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Kinojahr 2018: Der deutsche Film im Umbruch | BR24

© Schmidbauer-Film

Filmszene aus Freddy/Eddy

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    Kinojahr 2018: Der deutsche Film im Umbruch

    Drehen im Haus der Großeltern, Vertrieb über den privaten Verleih: Im jungen deutschen Film gibt es viel Selbstausbeutung, aber auch viel Passion. Zugleich muss sich das Kino in Konkurrenz zu Streamingdiensten behaupten. Und kann von ihnen lernen.

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    Es passiert immer öfter, immer häufiger ist es zu erleben. Etwa bei den Hofer Filmtagen in Oberfranken: Dort sind Jahr für Jahr die vielen, fast ohne Geld entstandenen Filme zu sehen, die junge Regisseurinnen und Regisseure gemacht haben. Ohne auf staatliche Förderung oder begeisterte Fernseh-Redakteure zu hoffen und oft vergeblich zu warten, kratzen sie ihr Gespartes zusammen, bitten die Oma um einen kleinen Kredit – und fangen einfach an zu drehen. Mit den erschwinglichen, aber hochwertigen digitalen Kameras ist das inzwischen möglich. Honorare werden rückgestellt, das heißt: Kameramann, Tonfrau, Editorin und meist auch die Schauspieler arbeiten erstmal umsonst. Wird später mit dem fertigen Film Geld verdient, kann das Team ausbezahlt werden. Was in der Regel aber nicht oder nur in Teilen geschieht.

    Ein imaginärer Freund aus Kindertagen

    Man kann das Selbstausbeutung nennen, es aber auch umschreiben mit Worten wie Leidenschaft, Mut und Handeln-statt-Jammern: "Ich habe Ende September entschieden, dass ich diesen Film jetzt einfach so mache, und wir haben Mitte Februar gedreht", sagt Tini Tüllmann, Regisseurin von "Freddy/Eddy". Ihr Film, der bei den Hofer Filmtagen 2016 mit dem Heinz-Badewitz-Preis ausgezeichnet wurde und dieses Jahr ins Kino kam, ist halb Thriller, halb Doppelgänger-Geschichte. Eine Art Jekyll & Hyde: Ein Maler, der in der Abgeschiedenheit des Tegernsees an seinem Comeback arbeitet, wird angeklagt, seine Frau krankenhausreif geschlagen zu haben. Aber war er es wirklich?

    Er selbst behauptet, es sei sein imaginärer Freund aus Kindheitstagen gewesen, Eddy, der sei mysteriös aufgetaucht. Tini Tüllmann konnte ihren mehrfach preisgekrönten Film mit vielen bekannten Schauspielern drehen – darunter Jessica Schwarz, Burghart Klaußner, Katharina Schüttler und Robert Stadlober. Tini Tüllmann: "Meine Mama kommt aus Tegernsee, mein Opa war da Maler, und deswegen dachte ich: Wie toll, wir haben da noch ein Haus, und ich kann da drehen und das kostet nichts. So hab ich mir das überlegt. Dass ich natürlich das ganze Team am Tegernsee unterbringen muss und dass der Tegernsee jetzt nicht gerade billig ist, da habe ich überhaupt nicht drüber nachgedacht. Aber es war großartig, die haben uns alle dort so unterstützt, die Stadt Tegernsee, das war toll.“

    Filmkunst von Netflix

    Ähnliche Geschichten können viele junge Regisseurinnen und Regisseure erzählen. Doch die Probleme hören ja nicht auf, wenn ein Film wundersamerweise fertiggestellt wurde. Wie geht es weiter? Wie kommt er ins Kino? Tini Tüllmann hat (wie viele Kollegen in vergleichbarer Lage) einen eigenen Verleih und Vertrieb gegründet. Und sie hat ihren Film auf umfangreichen Kinotouren durch ganz Deutschland selbst begleitet. Vor kurzem ist auch die DVD von "Freddy/Eddy" erschienen. Parallel arbeitet Tüllmann schon an ihrem nächsten Projekten.

    Die Frage, ob das so sein muss, dieses prekär aufreibende Arbeiten an Filmen, und wie überhaupt die Zukunft der deutschen Branche ausschaut, ausschauen kann, wurde dieses Jahr im April im Rahmen des 11. Lichter Filmfestes in Frankfurt besprochen. Auf Wunsch von Edgar Reitz, dem Münchner Regisseur, der schon 1962 beim Oberhausener Manifest dabei war – inzwischen ist er 86 Jahre alt – und damals als Jungfilmer Opas Kino beerdigte, wurde zu einem zweitägigen Kongress mit dem Thema "Zukunft Deutscher Film" eingeladen – in Zeiten, in denen die digitale Entwicklung alles in Frage stellt und sich laut Reitz ungeahnte neue Möglichkeiten ergeben: "Wir sehen zum Beispiel, dass ein Streamingportal wie Netflix auch Filmkunst produziert, und zwar in einer so freien Umgangsweise mit den Machern, wie es das Fernsehen nie hingekriegt hat. Da ist wahnsinnig viel in Bewegung aufgrund der großen technologischen Veränderungen, und das sind die Kräfte, auf die man achten muss. Da geht es nicht um die Frage: Bin ich ein Alt-Oberhausener oder ein Junfgilmer? Das sind Kräfte, die sind viel mächtiger und weltweiter als das, was wir so denken."

    Umbruch der Medienlandschaft

    Nach Frankfurt zu dem Kongress waren im April dutzende Regisseurinnen und Regisseure gekommen – und vielleicht werden diese beiden wichtigen Tage ja mal in die Filmgeschichte eingehen wie ehedem das Oberhausener Manifest. Das in Frankfurt entstandene, zehnseitige Ergebnispapier stellt alles in Frage: die aktuelle Filmförderung des Bundes und der Länder, die Rolle des Fernsehens, die Filmhochschulen, den Vertrieb von Filmen und das Kino als Ort. Edgar Reitz: "Wir leben in einem unglaublichen Umbruch, was die Medienlandschaft angeht. Diese Verteilung zwischen Kino und Fernsehen als Konkurrenzsituation, die Jahrzehnte hindurch die Lage bestimmt hat und wo es am Ende so war, dass der Einfluss des Fernsehens immer größer wurde, weil sie natürlich auch wirtschaftlich, finanziell die Mächtigeren waren, das ist vorbei. Wir leben jetzt in einer Zeit, in der sich die gesamte Medienlandschaft neu auf sich und ihre Möglichkeiten besinnen muss.

    Edgar Reitz glaubt an eine Überlebenschance des Kinos, meint aber, es müsse sich selbst neu erfinden. Er kann sich viele verschiedene Modelle vorstellen – von speziell kuratierten Programmen etwa mit Kurzfilmen über das Kino on Demand bis zu Streaming-Nächten mit herausragenden Serien. All das möchte Reitz ab Mitte Januar anbieten in dem gerade von ihm selbst gegründeten Kino in seinem Geburtshaus in Morbach im Hunsrück, wo schon seine "Heimat"-Serie spielte: "Da wird ein Festzelt aufgebaut – und so hoffe ich ins Bewusstsein zu rücken, dass sie jetzt das Glück haben, ein Ort mit einem neuen Kino zu sein."

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