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Kirche kämpft gegen Computerspielsucht | BR24

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Computerspielsucht beginnt schleichend

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    Kirche kämpft gegen Computerspielsucht

    Die Zahl computerspielsüchtiger Jugendlicher steigt. Oft sind die Eltern der Betroffenen hilflos im Umgang mit den Süchtigen, vielfach wird die Sucht auch gar nicht erkannt. Kirchliche Suchtambulanzen und Therapiezentren bieten Unterstützung.

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    Pascal ist computerspielsüchtig. Tag für Tag, Nacht für Nacht hat er seinen "Avatar", seine digitale Identität, durch virtuelle Welten bewegt und sich an gut organisierten Aktionen seiner Spielgruppe, seiner "Gilde", beteiligt. Das reale Leben war ihm nicht mehr wichtig. Offline klinkte er sich aus, online übernahm er Verantwortung, um seiner "Gilde" zu helfen. "Man ist da nicht alleine", erinnert sich Pascal an den schleichenden Anfang der Sucht, "man definiert diese Leute dann auch irgendwann als seine Freunde."

    Gegenüber seiner Familie und seinen Freunden in der wirklichen Welt leugnete Pascal sein exzessives Spielverhalten immer wieder. Nachts spielte er oft bis zum Umfallen. Heute weiß er, dass er damit unbewusst versucht hat, Defizite in seinem Leben auszugleichen.

    "Ob es Zuneigung ist oder Anerkennung oder Liebe vielleicht auch. Natürlich hat da etwas gefehlt. Und das Spielen hat diesen Platz nicht nur ausgefüllt, sondern auch für sich eingenommen, dass ich dann irgendwann eigentlich nur noch gespielt habe." Pascal

    Deutschlands größte psychiatrischer Abteilung für Medienabhängigkeit liegt in der Bernhard-Salzmann-Klinik in Gütersloh. Dort hat sich Pascal vor zwei Monaten in Behandlung begeben. "Für die Patienten ist das ja hier erst mal ein Ort, an dem sie sich in der Regel wieder anfangen, wohler zu fühlen", sagt Therapeut Christian Groß. "Schon alleine dadurch, dass sie unter Menschen sind, die ähnliche Probleme haben. Das heißt, sie haben das Gefühl, sie können sich hier öffnen, was draußen oft schwierig ist."

    Vor allem immer mehr junge Männer sind betroffen

    Seit kurzem stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO Computerspielsucht offiziell als Krankheit ein. An der vorausgegangenen Debatte waren Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen beteiligt. Als der Psychologe und Therapeut Christian Groß vor vier Jahren seine Stelle an der Bernhard-Salzmann-Klinik antrat, hatte der Aufbau eines der ersten deutschen Therapiezentren für Computerspielsucht gerade erst begonnen. Heute werden hier internetabhängige Patienten aus der ganzen Republik behandelt, vor allem viele Jugendliche und junge Männer wie Pascal, erklärt der Therapeut.

    "Es sind erst mal vor allem sehr junge Menschen, teilweise mit hohen Bildungsabschlüssen, sehr leistungsorientierte Personen, die häufig in der Realität hinter ihren Erwartungen oder denen von außen zurückgeblieben oder gescheitert sind, und jetzt eben versuchen, in einem anderen Bereich irgendwie doch noch erfolgreich zu sein." Christian Groß, Psychologe der Salzmann-Klinik, Gütersloh

    Die Cyberwelt scheint grenzenlos. Die Angebote werden immer vielfältiger. Häufig sind es zuerst die Eltern, die sich Sorgen machen. "Mein Kind verbringt die meiste Zeit vor dem Computer" - diese Klage besorgter Eltern hört Hermann Rottmann immer öfter. Der evangelische Pastor ist Seelsorger für Suchtfragen.

    "Junge Leute vor allen Dingen, da gehört das ja zum guten Ton, ständig online zu sein, ständig sein Profil zu bedienen und zu gucken wie viel Follower, wie viel Likes habe ich jetzt wieder bekommen? Was muss ich posten, damit meine Likes nach oben gehen? Worauf springt meine soziale Gruppe an? Und ich erlebe, dass andere Kontakte, normale analoge Kontakte, Gespräche, Verabredungen, das wird immer weniger." Hermann Rottmann, Seelsorger für Computersüchtige

    Es scheint, als würde den Eltern der Einfluss entgleiten. Je mehr Zeit ihre Kinder mit dem Smartphone oder vor dem Bildschirm eines PCs verbringen, desto mehr entfremden sie sich von ihrer Familie, diese Erfahrung macht auch der Seelsorger immer wieder.

    "Für die Familienangehörigen ist das der schlichte Horror, weil sich dann der Sohn, die Tochter, die Familienangehörige völlig abkapselt. Er zieht sich völlig zurück, lebt in seiner eigenen Welt, ist gar nicht mehr fähig, soziale Kontakte zu pflegen, zu halten, wird immer mehr zum Außenseiter und es gelingt den Eltern, Geschwistern überhaupt nicht mehr, ihn einzubinden in die familiären Kontakte", schildert Hermann Rottmann ein typisches Suchtszenario.

    Exzessive Computerspieler leben häufig mit doppelter Identität

    Psychologen sprechen von einer doppelten Identität. Viele exzessive Computerspieler halten sich für unbeliebt, gescheitert, wenig attraktiv. In der virtuellen Welt aber erleben sie sich als erfolgreich, wichtig und respektiert. Anders als manche Alkoholiker oder Drogenjunkies sind Computerspielabhängige für die Gesellschaft weitgehend unsichtbar. So wie die meisten Gamer hat auch Pascal seine Sucht im Verborgenen gelebt.

    "Mein Kühlschrank war eigentlich grundsätzlich leer, der Aschenbecher immer voll, der Raum dunkel, viele Energydrinks ... Bei mir war das teilweise so exzessiv, dass ich 72 Stunden am Stück gespielt habe", erzählt der junge Mann. "Aber so was wird in der Spieler-Community eher positiv belächelt. Das ist dann halt wieder diese Leistungsdefinition."

    Fachstellen auch der evangelischen Kirche haben in den vergangenen Jahren deutschlandweit Angebote zum Thema Medienabhängigkeit entwickelt. Eine weitere Anlaufstelle für Computerspielsüchtige, die ihr Leben neu ordnen wollen, sind die ambulanten Sprechstunden des Caritasverbands. Der Sozialpädagoge Michael Knote hat schon Dutzende Computerspielsüchtige betreut. Doch ohne Grundeinsicht des Patienten hat eine Therapie keine Aussicht auf Erfolg, so der Sozialpädagoge.

    "Dass derjenige, der sich selbst damit auseinandersetzt, für sich erkennt: 'OK, das wäre ein Vorteil, wenn ich Hilfe annehme, weil mein Leben dadurch besser würde.' Die Krankheitseinsichtsförderung gehört zu den Hauptaufgaben." Michael Knote, Sozialpädagoge

    Pascal war bereit. Er war von sich aus motiviert dazu, einen neuen Weg einzuschlagen.

    "Das war schon Selbsthass, den ich da auf mich hatte, dass ich das so lange vor mir hergeschoben hab. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und ich bin bis heute noch nicht erwachsen geworden. Hab keine Verantwortung für mich selbst übernommen." Pascal, computerspielsüchtig

    Häufig gelingt es schon in einer ambulanten Therapie, exzessive Computerspieler wieder fit für das reale Leben zu machen. Für Pascal waren die Gespräche mit seinem Therapeuten sehr hilfreich, auch weil er konkrete Unterstützung bekam.

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