BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz als Lernort | BR24

© dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

Rund zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz. Der Großteil davon sind Jugendliche.

Per Mail sharen

    Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz als Lernort

    Die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz zählt zu den am häufigsten von deutschen Schulen besuchten Exkursionszielen im Ausland. Ein wichtiger Lernort: Denn die Dimension des NS-Terrors wird für viele junge Menschen erst vor Ort greifbar.

    Per Mail sharen
    Von
    • Barbara Weiß

    "Ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz verändert Menschen – jeden Menschen." Da war sich der Holocaust-Überlebende Maurice Goldstein sicher. Und nicht nur er. Bereits wenige Jahre nach der Befreiung am 27. Januar 1945 entstand auf dem Gelände des größten Vernichtungslagers des NS-Terrors eine Gedenkstätte.

    Seit den 80ern: Ziel von Klassenfahrten

    Die ersten deutschen Schüler kamen allerdings erst viel später, sagt Christian Kuchler, Professor für Geschichtsdidaktik an der Universität Aachen: "Auschwitz als Reiseziel für deutsche Schulklassen wurde ab dem Jahr 1980 im Windschatten der neuen Ostpolitik entdeckt." Damals brachen viele Schülerinnen und Schüler zu zweiwöchigen Fahrten durch ganz Polen auf.

    Auschwitz spielte aber nur eine kleine Rolle bei der Rundreise. Die Fahrten der 80er-Jahre sind eher Kurzbesuche, ein bis drei Stunden blieben die Schüler nur in der Gedenkstätte. Aus heutiger Sicht überraschend, meint Christian Kuchler, der die Geschichte der Klassenfahrten wissenschaftlich untersucht hat. Vor allem seit 2010 würden viele Klassenfahrten ausschließlich nach Oswiecim führen – so heißt Auschwitz auf Polnisch. "Dementsprechend ist die Gedenkstätte heute das einzige Lernziel für die Gruppen", sagt Christian Kuchler.

    Pädagogische Herausforderung

    Auschwitz ist als Lernort gut geeignet, meint der Historiker Christian Kuchler, Die Dimension des Terrors werde hier besonders deutlich. 191 Hektar Grauen belegen das unvorstellbare Ausmaß der Unmenschlichkeit, weiß auch Geschichtslehrer Tobias Verbeck aus München: "Brillen, Haare, Überreste der vergasten Menschen setzen nicht nur Schülern emotional zu. Es haut einen emotional um."

    Es ist eine pädagogische Herausforderung für die Lehrkräfte, die Schüler in dieser Situation aufzufangen. "Immer wieder ist in den Berichten die Rede von Angst vor der Studienfahrt", sagt Christian Kuchler. "Diese Blockade muss man lösen, sonst können sich die Schüler nicht darauf einlassen." Vor Ort sei es dann wichtig, den Jugendlichen Zeit zu geben, ihre Eindrücke individuell zu verarbeiten, um nachzudenken, zu reflektieren und ein Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

    Zwei Millionen Auschwitz-Besucher jährlich

    Seit 1964 gibt es in Bayern eine Empfehlung des Bayerischen Kultusministeriums, mit Schülern KZ-Gedenkstätten zu besuchen. Anfangs wurde das kaum wahrgenommen. Heute ist der Besuch einer Gedenkstätte fester Bestandteil des Lehrplans. Meistens geht es aber nicht nach Auschwitz. Tobias Verbeck, Geschichtslehrer am Münchner Adolf-Weber-Gymnasium, fährt regelmäßig mit seinen Schülern nach Dachau. Am meisten seien die jungen Leute von den persönlichen Geschichten beeindruckt. Aber auch die Atomsphäre vor Ort trage dazu bei, die Dimensionen zu begreifen, mit welcher Planmäßigkeit Menschen einander etwas angetan haben, so Tobias Verbeck. Die Frage nach dem "Warum?" hört er oft auf den Exkursionen.

    Rund zwei Millionen Menschen besuchen jährlich die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Der Großteil davon sind Jugendliche. Auch Dachau ist ein beliebter Lernort. Da kann es – in Zeiten ohne Corona-Pandemie – schon auch mal voll werden. Christian Kuchler hält darum beispielsweise auch Flossenbürg für einen guten Lernort: "Da ist es nicht so belebt und man kann intensiver einsteigen."

    Sensibilität für rechtspopulistische Strömungen

    Egal, welche Gedenkstätte Schüler besuchen - Björn Mensing, Historiker und evangelischer Pfarrer an der KZ-Gedenkstätte Dachau, hofft dass die Besuche bei den Schülern auch dazu beitragen, sich die eigene Familiengeschichte anzuschauen. Studien würden belegen, dass viele Jugendliche denken, ihre Urgroßeltern seien Widerstandskämpfer gewesen. "In Wirklichkeit", sagt Mensing, "war das aber nur ein geringer Prozentsatz." Es gehe nicht darum, ein schlechtes Gewissen zu machen: "Sondern sensibel zu machen, für rechtspopulistische Strömungen auch im eigenen Umfeld der Schülerinnen und Schüler."

    Die NS-Zeit und den Holocaust emotional erfahrbar zu machen für Jugendliche, bleibt weiter eine Herausforderung für die Geschichtsdidaktik

    Interessieren Sie sich für Themen aus Religion, Kirche, Glaube und Spiritualität? Unser Newsletter hält sie auf dem Laufenden - jeden Freitag frei Haus. Hier geht's zum Abo.