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"Klimahysterie": Es hätte viele Unwörter zum Thema gegeben | BR24

© dpa/ picture-alliance

Das Unwort des Jahres 2019: Klimahysterie

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"Klimahysterie": Es hätte viele Unwörter zum Thema gegeben

"Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können", schreibt der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen. Andere verdrängen und werfen Wissenschaftlern und Warnern "Klimahysterie" vor: das Unwort des Jahres 2019.

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In Zeiten, in denen Klimaretter und Klimarebellen die Einhaltung von Klimazielen fordern und Politiker im Klimapoker die Einführung von Klimazöllen erwägen, heutzutage, da Adjektive wie "klimaklug" gebildet werden, Klimalieder Klimakritiker auf den Plan rufen und Rechtsextreme ihre Gegner als "Klimanazis" zu diffamieren suchen, kurz: im allgegenwärtigen gesellschaftlichen Klimanotstand und Debattenklimawandel war es klar, dass das Unwort des Jahres irgendetwas mit dem Thema Klima zu tun haben würde. Begriffe wie "Klimawut", "Klimaangst", "Klimalüge" und "Klimaheuchler" sind im Umlauf, für das Klima wird gestreikt und ein renommierter Schriftsteller wie Jonathan Franzen veröffentlicht in wenigen Tagen die apokalyptisch tönende Schrift "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können".

Alternativen wären "CO2-Jünger" oder "Klimareligion" gewesen

Kein Tag vergeht, ohne dass sich angesichts von "Klimapaketen", die in Klimakabinetten verabschiedet werden, "Klimaskeptiker" zu Wort melden, "Klimaleugner" eine "Klimapanik" beklagen und so den Klimaschutz in den Schmutz zu ziehen trachten. Indem sie von "Klimahysterie" sprechen, wollen sie jene der Unglaubwürdigkeit zeihen, die sich so wie Greta Thunberg auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen. "Klimawahn" bzw. "Klimawahnsinn" sind andere Wörter aus diesem Umfeld.

Man kann diese Unwort-Wahl verstehen, aber es hätte andere abwertende Begriffe gegeben, die vor allem die Methode illustrieren, nach welcher diejenigen, die den menschengemachten Klimawandel in Abrede stellen, vorgehen. Indem sie nämlich von der "Klimareligion", von "Klimacalvinismus", "Klimakirche" und "CO2-Jüngern" sprechen, erklären sie etwas zur Glaubensfrage, was keine Glaubensfrage ist. Wer von "Klimakreuzzügen", "Klima-Ikonen" und "Klimafundamentalismus" spricht wie Beatrix von Storch auf Twitter, wer sich stolz zu den "Klima-Ketzern" zählt, der insinuiert durch dieses Framing, es gehe hier um eine Konfession, nicht um eine Tatsache. Ganz unschuldig an der quasi-religiösen Aufladung des Themas sind freilich auch jene Zeitgenossen nicht, die sich selbst als "Klimasünder" geißeln und die sofort flugschamesrot werden, wenn sie einmal nicht Zug fahren. Kontraproduktiv wirken auch jene Kirchenvertreter, die "Klima-Gottesdienste" abhalten und anschließend zur "Klimakollekte" aufrufen.

Climate change sells

Das Wort von der "großen Klima-Hysterie" stand nicht von ungefähr bereits 2007 auf dem Cover des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Heute wirkt das fast prophetisch angesichts von Kochbüchern für die "klimaschonende Küche" und Sachbüchern wie etwa dem des amerikanischen Historikers Kyle Harper: "Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches" heißt sein für dieses Frühjahr angekündigte Untersuchung, in der er nachzuweisen versucht, dass das Ende des Imperium Romanum wesentlich auf eine seinerzeitige Klimakrise – einen Temperaturabfall um zwei Grad – zurückzuführen ist.

Woran man merkt: climate change sells. Das Thema bringt manche steile These hervor. Und manche semantische Steigerungsanstrengung, die unsere Vergangenheit wie unsere Zukunft in immer noch düstereren Worten ausmalen will. Man könnte im Lichte dessen nachgerade von einer seltsamen Klimax sprechen.

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