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Klerikalismus: Kampfbegriff oder Hauptproblem der Kirche? | BR24

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Der Klerikalismus, das Sich-Überlegen-Fühlen der Priester über die Gläubigen, begünstige Missbrauch in der Kirche - sagt Papst Franziskus. Der bayerische Kardinal Gerhard Ludwig Müller widerspricht energisch. Kritiker brandmarkt er als Kirchenfeinde.

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Klerikalismus: Kampfbegriff oder Hauptproblem der Kirche?

Der Klerikalismus, das Sich-Überlegen-Fühlen der Priester über die Gläubigen, begünstige Missbrauch in der Kirche - sagt Papst Franziskus. Der bayerische Kardinal Gerhard Ludwig Müller widerspricht energisch. Kritiker brandmarkt er als Kirchenfeinde.

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"Vom Übel des Klerikalismus", spricht Papst Franziskus immer wieder in aller Öffentlichkeit. Er sei "der fruchtbare Boden für diese Gräuel" des sexuellen Missbrauchs. Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, Ex-Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, widerspricht ihm energisch: Die Ursache für den Missbrauchsskandal sei nicht der Klerikalismus, auch nicht die Pädophilie, sondern die "aggressive Homosexualität" innerhalb des Klerus.

Innerkirchliche Debatte hat an Aggressivität zugenommen

Dass Müller selbst im Vatikan mit seiner Meinung nicht nur auf Zustimmung trifft, stört den streitbaren Kardinal keineswegs. Für die "Hofschranzen" im Vatikan, so Müller, gelte "jede beiläufige Bemerkung, und sei es in einem Interview, als sakrosankt. Als hätte Gott selbst gesprochen." Der Papst bewege sich mit seinen Interviews durch "vermintes Gelände", meint Kardinal Müller. Er wünsche sich vom Heiligen Vater mehr Zurückhaltung "in weltlichen Fragen".

Die innerkirchliche Debatte in Deutschland hat an Aggressivität und Unversöhnlichkeit zugenommen. Wie sehr, davon zeugt die Auseinandersetzung des Kardinals mit einigen prominenten deutschen Katholiken, an ihrer Spitze die Jesuitenpatres Klaus Mertes und Ansgar Wucherpfennig. Im Februar dieses Jahres hatten sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen offenen Brief an Kardinal Marx, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, geschrieben.

Kardinal Müller: "Anschlag auf die Einheit" der Kirche

Der erste Absatz dieses Briefes lautet: "Lieber Herr Kardinal Marx, der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen durch katholische Kleriker und die Versuche im Verantwortungsbereich der Bischöfe, solche Taten zu vertuschen, haben viel Unheil in das Leben der Betroffenen gebracht und im weiten Umkreis den Glauben von katholischen Christen erschüttert."

Kardinal Müller reagierte prompt auf diesen Brief und kritisiert heftig dessen Inhalt. Er warf den Unterzeichnern vor, sie würden sich dem Zeitgeist allzu sehr anpassen und unterstellte ihnen, sie planten einen "Anschlag auf die Einheit" der Kirche.

Das Böse komme von Außen in die Kirche - nicht aus ihr selbst

Die Antwort kam schnell und deutlich: Die Aussagen des Kardinals seien nicht nur "unglaublich dreist" und "abgründig falsch", sondern "zum Dogma geronnener klerikaler Dünkel". Dieser klerikale Dünkel sei - so der Jesuit Klaus Mertes - ein Schlüssel zum Gesamtproblem Missbrauch.

Es sind nicht wenige in der Kirche, die so denken wie Kardinal Müller. Hinter seiner Polemik verbirgt sich die zunächst gute Absicht, die Kirche vor Schaden zu bewahren. Doch seine harte Sprache - Kritiker werden als Kirchenfeinde gebrandmarkt - verhindert einen kritischen Diskurs zur Lösung der innerkirchlichen Probleme. Für Kardinal Müller und andere hohe Prälaten kommt das Böse nicht aus dem Inneren der Kirche. Es kommt von außen. Aus der säkularen Welt schleicht es sich teuflisch in sie hinein.

Kardinal Müller: keine systemischen Mängel in der Kirche

Kardinal Müller sieht keine systemischen, strukturellen Mängel in der Kirche: "Strukturelle Mängel? Wie will man das feststellen?", sagte er im BR. "Münchner, Berliner Bürger begehen Verbrechen, dann kann ich nicht einfach sagen, was hat das mit dem Wohnort München zu tun. Und wenn man jetzt immer strukturelle Hintergründe sucht, dann geht man an der Wirklichkeit vorbei und wird nichts tun dafür, im Sinne der Prävention."

Ganz anders sieht das der Schweizer Pastoralreferent und psychologische Supervisor Bernd Kopp. Priester würden in der katholischen Kirche - im Unterschied zur protestantischen - einem eigenen Stand angehören, der sich wesensmäßig vom Stand der Laien unterscheidet. Die ursprüngliche Wortbedeutung "Klerus" stammt aus dem Griechischen und kann deutsch mit "ausgewählter Personenstand" übersetzt werden. Allgemein wird darunter die Gesamtheit der Angehörigen des geistlichen Standes, der Kleriker, verstanden. Die Bezeichnung "Kleriker" bezieht sich vornehmlich auf das Weihepriestertum des katholischen Christentums.

Aussagen von Papst Franziskus lassen Gläubige hoffen

Der Priester, so das theologische Verständnis, erhält durch die Weihe das sogenannte unauslöschliche Prägemal. Es versetzt ihn, so das theologische Verständnis, in die Lage "in persona christi", durch die Person Christi, zu sprechen und zu handeln. Bernd Kopp kritisiert: "Zunächst ist das eine Manifestation dieser Zwei-Stände-Lehre, die wird ja hier quasi zelebriert. Sie unterstellt, dass das Wissen der Laien in einer bestimmten Hinsicht defizitärer ist, als das Wissen und das Gewissen der Amtsträger."

Kopp hofft, wie viele andere Gläubige, auf Papst Franziskus. Zum Ende des Anti-Missbrauchsgipfel sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche: "Das heilige Volk Gottes wird uns vom Übel des Klerikalismus befreien, der den fruchtbaren Boden für all diese Gräuel bildet." Jeder einzelne Gläubige habe eine gewisse Würde, so Kopp. Diese sei ihm durch Taufe als auch Firmung gegeben.