BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Kino on Demand": Wie Kinos sich in der Krise zusammentun | BR24

© Audio: Bayern 2/Bild: eksystent Filmverleih

Was wird aus einem Kino, das in der Corona-Krise wochenlang schließen muss? Um auch kleine Häuser am Leben zu halten, bietet ein solidarisch organisiertes Portal jetzt im Netz ungewöhnliche Filme an – für ein Publikum, das auch digital Tickets kauft.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Kino on Demand": Wie Kinos sich in der Krise zusammentun

Was wird aus einem Kino, das in der Corona-Krise wochenlang schließen muss? Um auch kleine Häuser am Leben zu halten, bietet ein solidarisch organisiertes Portal jetzt im Netz ungewöhnliche Filme an – für ein Publikum, das auch digital Tickets kauft.

Per Mail sharen

Die Kinos sind geschlossen, manche der Filme, die dort laufen sollten, kann man trotzdem sehen: Auf Streamingportalen wie "Kino on Demand" – zum Preis eines Kinotickets. In der Corona-Krise wurden sie entwickelt, um vor allem die kleinen Programm- und Arthauskinos am Leben zu erhalten. Filmverleiher und Lichtspielhäuser demonstrieren Solidarität und teilen sich die Einnahmen, damit nach der Pandemie nicht nur die großen Ketten überleben, sondern auch die kleinen Häuser.

Kinofilme für 30 Tage

Fridas Mutter ist gestorben. Nun beginnt das Leben für die Sechsjährige neu. Sie zieht um – von Barcelona ins Landhaus ihres Onkels, zu dessen Frau und der vierjährigen Cousine. Die 33-jährige Regisseurin Carla Simón erzählt in ihrem Debütfilm "Fridas Sommer" eine autobiografische Geschichte: Ihre eigenen Eltern starben 1993 an einer mit dem HIV-Virus infizierten Heroinnadel. Der Zuschauer wird verwoben in ein komplexes Geflecht aus Trauer und Mut, aus Angst und Solidarität. Die Szene, wenn Frida Lippenstift aufträgt, sich eine Schokozigarette in den Mund steckt und eine Mutter spielt, vergisst man so schnell nicht mehr.

Frida kann man in dieser Woche begegnen, für nur 99 Cent. Der Nürnberger Arthaus-Verleih Grandfilm hat in Zeiten von Corona eine Streamingplattform installiert, die Werke aus den letzten Jahren zur Aufführung bringt – in Solidarität mit Kinos, in denen diese besonderen Filme normalerweise laufen. Die Einnahmen werden geteilt, erklärt Tobias Lindemann das Konzept: "Wir haben jede Woche einen Film für 99 Cent – das ist jetzt diese Woche 'Fridas Sommer'. Der ist dann ein bisschen kürzer von der Ausleihzeit her, nur 72 Stunden. Die anderen Filme bieten wir für 30 Tage an."

Zwei Filmstarts pro Woche

Der Film für 99 Cent ist gewissermaßen das Sonderangebot, das Lust machen soll auf mehr Filmkunst des Nürnberger Verleihs. Für die anderen Werke auf der Plattform verlangt Grandfilm eine Leihgebühr von 9 Euro 99: "Das denken wir in Äquivalenz zu einem Kinoticket", so Tobias Lindemann. "Da sind die Leute gefragt, ob sie das Geld, das sie sonst im Kino lassen würden, eben online ausgeben."

Jede Woche am Dienstag und Freitag wird ein neuer Film auf die Plattform gestellt. Heute ist es die dritte Folge der außergewöhnlichen Kinoserie "La Flor". Zehn Jahre lang hat der Argentinier Mariano Llinás an diesem 14-stündigen Mammutwerk gearbeitet. Jede der sechs Episoden dekonstruiert ein klassisches Filmgenre, vom B-Movie zum Musical über den Spionagefilm, das französische Kino bis zum Western.

Solidarität von Verleihern, Kinos und Publikum

Die Kinos reagieren euphorisch auf die Initiative, die ab Montag in die dritte Woche geht. Zum Überleben reicht es freilich noch nicht. Tobias Lindemann meint, man müsse jetzt auch gucken, wie da der gesamte Markt reagiere. Verleiher, die so etwas Solidarisches machen, gebe es bisher nur wenige, darunter Eksystent aus München, die ebenfalls einen Film auf diese Weise zugänglich machen.

Der hat den Titel "Isadoras Kinder". Der Film, der beim Festival von Locarno den Regiepreis gewann, sollte eigentlich erst im April starten – nun hat sich Eksystent entschlossen, ihn ab sofort über die Plattform "Kino on Demand" zu zeigen. Auch hier werden die Kinos am Umsatz beteiligt, auch hier geht es um die Erhaltung der Filmkultur.

"Isadoras Kinder" ist inspiriert vom Schicksal der legendären Tänzerin und Choreografin Isadora Duncan, die 1913 in Paris durch einen Unfall ihre beiden Kinder verlor. Regisseur Damien Manivel zeigt vier Tänzerinnen unserer Tage, die sich Duncans Schmerzens-Choreografie "Die Mutter" annähern, in einem zart verwobenen Reigen aus drei Episoden. Der Film entwickelt still, aber ungemein intensiv einen berührenden Bewegungszauber, spürt einer Verlusterfahrung nach, die zugleich etwas Tröstliches besitzt. "Isadoras Kinder" zeigt, wie Kunst ein Trauma in etwas herzzerreißend Schönes verwandeln kann.

Das ist auch der Gedanke der beteiligten solidarischen Verleiher. Mit den Kinos üben sie den Schulterschluss – und erwarten, dass jetzt auch die Zuschauer ihren Beitrag leisten, sagt Tobias Lindemann: "Wir hoffen einfach, dass die Leute die Kinos nicht vergessen, wenn sie Zuhause auf dem Sofa sitzen. Sondern eben auch daran denken, dass die ja auch irgendwie über diese Krise kommen müssen."

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!