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Kirchenaustritte in Bayern: Starker Anstieg im Jahr 2018 | BR24

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Jahrelang waren die Zahlen auf hohem Niveau stabil. Aber 2018 melden 57 bayerische Städte deutlich mehr Kirchenaustritte, sowohl von Katholiken als auch Protestanten. Ein möglicher Grund: der Missbrauchs-Skandals der Kirche.

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Kirchenaustritte in Bayern: Starker Anstieg im Jahr 2018

Im vergangenen Jahr haben in Bayern durchschnittlich gut ein Viertel mehr Katholiken und Protestanten ihre Kirche verlassen als 2017. Dem BR liegen die Zahlen aus 57 bayerischen Städten mit je mindestens 20.000 Einwohnern vor.

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"In meinem Bekanntenkreis sind einige ausgetreten, weil es einfach nicht mehr stimmt, das Ganze", sagt ein Mann in einer Straßenumfrage des Bayerischen Rundfunks in Ingolstadt. Eine befragte Frau findet den sexuellen Missbrauch in der Kirche "ein unglaubliches Drama, unendlich furchtbar." Doch es war nicht nur das Thema Missbrauch, das den beiden großen christlichen Kirchen im letzten Jahr zu schaffen machte. Auch der Finanzskandal im Bistum Eichstätt sorgte in der katholischen Kirche für einen Vertrauensverlust.

Spielen die Skandale bei den Austritten eine Rolle?

Ob sich die Skandale auf die Kirchenaustrittszahlen ausgewirkt haben, lässt sich nur mutmaßen. Wer aus der Kirche austritt, wird auf dem Standesamt nicht nach den Gründen gefragt. Fakt ist aber: Allein in Eichstätt sind 2018, im Jahr des Finanzskandals, 235 Menschen aus beiden Kirchen ausgetreten und somit 134 mehr als 2017 - eine Steigerung von 133 Prozent.

"Je weniger religiös die Menschen sind, desto wichtiger ist ihnen, wie die Kirche rüberkommt - wenn es drum geht: soll ich austreten oder nicht. Und da sind natürlich solche Schlagzeilen wie Limburg oder Eichstätt kein positiver Beitrag zum Erscheinungsbild." Prof. Ulrich Riegel, Kirchensoziologe an der Universität Siegen

Der BR hat 69 bayerische Städte mit mindestens 20.000 Einwohnern befragt. Bei 57 Städten, die geantwortet haben, wurden die Kirchenaustrittszahlen aus den Jahren 2017 und 2018 verglichen. Die Konfessionen evangelisch und katholisch wurden dabei zusammengefasst.

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Kirchenaustritte in Bayern 2018

Im Schnitt 25 Prozent mehr Kirchenaustritte in Bayern

Im Durchschnitt sind in den vom BR angefragten bayerischen Städten, im vergangenen Jahr ein Viertel mehr Menschen aus der evangelischen und der katholischen Kirche ausgetreten als . Einen besonders hohen Anstieg verzeichnet Bad Kissingen (153 Austritte, Steigerung um 74 %), Forchheim (239 Austritte, Steigerung um 67 %) und Passau (471 Austritte, Steigerung um 52 %.

Einen erhöhten Anstieg gab es auch in Deggendorf mit 277 Austritten (Steigerung um 43 %), Neumarkt in der Oberpfalz mit 334 Austritten (Steigerung um 42 %) und Coburg mit 331 Austritten (Steigerung um 42 %). Im Mittelfeld liegen Städte wie Erlangen (935 Austritte, Steigerung um 27 %), Kaufbeuren (320 Austritte, Steigerung um 26 %) und Dachau (511 Austritte, Steigerung um 22 %). Aber selbst hier gab es mehr Austritte als noch 2017.

Geringer Anstieg in München, Nürnberg und Augsburg

Die meisten Kirchenaustritte gab es erwartungsgemäß in den einwohnerstärksten Städten zu verzeichnen, in München (13.879 Austritte), Nürnberg (3.891 Austritte) und Augsburg (2.162 Austritte). Allerdings liegt der Anstieg in den drei größten Städten unter dem Durchschnitt: In München gab es im letzten Jahr 16 Prozent mehr Austritte als 2017, in Nürnberg und Augsburg jeweils 19 Prozent.

"Bei den meisten Menschen ist es, nach meiner Erfahrung, die fehlende Bindung. Sie erleben die Kirche als etwas, das sie nicht mehr brauchen können. Und was ich nicht mehr brauchen kann, das ist heute ganz einfach: Dann will ich es auch nicht mehr haben." Pater Alfons Friedrich, Salesianer Don Boscos, München

Nur in Weiden sind weniger Menschen aus der Kirche ausgetreten

Auch in Bamberg, Bayreuth und Haar ist die Anzahl der Kirchenaustritte weniger stark gestiegen als im bayerischen Durchschnitt - aber auch hier legten sie zu: Bamberg hat mit 584 Austritten nur knapp 12 % mehr als im Vorjahr, Bayreuth mit 558 Austritten knapp 8 % und Haar mit 160 Austritten 4 % Steigerung. Den geringsten Anstieg gab es in Straubing - hier waren es mit 274 Austritten nur drei mehr, als im letzten Jahr (Anstieg um 1 %). Weiden in der Oberpfalz ist nach BR-Kenntnisstand die einzige Stadt in Bayern mit mindestens 20.000 Einwohnern, die 2018 einen Rückgang an Kirchenaustritten angab: Mit 223 Austritten knapp 18 % weniger als im Vorjahr.

Die Vorsitzenden der beiden großen christlichen Kirchen, Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, wollten diese Austrittszahlen nicht kommentieren.