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Mit "King Lear" versteht Preti Taneja das indische Machtsystem | BR24

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Mit ihrem Debüt "Wir, die wir jung sind" hat Preti Taneja ein großes Familienepos und ein Gesellschaftsporträt Indiens geschrieben – angelehnt an Shakespeares "König Lear". Ein Gespräch über Patriarchen und Töchter, Arm und Reich, Indien und Europa.

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Mit "King Lear" versteht Preti Taneja das indische Machtsystem

Mit ihrem Debüt "Wir, die wir jung sind" hat Preti Taneja ein großes Familienepos und ein Gesellschaftsporträt Indiens geschrieben – angelehnt an Shakespeares "König Lear". Ein Gespräch über Patriarchen und Töchter, Arm und Reich, Indien und Europa.

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Preti Taneja stammt aus einer indischen Familie und ist in Großbritannien geboren und aufgewachsen. Das Romandebüt der Autorin, Menschenrechtsaktivistin und Journalistin erzählt von einer reichen Familien in Indien, der "Firma", und ihrem Eigentümer Devraj. Indem Taneja ihre Geschichte nach dem Vorbild von Shakespeares "King Lear" erzählt, zeigt sie auch, dass die darin behandelten Fragen nicht nur eine Kultur und nicht nur eine Zeit beschäftigen. Cornelia Zetzsche hat mit Preti Taneja gesprochen.

Cornelia Zetzsche: Preti Taneja, Ihr Roman handelt von Ausbeutung, Gier, Gewalt gegen Frauen, gegen Arme, den Konflikt zwischen Generationen, Frauen und Männern, zwischen Kasten und Klassen, Korruption und Tradition. Es gibt eine soziale Rebellion und ein Bündel von Problemen. Was davon war Ihr erster Gedanke?

Preti Taneja: Was mich am meisten ärgert, ist die strukturell bedingte Diskriminierung und die Art und Weise, wie Machtsysteme jeden vereinnahmen und versklaven. Für mich steckt alles im Leben in diesem Stück "King Lear". Das blickt wirklich von oben auf die Gesellschaft und zeigt, wie sich die Menschen, die am meisten besitzen, am wenigsten kümmern. Ich wuchs mit Shakespeares Stücken auf, habe sie studiert, sein Vermächtnis ist in unserer Sprache, in unseren Theatern, in der Art und Weise, wie wir Metaphern benutzen, um über Armut und Verzweiflung zu sprechen und so weiter. Es gab viele Gründe, aber vor allem ging es mir um strukturelle Privilegien und strukturelle Diskriminierung.

Wo sehen Sie Parallelen zwischen dem Stück und der heutigen Situation in Indien?

"King Lear" beginnt mit dem König, der sein Königreich unter den drei Töchtern aufteilt und sie um seine Liebe und um ihren Teil des Landes buhlen lässt. Als ich jünger war, sah ich das Stück zum ersten Mal und studierte es in der Schule. Und ich verband das sofort mit der Geschichte von Indiens Teilung, die ich von meiner Mutter und meinen Verwandten gehört hatte. Bei dieser Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan – 1947 waren das West- und Ostpakistan, das später zu Bangladesch wurde – schmiedete man ein umstrittenes Gebiet in Kaschmir, das für mich wirklich eine Parallele zu Dover hat, am Ende von „King Lear“. Die Handlung beginnt mit dieser Teilung des Königreichs, und sie führt bis zum Bürgerkrieg. Interessanterweise führte die Konkurrenz, die Shakespeare zwischen den drei Mädchen aufbaut, bei mir zur Erkenntnis darüber, was das Patriarchat den Frauen antut, weil es uns wirklich voneinander trennt und uns zwingt, miteinander um die Anerkennung von Männern und vor allem von unseren Vätern zu konkurrieren. Und wenn unsere Väter Könige sind, wie können wir uns ihnen dann verweigern!? Diese Vorstellung, den Vater zu ehren als eine Art Zentrum des Universums, als Zentrum des Hauses, das ist sehr wichtig in der indischen Gesellschaft und im indischen Familienleben. Es war nicht schwer, solche strukturellen Parallelen zu finden.

