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Bildrechte: Fany Kammerlander

St. Maximilian in München: In der Reihe "AdventCulture" spielen bis Anfang Januar 2021 etwa Konstantin Wecker und Mulo Francel (Quadro Nuevo)

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    Kirche hilft Kunst: Hier treten Top-Musiker im Gottesdienst auf

    Theater und Museen bleiben mindestens bis in den Januar hinein geschlossen. Kirchen sind bislang offen geblieben. Und das haben sie in der Adventszeit genutzt und die Tore hochgemacht für freischaffende Künstler, die dringend Engagements brauchen.

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    Von
    • Antje Dechert

    Jazzig, beschwingt, besinnlich – so und anders melodisch klingt sie, die Advents- und Weihnachtszeit in der Münchner Maximilianskirche. Von Jazz über Klassik bis Weltmusik - unter dem Motto "AdventCulture" spielen Ensembles und Solisten ihre Musik live in insgesamt 32 Advents-Gottesdiensten und -Andachten voraussichtlich noch bis zum 6. Januar. Selbstverständlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln. Mit dabei ist auch das Konstantin Wecker Trio:

    "Weil ich es eine großartige Idee finde, dass die Kirchenleute und Pfarrer sagen: Warum ist unser Gottesdienst erlaubt und warum dürfen die Künstler nicht spielen? Wir brauchen die Kultur und die Musik ganz dringend, um unser Menschsein wiederzuentdecken und unsere Anbindung an die Spiritualität, das hat alles mit Kunst und Kultur zu tun." Konstantin Wecker

    So sieht es auch Stephan Alof, hauptberuflich Gastronom und ehrenamtlich Kirchenpfleger von St. Maximilian. Er war einer der Ideengeber für die AdventCulture.

    "Ich bin zum Pfarrer hingegangen und habe gesagt: Dieses Jahr müssen wir uns noch viel mehr den Arsch aufreißen als in all den Jahren zuvor, um den Leuten ein positives Gefühl zu geben, um den Leuten zu vermitteln: Wir sind für Euch da. Wir arrangieren uns mit der Pandemie, wir lassen nichts ausfallen, wir lassen uns was einfallen." Stephan Alof

    Den Einfall, Künstler für Gottesdienste zu engagieren, kam Kirchenpfleger Stephan Alof beim Pizzabacken mit der Cellistin Fany Kammerlander. Ihr waren durch Corona alle Aufträge weggebrochen. Deshalb jobbte sie nach dem ersten Lockdown in Alofs Lokal:

    "Wir kennen uns tatsächlich über das Pizzabacken und haben uns dann jetzt für dieses Kulturprojekt zusammengetan, weil wir oft während dieser Zeit über Kultur geredet haben. Ich kenne jede Menge Künstler, die ihre Wohnung aufgeben mussten und wieder bei den Eltern wohnen. Da gibt es wirklich richtig harte Schicksale." Fany Kammerlander

    Musiker ohne Auftrittsmöglichkeiten einerseits und andererseits Menschen, die sich nach Kultur sehnen – beides Symptome der Corona-Krise, meint Fany Kammerlander:

    Dieser Durst ist für mich Beweis, wie systemrelevant Kultur ist. Ich finde, das Wichtigste, was wir gerade suchen müssen ist: Wo können wir neue Synergien schließen? Welche, die vielleicht bisher noch nicht da waren? Aus der Not entsteht ja auch immer viel Kreativität und in großer Not sind auch schon ganz tolle Projekte entstanden." Fany Kammerlander

    Für viele ist es schwer zu verstehen, dass die Religionsgemeinschaften weiterhin Gottesdienste feiern dürfen, während Theater und Konzerthäuser im Teil-Lockdown schließen müssen. Und das trotz ausgefeilter Hygienekonzepte und großer Investitionen. Stephan Alof sieht die Kirchen deshalb in der Pflicht, Künstlerinnen und Künstlern eine Möglichkeit zu geben, wieder einmal auftreten zu können: "Deshalb ist es uns eine große Freude, dass wir so viele mit im Boot haben und durch viele Spenden die Möglichkeit haben, den Künstlern wieder eine normale Gage zu zahlen."

