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Kultursenator Klaus Lederer: "Da muss deutlich mehr passieren" | BR24

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Klaus Lederer (Die Linke), Vorsitzender der Kulturministerrunde über die Konsequenz der Kulturminister

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Kultursenator Klaus Lederer: "Da muss deutlich mehr passieren"

Wie geht es weiter mit der Kultur im Lockdown – und danach? Darüber haben die Kulturminister und -ministerinnen der Länder gestern beraten. Der neue Vorsitzende der Kulturministerkonferenz Klaus Lederer erzählt im Interview, was am meisten drängt.

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Von
  • Christoph Leibold

Heute beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise. Dass der gegenwärtige Lockdown über den 10. Januar hinaus verlängert wird, gilt bereits als ausgemacht. Wie werden Bund und Länder aber die Kultureinrichtungen bis dahin unterstützen? Und was könnte "bis dahin" heißen, wie und unter welchen Bedingungen kann es überhaupt mit der Kultur wieder losgehen? Darüber hat Christoph Leibold mit dem Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) gesprochen, der seit Beginn des Jahres Vorsitzender der Kulturministerrunde ist.

Christoph Leibold: Es gibt vermutlich schönere Zeiten, um der Kulturministerrunde vorzusitzen. Oder sagen Sie: Das ist auch eine Möglichkeit, mal was zu bewegen? Denn bisher hatte man das Gefühl, die Kultur fiel in der Corona-Debatte eher hinten runter. Das wäre ja für Sie eine Chance, offensiver für die Kultur einzutreten, oder?

Klaus Lederer: Das Gefühl täuscht nicht. Wir hatten schon im vergangenen Jahr den Eindruck, dass der Kultur nicht in jeder Hinsicht der Stellenwert zugebilligt wurde, der ihr gebührt. Aber wir sind natürlich ein Koordinations-Gremium, noch dazu ein sehr junges. Es gibt die Kultusministerkonferenz erst seit zwei Jahren. Sie ist also noch nicht besonders alt. Und man kann schon eines sicher sagen: Wenn es sie bisher nicht gegeben hätte, dann müsste man sie spätestens jetzt in der Pandemie erfinden. Es ist tatsächlich auch ein sehr vertrauensvolles Miteinander: Es spielt keine Rolle, wer von welcher Partei kommt, sondern wir suchen gemeinsam nach Lösungen. Und natürlich ist es so: Die Ministerpräsidenten haben uns den Auftrag gegeben, uns Gedanken zu machen über die Kultur im Lockdown, und über die Kultur, wenn es wieder möglich ist, den Lockdown zu verlassen. Und diesen Auftrag erfüllen wir jetzt natürlich auch.

Das heißt, Sie stricken schon an Konzepten für den Ausstieg aus dem Lockdown. Gibt's denn schon erste Ergebnisse?

Es ist natürlich im Augenblick noch überhaupt nicht die Situation, um Daten nennen zu können. Wir können keinen Zeitstrahl auf den Tisch legen. Wir können auch nicht sagen, dann und dann wird die Kultur wieder hochgefahren. Dazu sind die Zahlen in den Intensivstation in den Krankenhäusern viel zu dramatisch, und auch die Ansteckungslage ist noch viel zu ernst. Es ist ja im Augenblick so, dass die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin eher darüber reden, was jetzt noch getan werden kann, um die Inzidenzzahlen schneller runter zu drücken. Insofern ist die Situation so, dass wir uns Gedanken machen, in welcher Reihenfolge, wenn es wieder losgehen kann, wir die Kulturinstitutionen wieder öffnen können. Wir machen uns um Rahmenbedingungen Gedanken. Die Voraussetzung ist natürlich immer die, dass die Inzidenzzahlen wirklich deutlich niedriger sind, als sie es derzeit in der Bundesrepublik fast flächendeckend sind. Aber wir sind in Kontakt mit Virologen, Hygienikern, Expertinnen und Experten für Public Health und Belüftungstechnikern, um Parameter zu entwickeln, wie in einzelnen Bereichen die Ansteckungssituation ist, wie sie minimiert werden kann, wo die geringsten Gefahren lauern und wo die Gefahren höher sind. Daraus entwickeln wir im Grunde ein Gerüst, was zuerst geht, was später geht.

