BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Klimakiller Kuh? Eine Ehrenrettung | BR24

© Colourbox/Astrid Gast

Kühe haben in Sachen Klimabilanz einen ziemlich schlechten Ruf. Beim Verdauen stoßen sie Methan aus. Aber sind sie deswegen "Klima-Killer"?

Per Mail sharen
Teilen

    Klimakiller Kuh? Eine Ehrenrettung

    Kühe haben in Sachen Klimabilanz einen ziemlich schlechten Ruf: Eine Kuh belastet das Klima etwa so stark wie ein Auto, kritisieren Umweltschützer. Aber sind sie deswegen "Klima-Killer"? Immerhin pflegen Weide-Kühe einen wichtigen CO2-Speicher!

    Per Mail sharen
    Teilen

    Kühe produzieren beim Verdauen Methan – und dieses Treibhausgas wirkt 25 Mal stärker als Kohlendioxid, also CO2. Außerdem bekommen die Wiederkäuer oft Kraftfutter, obwohl der intensive Anbau von Mais oder Soja die Böden auslaugt und den Flächenverbrauch steigert. Viele Verbraucher haben auch die Bilder leidender Kühe in Massentierhaltungen im Kopf.

    Ist die Kuh also ein Klima-Killer? Nein, sagt Professor Wilhelm Windisch, Agrarwissenschaftler von der TU München: Die Kuh dient dem Klima sogar. Vorausgesetzt, sie wird unter bestimmten Bedingungen gehalten.

    Weidende Kuh unterstützt CO2-Bindung

    Immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, vor allem immer mehr junge Menschen, die sich für die Reduzierung von CO2 einsetzen. Engagement für den Klimaschutz, lobt Wilhelm Weidisch. Einen umfassenderen Blick auf die Kuh findet der Professor für Tierernährung vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan dennoch wünschenswert.

    "Auf der Weide wächst der Kuh das Gras ins Maul. Das spart unheimlich Energie, sie muss nicht maschinell gefüttert werden." Professor Wilhelm Windisch

    Sie produziert also Lebensmittel wie Milch und Fleisch, ohne großen Einsatz von Maschinen. Darüber hinaus leistet das Vieh aber noch viel mehr: Ihre Kuhfladen halten das Ökosystem Grasland intakt. "Die Kuh frisst Gras und überführt es in Dünger. So kehren die Pflanzen-Nährstoffe zurück in den Boden. Dort wachsen wieder Pflanzen, sie binden wieder CO2, Phosphor, Stickstoff - und die Kuh hält diesen Kreislauf am Laufen", sagt der Wissenschaftler vom Wissenschaftszentrum Weihenstephan für Ernährung, Landnutzung und Umwelt. Hat der Landwirt keine Kuh auf der Weide, muss er teuer produzierten Kunstdünger zukaufen, Herstellung und Transport verursachen wieder CO2.

    Weide-Haltung fördert Artenvielfalt

    Um den Professor zu verstehen, lohnt sich ein Besuch bei Andrea Glaßer in Oberfranken. Die Landwirtin hat vor 14 Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen. Die Kühe hier stehen das ganze Jahr auf der Wiese. Wer ihre Kuhfladen genauer anschaut, der entdeckt, wie aus den dunklen Haufen schon wieder grüne Keime emporwachsen. Die Kühe halten das Gras am Wachsen.

    Auf dem Speiseplan von Andrea Glaßers Kühen stehen auch Arnika, Löwenzahn oder Storchenschnabel: "Meine Rinder können zwischen verschiedenen Gräsern auswählen. Ich denke, sie sind glücklich hier auf der Weide", sagt Andrea Glaßer. Auf ihrer Weide in Ahornberg bei Hof haben die Rinder viel Platz, sie grasen entspannt vor sich hin. Übrigens: Wissenschaftler der Kieler Christian-Albrechts-Universität haben herausgefunden, dass Kräuterkost den Ausstoß von Methan bei Kühen senkt, auf bis zu 20 Prozent weniger Methan pro Liter Milch.

