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Ein Plädoyer für Toleranz: "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" | BR24

© Piffl

Eine Szene aus dem Film "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" von Karim Aïnouz

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    Ein Plädoyer für Toleranz: "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão"

    Der brasilianische und inzwischen in Berlin lebende Regisseur Karim Aïnouz ist der Shootingstar des brasilianischen Kinos. Mit "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" eifert er den Größen des melodramatischen Kinos nach.

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    Warm und dunkel sind die Farben dieses Films – mit ihnen meint man die schwüle Wuchtigkeit dieser Stadt zu spüren, die Feuchtigkeit in der Luft, die für die Bewohner je nach Tageszeit erdrückend oder belebend sein kann. Gelegen zwischen dem salzigen Atem des Meeres und dem modrigen Hauch des Dschungels, dem Rio de Janeiro abgerungen wurde, entsteht schnell eine vielschichtige Atmosphäre der Schwere und der Sehnsucht, der Lebensfreude und der Bedrohung. Schon im Prolog wird das erlebbar, wenn die beiden Schwestern Eurídice und Guida nahe der Küste ausgelassen durch den Dschungel streifen, sich verirren und schließlich für kurze Zeit verlieren.

    Unzertrennliche Schwestern

    "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" entfaltet sich als tropisches Melodram einer zerrütteten Familie in den 1950er Jahren: Eurídice und Guida sind so unterschiedlich wie unzertrennlich. Die eine, die introvertiertere, träumt von einer Karriere als Pianistin, sie möchte in Wien studieren. Die andere, die lebenslustig aufmüpfige, hat keine Ziele und will vor allem den Moment genießen.

    Heimlich schleicht sich Guida, gedeckt von ihrer Schwester Eurídice, nachts aus dem elterlichen Haus, um sich zu vergnügen, in Bars zu tanzen und Männer zu treffen. Sie verliebt sich in den Matrosen Yorgos und brennt mit ihm nach Griechenland durch.

    Als die in Ungnade gefallene Guida ein paar Monate später allein und schwanger nach Rio zurückkehrt, ist nichts mehr wie zuvor. Ihr Vater verstößt sie und erklärt ihr noch, ihre Schwester sei jetzt in Europa, was aber gar nicht stimmt. So leben Eurídice und Guida fortan in einer Stadt, ohne sich wieder zu begegnen. Manches Mal befinden sie sich zufällig am selben Ort und verfehlen sich nur um Haaresbreite.

    Mitreißendes Kino ohne Kitsch

    Regisseur Karim Aïnouz erzählt das mitreißend und voller Gefühl, entwickelt durch Kamera, Ausstattung und Schnitt eine visuelle Energie, die jedem Kitsch widersteht. Mit architektonischem Gespür für Räume entwirft er eine Art sozialen Stadtplan des Lebens in Rio de Janeiro. Eurídice wohnt in einem modernen Wohnturm aus Beton, Guida in einem Armenviertel, das koloniale Spuren aufweist – und die Eltern in einem großen Haus mit Garten und einem Hinterhof, in dem das Leben zwischen Idylle und Tragik oszilliert. Wenn er Drehorte suche, erklärt Karim Aïnouz, sei das für ihn genauso wichtig, wie die Auswahl der Schauspieler: "Ich baue eine Beziehung zu den Orten auf – und die bestimmen dann die Geschichte mit. Bei dem Haus der Eltern etwa war sofort klar, dass Guida vom Vater durch den Hinterausgang im Garten verstoßen wird. Das hatte nicht im Drehbuch gestanden, aber so entwickelt sich die Handlung eben aus den Schauplätzen.“

    Wer will, kann diesen ans Herz gehenden Film auch als Kommentar auf die aktuellen brasilianischen Verhältnisse sehen, mit dem rüpeligen Autokraten Jair Bolsonaro an der Macht – als Inbegriff patriarchaler Strukturen, von denen sich das Land nie befreit hat. So ist "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" ein sehr sinnliches und kämpferisches Plädoyer für Gerechtigkeit, Gleichheit und Toleranz.

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