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New Orleans im August 2005 nach Hurrikan Katrina
© picture alliance / dpa
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New Orleans im August 2005 nach Hurrikan Katrina

Wer am Abend des 7. November 1989 die Tagesthemen einschaltete, hörte diese Nachricht: "Trotz drohender Klimaveränderung aufgrund zunehmender Luftverschmutzung konnten sich die mehr als 60 Teilnehmerstaaten nicht auf konkrete Schutzmaßnahmen einigen."

Eine kleine Meldung, versteckt im Nachrichtenblock, untergegangen angesichts der bevorstehenden Wende und dem Rücktritt der DDR-Regierung an diesem Tag. Und doch ist die Menschheit damals knapp an einer Sensation vorbeigeschrammt, sagt Nathaniel Rich: "Wir hätten die Erderwärmung bei 1,5 Grad stoppen können. Und damit die Erde, wie wir sie jetzt kennen, erhalten."

Der Journalist der New York Times führte hunderte Interviews mit Politikern, Lobbyisten und Umweltaktivisten. Daraus entstand seine Reportage "Losing Earth. Wie wir die Erde fast gerettet hätten."

Autor Nathaniel Rich

Autor Nathaniel Rich

Nathaniel Rich hat in Yale Literatur studiert. Dystopien interessierten ihn bisher vor allem in der Fiktion. Doch in der realen Chronologie der Klimaschutzpolitik hat er seine bisher düsterste Geschichte gefunden. Dabei begann alles so gut: In den 70er-Jahren wird der Treibhauseffekt publik, Umweltschützer alarmieren Washington. Es folgt die Ölkrise, Jimmy Carter installiert Solarmodule am Weißen Haus. "Die Öl- und Gasindustrie hatte noch nicht damit begonnen, Millionen Dollar für gezielte Desinformations-Kampagnen auszugeben", sagt Rich. "Damals war der Klimawandel unbestritten: Führende Demokraten und Republikaner wollten ihn aufhalten."

Die Geschichte einer verpassten globalen Chance

Doch es soll anders kommen. Die Geschichte einer verpassten globalen Chance ist für Nathaniel Rich eine persönliche Geschichte. Er lebt in New Orleans, Louisiana. Hier steigt der Meeresspiegel täglich. An seinem Haus inmitten der Stadt lehnt ein Kanu auf dem trockenen Frühlingsrasen: für seine Familie, im Notfall. Eine konstante Erinnerung an die Endlichkeit: "Es kann jeden Moment so weit sein, dass ein Hurrikan hier an der Küste landet und alles mitreißt was wir kennen. Hier zu leben heißt, mit einem Trauma zu leben."

Das Trauma heißt Hurrikan Katrina. 2005 starben bei der Naturkatastrophe fast zweihundert Menschen. Noch heute sieht man in der Stadt Überreste von Häusern sowie Steintreppen, die ins Nichts führen. Wetterextreme wollte man eigentlich schon im November 1989 verhindern. In den Niederlanden kam es zum Showdown. 60 Nationen trafen sich mit dem Ziel, ein Klima-Abkommen auf den Weg zu bringen. Nur einer war nicht überzeugt: John Sununu, Stabschef unter Präsident Bush Senior. Er war gegen strengere Auflagen für Unternehmen, Deregulierung lautete das neue Mantra des Republikaners. Am Ende hat er sich durchgesetzt.

"Losing Earth" von Nathaniel Rich

"Losing Earth" von Nathaniel Rich

In seinem Buch "Losing Earth" wundert sich Nathaniel Rich, wie ein einzelner Mann damals diesen Prozess zum Erliegen bringen konnte. Für ihn wirft das die Frage auf, ob es Demokratien überhaupt möglich sei, langfristige Lösungen zu finden.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

In seiner Heimatstadt New Orleans versucht man es mit Symbolpolitik. Vor den Toren der Stadt steht ein Festungswall gegen die Fluten. Doch kann der dauerhaft helfen? Die Gesellschaft entwickelt Mechanismen, um sich von der Katastrophe zu distanzieren. Auch in unserer Sprache verstecken wir das Problem in Euphemismen. "Jedes Mal, wenn wir über den 'Klimawandel' oder die 'globale Erwärmung' sprechen, dann belügen wir uns", sagt Rich. "Am Anfang nannten wir es das 'CO2-Problem' – das klingt nicht besonders furchterregend: Wir atmen CO2 in jeder Sekunde aus. Später hat ein Berater von George W. Bush das Wort 'Klimawandel' in Umlauf gebracht: Weil 'Wandel' weniger gefährlich klingt als 'Erwärmung'. Diese Worte sind wie Schutzhandschuhe für eine offene Wunde. Wir distanzieren uns damit von dem Problem."

Nathaniel Rich legt mit seinem Buch den Finger in die Wunde. "Losing Earth" liest sich spannend wie ein Krimi, er erzählt von einem Wettlauf gegen die Zeit. Auch wenn seine Analyse der Vergangenheit manchmal fast zu optimistisch wirkt, so ist sein Buch eine notwendige Erinnerung daran, was möglich sein kann.

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Autoren

Ronja Dittrich

Sendung

kulturWelt vom 09.04.2019 - 08:30 Uhr