    Die Kuh ist also ein wichtiger Bestandteil unseres Ökosystems, die Nährstoffe transformiert und das Gras am Wachsen hält, ganz ohne Maschinen und vollkommen energiesparend: Ihre Bisse und Tritte regen das Gras zum Wachsen an. Abgekaute Wurzeln verrotten in der Erde, so entsteht neuer Humus- ein Paradies für Insekten und Pflanzen.

    BUND Hof fördert Projekt "Weiderind Frankenwald"

    "Wir brauchen die Kuh, um unser Grünland zu erhalten", erklärt Wolfgang Degelmann vom Bund Naturschutz Hof. Für ihn ist eine Viehweide ein echter "Hotspot der Biodiversität". Deswegen möchte er die Landwirte dazu motivieren, ihr Vieh auf der Weide zu halten und nicht im Stall.

    Doch so umweltfreundlich Landwirte wie Andrea Glaßer auch eingestellt sind - Geld zum Leben brauchen sie trotzdem. Deswegen hat der BUND Hof vor acht Jahren die Initiative "Weiderind Frankenwald" gestartet: Landwirte, die ihre Rinder ganzjährig auf der Weide halten, stehen in engem Austausch mit Metzgern aus der Region. Der Metzger zahlt den Bauern mehr für ihr Kilo Fleisch als für Fleisch aus der Massentierhaltung. Das Fleisch von der Weide ist qualitativ hochwertiger, denn das Vieh hat mehr Zeit zum Wachsen und ernährt sich gesünder, ohne die Zufütterung von Kraftfutter wie Mais oder Soja. Wenn Andrea Glaßer ihre Ochsen und Bullen zum Schlachter bringt, sind sie etwa 30 Monate alt und wiegen bis zu 400 Kilo.

    Vor allem junge Familien fragen mehr nach

    "Was mich aufregt: Manche Restaurants haben Rindfleisch aus Argentinien auf der Speisekarte", erzählt Metzger Thomas Köhn aus Hof. "Das Fleisch ist bis zu 8.000 Kilometer unterwegs. Was da an CO2 verschwendet wird!" Der Metzger aus Hof verkauft nur Fleisch aus seiner Region. Er steht in engem Kontakt zu den Weidevieh-Haltern in seiner Heimat Frankenwald. Seine Beobachtung: Es wird weniger Fleisch gegessen, die Kunden fragen mehr nach.

    Vor allem junge Familien wollen genau wissen, wo und wie die Tiere aufgewachsen sind, sagt er.

    "Viele Kunden schätzen, wenn sie wissen: Der Landwirt ist um die Ecke, der Metzger ist um die Ecke, das Fleisch hat kurze Wege zurückgelegt. Hiermit schalten wir schon mal den Klimaschutz in die komplett richtige Richtung." Metzger Thomas Köhn

    Letztendlich entscheidet Verbraucher über Klimaschutz

    Wer bei Köhn im Fachgeschäft einkauft, schont also die Umwelt. Der Kunde muss zwar mehr bezahlen für Fleisch aus Weide-Viehhaltung als für Discounter-Fleisch, dafür bekommen auch Landwirte wie Andrea Glaßer etwas mehr Geld fürs Kilo. Und der Kunde bekommt bessere Qualität.

    Die Kuh jedenfalls sollte nicht immer auf ihren Methan-Ausstoß reduziert werden, kritisiert die Tierärztin Anita Idel. Die Leadautorin im UN-Weltagrarbericht sagt: "Die Kuh ist kein Klima-Killer!" Sie hinterfragt vielmehr das Handeln der Agrarindustrie. Die Kuh per se kann schließlich gar kein Klimakiller sein, sondern es ist eher der Mensch, der über ihre Haltung und ihre Schlachtung entscheidet. Letztlich entscheidet der Verbraucher: Sind wir bereit, auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten – und mehr zu bezahlen für Fleisch mit einer besseren Klima-Bilanz?

    Rund ums Thema Nahrung geht es am Mittwoch, 2. Oktober 2019 in STATIONEN im BR-Fernsehen, die Sendung finden Sie nach Ausstrahlung in der BR-Mediathek.