    Bundesweite Solidaritätsaktionen für Künstler

    700 Euro erhält jeder Künstler als Gage für einen Auftritt in der Kirche. Finanziert durch Spenden der Augustiner Stiftung. Was an Spenden noch hinzukommt, geht ebenfalls an die Künstler. Nicht nur in der Münchner Maximilianskirche, bundesweit organisieren katholische wie evangelische Kirchengemeinden Solidaritätsaktionen mit den von der Corona-Krise gebeutelten Künstlerinnen und Künstlern. Schon im Sommer hatte die Evangelische Kirche in Deutschland die Initiative "Kirche für Künstler" gestartet. Gemeinden sind aufgerufen, Musiker, Schauspieler, Sprecher oder Performance-Künstler in ihre Gottesdienste einzubinden. Für den bayerischen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ist es mehr als eine Pflicht: "Es ist eine Herzensangelegenheit, dass wir jetzt Künstlerinnen und Künstler engagieren können, die sonst wenig Gelegenheit haben aufzutreten."

    © BR / Markus Konvalin
    Bildrechte: BR / Markus Konvalin

    "Wir brauchen die Kultur und die Musik ganz dringend, um unser Menschsein wiederzuentdecken." - Konstantin Wecker, auch er Gast in St. Maximilian

    Kunst in der Kirche – genau das war in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling für das Jahr 2020 sowieso geplant: Im Rahmen der 100-Jahrfeier der evangelischen Kirchengemeinde stand eine große Konzertreihe an. Die Musiker waren schon engagiert. Wegen Corona fiel alles ins Wasser. Die Künstler treten nun trotzdem auf, eben in den regulären Gottesdiensten.

    Stargeigerin spielt im Gottesdienst

    Auch die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter spielt derzeit in Gottesdiensten quer durch die Republik, um auf die Existenznot freischaffender Künstlerinnen hinzuweisen und Spenden für die #MusikerNothilfe der Deutschen Orchesterstiftung zu sammeln. Auch wenn es jeweils nur verhältnismäßig wenige Menschen sind, die bei diesen Konzert-Gottesdiensten dabei sein können - Anne-Sophie Mutter hofft, damit möglichst viel für notleidende Künstler zu erreichen:

    "Dass die Menschen nicht nur diesen Lichtstrahl, diese Hoffnung, diese emotionale Berührung erleben, sondern darüber hinaus noch monetär etwas bewegen können und einen Bewusstwerdungsprozess zu schaffen, dass es eben tönende Worte sind, die wir von der Politik hören, dass aber sehr, sehr vieles nicht ankommt." Anne-Sophie Mutter

    Zurück in St. Maximilian in München. Wo einst Kirchenbänke standen, ist jetzt einzeln bestuhlt. Dazwischen ausreichend Abstand in alle Richtungen. 200 Besucher haben so Platz beim musikalischen Gottesdienst. Allein an Heilig Abend wird es acht davon geben, zwischen 12 und 24 Uhr – damit ein Kirchgang an Weihnachten für möglichst viele möglich ist. In der Corona-Pandemie müssen sich Kunst und Kirchen neu erfinden. Und vielleicht ist das für die Zukunft ja gar nicht so schlecht, meint Pfarrer Rainer Maria Schießler:

    "Warum ist eigentlich die Feststunde immer mitten in der Nacht? Warum nicht am Tag einmal mehrere Gottesdienste halten? Warum nicht auf die Leute zugehen? Also wir müssen Abläufe in der Familie zu Hause und bei uns in der Kirche miteinander koordinieren – und da ist das ein Modell." Rainer Maria Schießler

    Die "AdventCulture" gibt es noch bis zum Dreikönigstag am 6. Januar in der Münchner Maximilianskirche – immer live in den Gottesdiensten. Zu hören ist Klassik, Jazz, Volks- und Weltmusik unter anderem das Konstantin Wecker Trio, das Duo Sternschnuppe mit Winter- und Weihnachtsliedern für Kinder, Mulo Francel von Quadro Nuevo und Gregor Hübner mit seinem Ensemble Berta Epple. Hier das Programmheft (pdf-Datei, 15 MB).

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