner-Kloster einzutreten. Die Kleiderordnung, dieses große Gewicht von Tradition. Da wäre es deutlich schwieriger, etwas zu bewegen", sagt er. So wie ihm geht es hier vielen: Ein katholisches Kloster wäre einfach nicht das Richtige, sehr wohl aber die bewusste Entscheidung für ein Leben nur mit Taschengeld und anderen Prioritäten.