Ihre Geschichte handelt vom alten Devraj, er ist König Lear, ein ehemaliger Maharaj, ein Patriarch der Familie, ein Tycoon mit drei Töchtern und dem Plan, sein Reich, sein Erbe unter diesen Schwestern zu teilen. Das Familienepos ist eine düstere Geschichte von Geld und Korruption, Gewalt und Gier. Ist es ein Porträt des India Shining von heute? Fanden Sie dort ein Modell?

Es gibt viele Parallelen zu der Art, wie sich indische Familienunternehmen in den 70 Jahren seit der Unabhängigkeit Indiens gewandelt haben. Sie sehen das an der Tata-Familie, die Stahl besitzt und vieles andere. Sie sehen das bei der Ambani-Familie, manche von ihnen leben in einem 27-stöckigen Haus mitten in Mumbai, ein paar Etagen sind nur Parkplätze, Hunderte von Bediensteten arbeiten und leben dort, das alles in der Öffentlichkeit. Ihre Unternehmensstrukturen sind sehr interessant, sehr kompliziert. Im Herzen, an der Spitze des Baums, steht die Familie. Von dieser Familie, die einen Teil privat führt, gehen all diese Tochtergesellschaften ab. Und dann gibt es kleinere Konzerne, die an der Börse notiert sind. Sie haben also diese Doppelstruktur von öffentlich und privat und immer mehr Abteilungen, das Fernsehen, den Luxustourismus, das Öl-Geschäft, eine Fabrik, eine Wasserversorgung. Und diese Unternehmen sind nicht ungewöhnlich in Indien, sie sind das Modell, das ich verwendet habe. Oder denken Sie an Facebook oder Google oder Amazon, das sind keine Familienunternehmen, könnten es aber sein. Sie besitzen uns. Es gibt nichts, was wir tun können, weil wir in diese Systeme hineingeboren wurden, die diese Unternehmen jetzt besitzen. Sie schaffen Wohlstand, ja, sie schaffen Arbeitsplätze, sie schaffen eine erstrebenswerte Klasse. Aber auf welche Art von Freiheit arbeiten wir hin im Innern dieses Systems?

In Ihrem Roman führen Sie nicht nur in diese reiche Familie, sondern auch in Slums und beschreiben die unglaubliche Armut. Auf der einen Seite gibt es die Trockenheit in den Dörfern, auf der anderen Seite haben wir den Luxus in Gurgaon, einem der reichen Vororte Delhis, inzwischen eine eigene Stadt. Für jemanden wie mich, die nach Indien kommt, ist es schockierend, denn niemand scheint sich verantwortlich zu fühlen für die Armut.

Wir sind alle verantwortlich für die Armut. Ich denke, wenn Sie etwas benützen, das in Indien hergestellt wurde, wenn Sie Kleidung kaufen, sind Sie für die Armut verantwortlich. Sie können nicht durch dieses Leben gehen, ohne zu erkennen: Wenn Sie etwas für Null Geld kaufen, hat ein anderer es für noch weniger gemacht. Nicht in Ihrem Land, nicht in Ihrem Hinterhof, nicht Ihre eigenen Kinder. Irgendjemandem irgendwo, und dafür sind wir alle verantwortlich.

© picture alliance/StockPix

Autorin Preti Taneja

Gerade waren Parlamentswahlen in Indien. Präsident Modis hinduistisch-nationalistische Bewegung gewann die absolute Mehrheit. Warum stimmen die Leute für ihn?

Wenn Sie diese Ideen mit wirtschaftlicher Entwicklung verbinden und Wohlstand versprechen, können Sie alles durchsetzen. Die Menschen wollen einfach ihr Leben leben, als anständige Menschen. Wenn das verbunden ist mit einer stolzen indischen Nation, muss man der Idee folgen, dass Hindu Indien bedeutet, und dann hat man wirklich ein Problem.