Die Kulturministerinnen und -minister haben sich gestern schon beraten. Ich nehme an, auch um die Überlegungen in den Austausch der Länder-Chefs und -Chefinnen einzuspeisen. Die Kulturministerrunde hat, wie Sie erwähnt haben, ebenfalls den Auftrag bekommen, Strategien vorzubereiten. Wäre es da nicht sinnvoll gewesen, gleichfalls schon heute etwas fertig zu haben und vorzulegen, um auch mit auf der Agenda zu stehen? Auch wenn es, wie Sie sagen, noch dauern wird, bis es wieder losgehen kann in der Kultur – wäre es nicht wichtig gewesen, schon mal ein Zeichen zu setzen?

Also zum einen geht Gründlichkeit vor Schnelligkeit. Zum zweiten: Wir kommunizieren natürlich mit unseren Regierungschefs regelmäßig. Im Augenblick ist aber die Situation tatsächlich so, dass wir vermutlich falsche Erwartungen wecken würden. Wir erinnern uns ja alle noch an die Situation Anfang November, wo dann die Rede davon war, dass wir uns jetzt alle einen Monat mal so richtig am Riemen reißen müssen, und dann wird die Welt wieder schön. In dieser Situation sind wir einfach nicht. Und keine unserer Kultureinrichtung geht derzeit davon aus, dass wir jetzt in diesem Monat oder zu Beginn des nächsten Monats eine Situation haben, wo wir ganz locker wieder einfach so öffnen können. Aber natürlich muss man vorbereitet sein, und das sind wir auch. Wir halten unsere Regierungschefs regelmäßig auf dem Laufenden. Ich gehe zum Beispiel davon aus, dass, wenn was möglich ist, sicherlich die kulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche ganz vorne ansteht; und dass Einrichtungen, wo man Zeitfenster für den Besuch organisieren kann und wo die Menschen auch nicht dicht aufeinander hocken, wenn man es gut organisiert, also die Museen, Gedenkstätten oder Galerien, auch am Anfang stehen. Die großen Einrichtungen, in denen darstellende, performative Künste und Musik geschehen, das sind natürlich diejenigen, die jetzt in ihrer Geduld besonders auf die Probe gestellt sind, weil dort erfahrungsgemäß viele Leute zusammenkommen. Und es kommt noch nicht mal so sehr darauf an, ob im Raum die Ansteckungsgefahr hoch ist oder nicht. Sondern die Menschen bewegen sich ja auch. Die augenblicklichen Maßnahmen im Lockdown haben nichts damit zu tun, ob man sich in einer Kultureinrichtung explizit besonders anstecken kann oder nicht. Die sind vielmehr von dem Gedanken getragen, dass man Kontakte überhaupt minimieren soll. Man kann eigentlich nur sagen: Im Augenblick sollten die Menschen möglichst zu Hause bleiben, Abstand halten, Masken nutzen, lüften. Das ist das, was auf der Tagesordnung steht. Die Öffnung von Kultureinrichtung, so bedauerlich das für mich als Kulturminister natürlich ist, ist im Augenblick nicht das oberste Thema.

Und wenn ich das im Anfang Ihrer Antwort richtig herausgehört habe, rechnen Sie auch nicht damit, dass es im Februar wieder losgeht?

Na ja, es gibt beispielsweise die Bibliotheken, die bei uns in Berlin im Leih-Verkehr geöffnet sind. Das ist aber auch nicht ganz einfach sicherzustellen. Wir haben in Berlin auch die Buchläden geöffnet. Es ist ja nicht so, dass Kultur überhaupt nicht stattfindet. Aber ich gehe natürlich auch davon aus, dass alles, was in Innenräumen passiert, noch eine ganze Weile braucht. Die Impfkampagne muss beginnen zu wirken. Die Zahlen müssen runter sein. Ich bin deswegen sehr, sehr zurückhaltend, im Augenblick irgendwelche Erwartungen zu wecken. Die Kultureinrichtungen brauchen ja auch Planungssicherheit. Und da organisieren wir derzeit eher eine Kommunikation untereinander, die eine längerfristige Perspektive im Blick hat. Ganz wichtig ist natürlich im Augenblick – und da sind nun wirklich alle 16 Kulturministerinnen und -minister stark dran – die soziale Situation von Soloselbstständigen und Freiberuflern. Denn die sind nun wirklich am Härtesten getroffen. Für diejenigen, die in den Institutionen arbeiten, ist es bitter, dass sie derzeit nicht das machen können, was sie gerne machen, dass sie anderen keine Freude bringen können, dass der Applaus nicht kommt. Aber diejenigen, die im freien Bereich unterwegs sind, die hängen nun richtig in der Luft, und da muss deutlich mehr passieren.

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