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Andreas Goldstein über seinen Film "Der Funktionär" | BR24

© Bayern 2

Der Regisseur Andreas Goldstein hat einen Film gemacht über seinen Vater, den DDR-Kulturpolitiker Klaus Gysi. Er zeigt ihn als widersprüchlichen Parteifunktionär vor der Kulisse einer entschwindenden DDR.

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Andreas Goldstein über seinen Film "Der Funktionär"

Der Regisseur Andreas Goldstein hat einen Film gemacht über seinen Vater, den DDR-Kulturpolitiker Klaus Gysi. Er zeigt ihn als widersprüchlichen Parteifunktionär vor der Kulisse einer entschwindenden DDR.

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Der 1999 verstorbene Klaus Gysi dürfte einer der bekanntesten Kulturpolitiker der DDR gewesen sein. Er war Leiter des Aufbau-Verlags und Kulturminister, später zuständig für Kirchenfragen. „Der Funktionär“ heißt ein filmischer Essay, den sein Sohn Andreas Goldstein jetzt über Gysi gemacht hat.

Judith Heitkamp: Das ist ein sehr persönlicher Film geworden ... welche Rolle hat Ihr Vater in Ihrer Kindheit für Sie gespielt?

Andreas Goldstein: Mein Vater war ein Abwesender. Ich war neun, als er auszog, in den Jahren davor war er Verlagsleiter und Kulturminister, das heißt, er kam spät, wenn ich als Kind im Bett war, und ich hab ihn am Wochenende erlebt. Ich bin aufgewachsen mit einer Menge an Mythen und Erzählungen über meinen Vater.

Welche Mythen waren das?

Es gab einen seltsamen Widerspruch bei ihm. Er war ja nicht so, wie man sich einen Funktionär vorstellt. Mein Vater war agil, beweglich, er hatte Witz, es gibt viele Anekdoten und originelle Bemerkungen, die er gemacht hat. Er hatte immer eine gewisse innere Distanz, die sich in solchen Witzen gezeigt hat, und mit diesen Geschichten bin ich quasi aufgewachsen. Andererseits war er immer der, der Institutionen wieder auf politische Linie bringen sollte. Er wurde Verlagsleiter vom Aufbau-Verlag, nachdem man Janka abgesetzt hatte, er wurde nach dem 11. Plenum Kulturminister – einerseits sollte er den Laden wieder auf Linie bringen, andererseits signalisierte man so den Künstlern, es ist nicht so schlimm, hier kommt ein Mann, mit dem sich reden lässt.

© Patricia von Ah

Regisseur Andreas Goldstein

Er war sehr gewandt, sehr klug – Sie zeigen aber auch viele Ausschnitte, wo er immer wieder betont, dass er sich stets der Partei untergeordnet hat. Er war sozusagen widersprüchlich im großen Stil. Haben Sie in diesem Film Widersprüche auflösen können?

Nein, diese Widersprüche entsprechen den realen Erfahrungen. Mein Vater sollte Probleme lösen, die er gar nicht lösen konnte. Das war am Ende sehr offensichtlich, als er Staatssekretär für Kirchenfragen war, die Konflikte in der DDR zunahmen, die Krise wuchs, die Kirchen zu einem Sammlungsort der Opposition wurden und es nicht mehr um religiöse Fragen ging, sondern um politische. Er hatte dann so eine Art, auszutarieren in beide Richtungen, der Partei zu sagen, sie müsse Geduld haben und Verständnis, und dieses Verständnis erbat er auch von den Bischöfen. Die Probleme konnte er in dieser Diplomatenrolle natürlich nicht lösen.

Konnten Sie den ausmachen, wo er selber stand?

Das ist kompliziert. Die Treue zur Partei war ja schon da. Diese Generation hat so viel Aufs und Abs in der DDR-Geschichte erlebt. Immer existierte die Hoffnung, dass sich mit dem nächsten Generalsekretär, mit Veränderung in Moskau irgendwie wieder etwas bewegt in der DDR. Dass man halt durchhalten muss. Bei meinem Vater gab es auch die Haltung, besser man macht es selbst, als es anderen zu überlassen, um so Schaden abzuwenden. In diesem Spagat hat er sich immer bewegt.

© Edition Salzgeber

Szene aus "Der Funktionär"

Was haben Sie als Kind über die DDR gelernt, in dem, was Sie von Ihrem Vater mitbekommen haben?

Man hatte so eine Art familiäres Verhältnis zur DDR. Die Vorgeschichte war vertraut – meine Mutter zum Beispiel, 1919 geboren, 1938 nach England gegangen, dort in Emigrantenkreisen, Kommunisten, Juden, Sozialdemokraten – daraus hat sich viel erklärt. Insofern hatte ich immer ein Verständnis für die Schwierigkeiten, in denen man sich befand, andererseits war da aber auch ein Widerspruch, weil meine eigenen Erfahrungen anderer Art waren, weil ich die DDR in der Niedergangsphase erlebt habe. Während meine Eltern die Hoffnungen geteilt haben, die sich nach 1945 mit diesem Land verbanden. Die Wirklichkeit des Sozialismus lag im Vergangenen und im Zukünftigen zugleich, sie lag in den Opfern und der Vorgeschichte und in der zu entwickelnden Gesellschaft.

Was war dann Ihre Haltung dazu – eine Art von Misstrauen?

Nein, ich hatte kein Misstrauen. Man ist ja mit dieser Widersprüchlichkeit aufgewachsen, dass man einerseits für den Sozialismus ist, für eine Gesellschaft, in der das Diktat der Ökonomie abgeschafft ist, in der die Leute Arbeit haben, in der es bezahlbare Wohnungen gibt, in der Arbeiterkinder Zugang zu höherer Bildung haben und so weiter – das hat einen an die DDR gebunden. Andererseits hat man die Verkrustung und den extremen Stillstand erlebt. Man hat beides zugleich wahrgenommen.

Sie verwenden viele alte Fotos, man sieht neblige DDR-Tage oder neblige Nachwende-Tage, und Sie lassen uns diese Bilder mit all der Zeit betrachten, die man damals noch hatte – jedenfalls drängte sich mir dieses Gefühl auf, immerhin reden wir über eine Zeit ohne Digitales und ohne Smartphone. Das schafft viel Ruhe und auch viel Entrücktheit. Wie nahe ist Ihnen die DDR und die Wende-Zeit heute noch?

Sie ist mir relativ nah, weil es die Zeit meines eigenen Aufwachsens ist, meiner politischen Sozialisation. Vielleicht bleibt man ein Leben lang in der Zeit, in der man erwacht. Das habe ich erst später begriffen – mein Vater war 37, als die DDR gegründet wurde, da ist ein Mensch schon fertig. Bei den Fotos, die der wunderbare Cutter Chris Wright montiert hat, der wirklich großen Anteil an diesem Film hat – da ist das Eigenartige, wie ich damals die DDR fotografiert habe – im Grunde wie ein Museum. Menschenleer, als ob sie schon verschwunden sei. Als ob es ein Empfinden gab, dass ich in einer Zeit lebe, die eigentlich schon vergangen ist.

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