Es gab Morde, Verfolgungen, Prozesse gegen jeden, der Modi ein Gegner sein könnte. Die Leute wissen vom Massaker, bei dem in Gujarat über 1.000 Moslems getötet wurden. Modi war als Präsident von Gujarat dafür verantwortlich, und die Leute stimmen immer noch für ihn. Haben Sie eine Antwort darauf?

Alles, was ich sagen kann, ist, dass die kommunale Spaltung, die religiöse, ethnische, sprachlich motivierte Gewalt und die Gewalt zwischen den Geschlechtern ein echtes Barometer dafür ist, wie eine Nation über sich selbst denkt und was in Zukunft geschieht. Diese Art von Versprechungen sind, denke ich, in gewisser Weise der Tod der Demokratie. Aber lassen Sie uns nach Großbritannien schauen, ich bin dort geboren, ich bin im Grunde britisch-asiatisch. Was bedeutet Brexit? Brexit bedeutet nichts. Und doch wurde dieser Slogan zum Sammelruf für alle, die gehört werden wollten. Sie stimmten für etwas, und niemand wusste wirklich, was es war. Was sie verursachten, ist so zerstörerisch, dass im Vereinigten Königreich Moscheen angegriffen wurden. Kommunale Spaltungen auf der Basis von Rasse und Religion sind so schädlich für unsere Gesellschaft, das ist sehr traurig.

Was ist Ihre Position als Frau, als Britin asiatischer Herkunft in Großbritannien?

Es ist außerordentlich schwierig, als farbige Frau in Großbritannien veröffentlicht zu werden. Mein Buch wurde von vielen Verlegern abgelehnt. Es ist keine normale Geschichte, wie sie Migranten sonst schreiben und sich mit dem Gefühl auseinandersetzen, Außenseiter zu sein. Darum geht es in diesem Buch nicht. Ich schreibe über Shakespeare, das geht mitten ins Herz dessen, von dem die Leute, ohne es zu merken, denken, das sei ihre Vorstellung von Englisch-Sein. Die Leute fragten mich, woher um alles in der Welt kennen Sie Shakespeare? Ich ging in England zur Schule und ich bin Britin! Als dürfte ich ihn nicht auf gleiche Weise annehmen.

Was bedeutet Europa, die Spaltung Europas für Sie persönlich?

Seit 2016 geschahen Dinge in Familien, in Gemeinden, die nicht rückgängig gemacht werden können. Es gibt Wunden, die sehr lange nicht heilen werden. Es ist ekelhaft zu sehen, wie unsere nationalen Politiker dieses Land in eine Situation geraten ließen, in der es so viel Armut gibt, dass die Menschen von Essensausgaben abhängig sind, obwohl sie Arbeit haben. Wie ist das möglich im Jahr 2019? Mir bricht es das Herz zu wissen, dass dies durch den Mangel an Sorgfalt verursacht wurde. Aus irgendeinem Grund denken die Leute, dies sei die Schuld der EU. Das ist der Trick von Politikern, zu sagen: Es ist nicht unsere Schuld, dass wir dich die ganze Zeit vernachlässigt haben. Ich fühle mich am Boden zerstört. Die Premierministerin des Vereinigten Königreichs erklärte: Wer ein Weltbürger ist, ist ein Bürger im Nirgendwo. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte, weil ich mit der Idee aufgewachsen bin, eine Weltbürgerin zu sein; weil meine Eltern Commonwealth-Bürger waren, sonst wären sie Einwanderer. Sie kamen in den 1960er-Jahren auf der Suche nach einem besseren Leben nach Großbritannien. Wo ist das hin? Ich bin stolz darauf, Weltbürger zu sein.

"Wir, die wir jung sind" von Preti Taneja ist in der Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Wenner im Verlag C.H.Beck erschienen.

© Verlag C.H.Beck

Buchcover Preti Taneja, "Wir, die wir jung sind"

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