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So heiter erzählt Angela Schanelec von Verlust und Verschwinden | BR24

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In Frankreich wird sie verehrt. In Deutschland aber gilt das Werk der Regisseurin Angela Schanelec vielen als verkopft. Zu Unrecht: Ihr Film "Ich war zuhause, aber...", der von der Rückkehr eines Kindes erzählt, beweist: Das Gegenteil ist der Fall.

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So heiter erzählt Angela Schanelec von Verlust und Verschwinden

In Frankreich wird sie verehrt, hierzulande aber gelten die Filme der Regisseurin Angela Schanelec vielen als spröde. Zu Unrecht. Ihr neues Werk "Ich war zuhause, aber", das von der Rückkehr eines Kindes erzählt, beweist: Das Gegenteil ist der Fall.

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Eine Woche nach seinem rätselhaften Verschwinden taucht ein 13-Jähriger wieder auf. Der Junge kommt einfach zurück zu seiner alleinerziehenden Mutter und seiner kleinen Schwester in Berlin. Mit verletztem Fuß, aber ohne weitere Erklärung. Das ist Regisseurin Angela Schanelec wichtig.

„Also die Geschichte des Jungen beginnt damit, dass er zurückkehrt, und ich hatte nie das Bedürfnis, zu zeigen, wo er war", erzählt sie. "Ganz einfach, weil ich es nicht weiß! Auf der einen Seite gibt es genügend Hinweise: Er war offensichtlich nicht bei einem Freund zu Hause, er ist dreckig, er kommt im Morgengrauen. Dann habe ich mich aber gefragt: Wäre es nicht interessant, stattdessen etwas anderes zu sehen. Also nicht den Film mit dieser Rückkehr beginnen zu lassen. Und dann habe ich gemerkt, dass es schön wäre, Tiere zu sehen.“

Die sieht man dann auch, in einem wundersamen Prolog. Ein Hund jagt einen Hasen. Dann frisst er ihn, in einem verlassenen Haus, und schläft schließlich zu Füßen eines Esels ein. Bei den Tieren könnte man als Zuschauer schnell eine Metapher vermuten, eine These, eine erzählerische Absicht. Doch der Regisseurin geht es gar nicht um solche Dinge, sie interessiert sich vielmehr für Momente, Atmosphären und Seelenlagen.

Die Undurchschaubarkeit menschlichen Handelns

Prinzipiell geht es in Angela Schanelecs Filmen um die Rätselhaftigkeit des Seins, um die Undurchschaubarkeit von menschlichen Motiven und Emotionen. Sie sucht das Absurde im Alltäglichen, und inszeniert vertraute Dinge so, dass sie plötzlich fremd wirken. Was ihr fern liegt, ist die Psychologisierung ihrer Charaktere.

„Also, ich glaube, dieses psychologische Spiel ist ein Trugschluß", sagt die 57-jährige Regisseurin. "Interessant wird es ja in dem Moment, in dem man sich nicht mehr erklären kann, warum jemand so und so reagiert. Erst dann entsteht für mich Interesse und Neugierde. In dem Moment, in dem es psychologisch aufgeschlüsselt ist und nur bedient, was man sich erklären kann, dann lohnt es sich für mich gar nicht.“

Das Leben von Astrid, der etwa vierzigjährigen Mutter des verschwundenen Jungen, gerät mehr und mehr aus den Fugen. Es geht um Verlust in diesem Film, auch ums Verschwinden, und um den Tod. Aber das auf irgendwie lichte Art und Weise. Beseelt von einer melancholischen Fröhlichkeit und aufgeladen mit der Schönheit des Lebens. Astrid steigt nachts über eine Friedhofsmauer und legt sich auf das Grab ihres vor zwei Jahren verstorbenen Mannes. Ganz still liegt sie da. In der Dunkelheit huscht plötzlich eine Wachtel zwischen ihre ausgebreiteten Arme. Eine berührende Szene, fast schon märchenhaft, aber auch bizarr, seltsam, aufregend.

Momente, in denen ihre Figuren einfach anfangen zu tanzen

Immer wieder gibt es in Angela Schanelecs Filmen Momente, in denen ihre Figuren einfach anfangen zu tanzen – in „Ich war zuhause, aber …“ auf eine Coverversion von David Bowies „Let’s Dance“. Die Regisseurin lässt ihren Charakteren dabei alle Zeit, das zu machen, was sie in genau diesem Moment, den die Kamera aufnimmt, tun wollen.

Viele Zuschauer fühlen sich von dieser Art des Kinos überfordert, sie sind verwirrt, weil Schanelec die Konventionen des Erzählens auf den Kopf stellt. Vieles wird nur beiläufig mitgeteilt. Ihre elliptische Dramaturgie widersetzt sich jeder narrativen Einordnung. In den ersten acht Minuten wird kein Wort gesprochen, dann wieder gibt es theatralisch lange Monologe. Dazwischen tableauhafte Szenen. Momente des Innehaltens wechseln mit fast schon hysterischen Ausbrüchen.

In Deutschland kaum wahrgenommen, in Frankreich verehrt

Seit 20 Jahren macht Angela Schanelec diese Art des Kinos. Äußerlich unbeirrt, aber in Deutschland wird sie nach wie vor als eine Art filmische Randexistenz wahrgenommen, in Frankreich hingegen verehrt. Bereits ihr Debüt war auf dem Filmfestival in Cannes zu sehen. Umso mehr freute sich Schanelec, dass sie dieses Jahr bei der Berlinale erstmals im Wettbewerb lief und dort mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet wurde.

Man muss es einmal so sagen: Obwohl ihr Oeuvre vielen als spröde oder auch verkopft erscheint, ist es das pure Gegenteil, nämlich ausgesprochen körperhaft, sehr intuitiv und vor allem spielerisch.

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