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"Kirchenasyl" für Künstler | BR24

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Fany Kammerlander und Pastor Bernd Berger

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"Kirchenasyl" für Künstler

Die Kirchen klagen seit Langem über fehlende Besucher. Musikern, Schauspielern und Kabarettisten geht es in Corona-Zeiten mit ausfallenden Veranstaltungen ähnlich. Eine Münchner Kirche und eine Bar versuchen das Problem jetzt gemeinsam anzugehen.

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Fany Kammerlander ist Musikerin, sie spielt Cello. Sie war schon mit Deep Purple, Peter Gabriel und Konstantin Wecker auf der Bühne. Eigentlich ist sie in der Münchner Bar Gabanyi für die Konzerte verantwortlich, die normalerweise am Donnerstag stattfinden. Doch diese fielen, wie fast das ganze Kulturleben, in diesem Jahr Corona zum Opfer. "Wir wissen nicht wie es weitergeht und haben jetzt im Oktober entschieden, die Konzertreihe nicht hier zu machen", sagt Kammerlander.

In der Bar sind 20 Besucher erlaubt. Da rechnet sich kein Auftritt mehr. Über den Lockdown behalfen sich die Musikerinnen und Musiker mit Streaming-Konzerten, doch diese ersetzen keine Live-Veranstaltungen. Und Geld, um größere Räume zu mieten, gibt es nicht. "Fantasie war gefragt", sagt Kammerlander und lacht. „Dann fielen mir als erstes Kirchen und Galerien ein, da bin ich dann hausieren gegangen.“

Kirche als Herberge für Kultur und soziale Projekte

Pastor Bernd Berger aus der Münchner Auferstehungskirche hatte schon vor Corona mit immer leerer werdenden Kirchenbänken zu kämpfen. "Wir werden die Kirche mittelfristig nicht mehr unterhalten können", befürchtet Berger. Die Anfrage von Fany Kammerlander, Konzerte in der evangelischen Kirche zu veranstalten, eröffnete ihm neue Perspektiven.

In der Auferstehungskirche hatte man sich schon vor Corona damit beschäftigt, wie man den Kirchenraum breiter nutzen könnte und hat die "Vision Auferstehung 25" entwickelt. "Wir wünschen uns diese Gemeindekirche nicht nur für Gemeindemitglieder zur Verfügung zu stellen, sondern in den Stadtteil hinein zu öffnen, eben auch für Konzerte oder Kunstausstellungen", erklärt Berger.

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Die Kirchen klagen seit Langem über fehlende Besucher. Musikern, Schauspielern und Kabarettisten geht es in Corona-Zeiten mit ausfallenden Veranstaltungen ähnlich. In München versucht man das Problem gemeinsam anzugehen.

Kirche als geschützter Raum für die Tafel

Die "Social Distancing" Zeit habe ihn mit Menschen in Kontakt gebracht, mit denen er sonst nicht in Berührung gekommen wäre. "Wir haben als Kirche die Aufgabe, Herberge zu sein, für Menschen, die sonst keine Orte haben." Wegen der Abstandsregeln musste etwa die Tafel ihren Platz bei der katholischen Nachbarskirche verlassen und bietet jetzt im Innenhof der Auferstehungskirche Lebensmittel für Bedürftige an.

"Die Vorteile sind, dass wir hier einen geschützten Raum haben", erklärt Axel Schweiger von der Münchner Tafel. "Wir stehen manchmal direkt an der Straßenecke. Nachdem der Tafel-Besuch sehr schambehaftet ist, ist es ideal, wenn die Leute ihre Lebensmittel etwas abgeschottet in Empfang nehmen dürfen."

Erfolgsrezept Kirchenkonzert

Auch für die Musikerin Fany Kammerlander ist die Offenheit von Pfarrer Berger für kulturelle und soziale Projekte in der Kirche eine Win-Win-Win-Situation. "Da gingen sofort alle Türen auf", sagt Kammerlander. "Es ein Gewinn für unser Publikum, das wieder in Konzerte gehen kann, und ein Gewinn für die Kirche, die auch Leute anzieht, die das hier vielleicht entdecken." Und ein Gewinn für die Musiker, denn die bekommen dank der vielen Plätze in der Kirche nun nach langer Zeit ohne Auftritte mehr Geld.

Bis Weihnachten laufen die "Exil-Veranstaltungen" und das Konzept geht auf: Die Konzerte sind ausverkauft, wie das des Schweizer Monstein Ensemble, das in neuer Formation ihren ersten Auftritt in diesem Jahr hat. Die Musiker sind sehr angetan vom Kirchenraum und von der Stimmung des Publikums. Zugabe um Zugabe müssen sie spielen. Und dann muss der Pfarrer selbst auf die Bühne . Seine Zugabe: ein Segen, für alle, die diesen annehmen wollen.

"Wir sind nicht nur in den Gottesdiensten vom Grund unseres Seins ergriffen sind, sondern das geschieht auch in der Musik ganz stark", findet Bernd Berger.