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Klima als Protagonist: Ein Festival entdeckt "Climate Fiction" | BR24

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Bildrechte: Jan Michalko

Internationale Vertreter der "Climate Fiction" präsentiert das Climate Fiction Festival: online und kostenfrei.

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Klima als Protagonist: Ein Festival entdeckt "Climate Fiction"

Neues Label oder doch eigenes Genre? Das Climate Fiction Festival ist das weltweit erste Literaturfestival mit dem Schwerpunkt Klimakrise und Literatur. Besonders in Deutschland wird "Climate Fiction" bisher wenig wahrgenommen.

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Von
  • Stephanie Metzger
  • Judith Heitkamp

Ilja Trojanows Roman "EisTau" um einen Gletscherforscher gehört dazu. John von Düffels Roman "Der brennende See" über die Fridays-for-Future-Proteste auch. Das Nature Writing der Lyrikerin Marion Poschmann. Und die Ökothriller eines Dirk C. Fleck oder – jüngstes Bespiel – "Der neunte Arm des Oktopus" von Dirk Rossman. Es sind viele Namen, Formen und Themen, die sich versammeln unter der Genrebezeichnung "Climate Fiction". Entsprechend vielfältig auch das Programm des dreitägigen Online-Festivals Climate Fiction Festival, veranstaltet vom Literaturhaus Berlin und CCnetwork berlin. Denn es ist keineswegs eindeutig, was die Climate Fiction eigentlich auszeichnet. Der Begriff ist erst einmal ein Sammelbecken für viele literarische Formen, die das Thema verbindet, sagt Festivalleiter Martin Zähringer: "Climate Fiction ist Literatur, die sich dezidiert mit der Klimakrise, mit dem sogenannten Klimawandel auseinandersetzt. Literatur, in der anerkannt wird, dass der Mensch Verursacher der Erderwärmung oder Erdüberhitzung ist. Und daraus werden dann Themen erarbeitet und Stoffe entwickelt."

Offenheit und Vielfalt aus Prinzip

So reizvoll diese Offenheit erscheint, so zwingend stellt sich die Frage nach der Abgrenzung des Genres. Zur Science-Fiction etwa, die ja längst in ihren Zukunftsszenarien den Einfluss des Menschen auf das Klima und die Konsequenzen ausbuchstabiert hat. Entsprechend wird das Festival die Definition der Climate Fiction diskutieren. Der englische Germanisten Andrew Goodbody, einer der ersten Kenner dieser literarischen Form, charakterisiert das Genre durch die Themenstellung. Zugleich geht es aber auch um die netzwerkartige Verbindung zu anderen literarischen Traditionen: "Da eine genaue Definition fehlt, könnte man sich Cli-Fi am besten als einen besonderen Korpus kultureller Erzeugnisse denken, die sich mit dem menschengemachten Klimawandel befassen. Sie erkunden das Phänomen nicht nur mit Blick auf das Setting, sondern in Beziehung zu psychologischen und sozialen Fragen, indem fiktive Handlungen mit meteorologischen Fakten, Spekulationen über die Zukunft und Reflexionen über die Mensch-Natur-Beziehung kombiniert werden. Sie tun dies bei offenen Grenzen zu einem größeren Archiv verwandter Werke, aus welchen sie sich für ihre Darstellung und Beschreibung der Klimakrise manchmal bedienen."

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Festivalleiter und Literaturkritiker Martin Zähringer traut der Climate Fiction einiges an Wirkung zu.

Der dänische Autor und Kulturwissenschaftlers Gregers Andersens ist da konkreter. Er wird beim Festival fünf Erzählmuster der Climate Fiction vorstellen. Das von einer sich rächenden Natur zum Beispiel. Oder das vom Verlust der Wildnis. Für Andersens liegt der Reiz der Climate Fiction dabei nicht in der Auserzählung der Katastrophe, sondern in der Imagination von Alternativen. Climate Fiction hat für ihn aktivistische Tendenzen, sie ist Labor für neue gesellschaftliche und individuelle Praktiken: "Gerade weil wir nicht wissen, wie die menschengemachte globale Erwärmung sich auf Individuen und Orte auswirken wird, erweist sich Climate Fiction an diesem entscheidenden Punkt in der Menschheitsgeschichte als ein interessantes Medium der Reflexion. Es ist diese Ungewissheit, die Climate Fiction zu einer derart wichtigen Quelle der Interpretation macht: Nicht nur in Bezug auf die vorherrschenden Ansichten, die das wissenschaftliche Paradigma von der anthropogenen globalen Erwärmung im westlichen Denken hervorbringt, sondern auch in Bezug darauf, wie der anthropogene Klimawandel die Existenzweise der Menschen verändern könnte."

Befreiung von Angst und Impulsgeber zum Handeln

Im deutschsprachigen Raum wurde die Climate Fiction bisher kaum wahrgenommen. Die Autorinnen und Autoren aus Deutschland oder der Schweiz vorzustellen, ist das eine Anliegen des Festivals. Auch internationale Gäste werden sprechen und lesen. Zugleich reizt das Programm durch übergreifende Themenstellungen. Was bedeutet es, wenn ein Autor wie Dirk C. Fleck sich von eher dystopischen Szenarien der Utopie zuwendet? Welchen politischen Einfluss kann man Climate Fiction zusprechen? Kann diese Literatur auch zu anderem Handeln verführen? Veranstalter Martin Zähringer schätzt die Wirkung von Climate Fiction jedenfalls nicht gering ein: "Ich würde sagen, wenn man Literatur als Teil der kulturellen Vermittlung versteht, dann kann Literatur dieses Thema von der Angst befreien. Sie kann das Thema aus dem schnelllebigen Bereich der Medien herausnehmen und in eine langfristige Vergegenwärtigung überführen. Durch die Lektüren hat der Leser, hat die Leserin ja schon viel mehr Macht über das Geschehen. In dem Sinne, dass man nicht ohnmächtig ist, dass man auch als Einzelner in der Lage ist, etwas zu tun und eben angstfrei und stressfrei und ohne auf irgendwelche Vorurteile hereinzufallen, sich mal umzudrehen und zu gucken, was könnte man denn machen? Was könnte ich denn machen?"

Das Climate Fiction Festival mit internationalen Autorinnen und Autoren sowie Expertinnen und Experten findet online statt. Alle Veranstaltungen werden auf Deutsch und Englisch auf dem youtube-Kanal des Literaturhauses Berlin zu sehen sein.

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