Färber und Frau inmitten ihrer Angehörigen
Bildrechte: Pedro Malinowski/Staatstheater Nürnberg

Reiche Kinderschar am Speisetisch

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Kinder, lasst es krachen: "Frau ohne Schatten" in Nürnberg

Wahrhaft ohrenbetäubend präsentiert Dirigentin Joana Mallwitz das Märchenspiel von Richard Strauss: Überwältigung durch Laustärke. Optisch dagegen herrscht "weißes Rauschen": Regisseur Jens-Daniel Herzog scheut jede Deutung - begreiflicherweise.

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Das gut weh: Messer in der Hand

Eine gute Nachricht vorweg: Das marode Nürnberger Opernhaus steht noch und es ist auch kein Hörgerät durchgebrannt, obwohl bei dieser "Frau ohne Schatten" durchaus der Stuck in Gefahr war, von der Decke zu fallen, so sehr, wie es Dirigentin Joana Mallwitz krachen ließ. Klar, Richard Strauss war wirklich keine Leisetreter, weder in seiner "Elektra", noch in der "Salome", und auch diese Märchenoper aus dem Jahr 1919 lädt zu gewaltigen Klang-Exzessen ein.

Ein "Achttausender" für Dirigenten, eine Walpurgnisnacht für jedes Orchester. Strauss komponierte die "Frau ohne Schatten" mit dem ganz dicken Pinsel, übrigens in einer wahrhaft lärmigen Zeit, gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Die ungemein farbkräftige Partitur dürfte auch der einzige Grund sein, warum das Stück heute überhaupt noch hier und da aufgeführt wird, trotz der riesigen Dimension. Die Geschichte nämlich ist schwer erträglich und passt so gar nicht mehr in die moderne Welt der Gleichberechtigung, geht es doch um Frauen, die sich weigern, Kinder zu bekommen. Das galt 1919 wohl noch als egoistisch, krankhaft und irgendwie "teuflisch", während die Männer natürlich wahre Wunder an Mut, Opferbereitschaft und Verständnis vollbringen.

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Herz aus Stein: Der Kaiser hinter einer Kugel

Schon zu Zeiten des früheren Münchner Generalmusikdirektors Wolfgang Sawallisch, der Ende 1992 in Ruhestand ging, schrieben manche Kritiker, seine "Frau ohne Schatten" sei etwas für "Schwerhörige" gewesen, ähnliches ließe sich über Joana Mallwitz sagen, die allerdings in einem deutlich kleineren Saal als dem Bayerischen Nationaltheater am Pult stand. Sie übertrieb es mit ihrer Draufgängerei, denn so durchgehend massiv, wie sie aufdrehte, wackelten zwar die Wände, bebten aber keineswegs die Herzen.

Windmaschine, Ratschen, Donnerblech

Etwas mehr Mut zur unterschiedlichen Betonung und weniger Dauer-Fortissimo hätten den Abend musikalisch noch eindrucksvoller gemacht. Gleichwohl war es eine grandiose Gemeinschaftsleistung der Staatsphilharmonie Nürnberg, die über gut vier Stunden mächtig gefordert war, allen voran die Holz- und Blechbläser. Mallwitz geht demnächst als Chefdirigentin an das Konzerthaus Berlin, insofern läutete sie mit der "Frau ohne Schatten" recht auftrumpfend ihren Abschied ein. Die Windmaschine, Ratschen und Donnerblech gaben dazu den angemessen imposanten Kommentar. Im April folgt noch Mozarts "Figaros Hochzeit", dann wohl deutlich weniger martialisch.

Intendant und Regisseur Jens-Daniel Herzog ging in eine Art "Bilderstreik", was ihm denn auch einige Protestrufe einhandelte (Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Sibylle Gädeke). Diese Oper lässt sich ehrlicherweise heutzutage nicht mehr zeitgemäß deuten, insofern hatte es seinen Grund, dass Herzog und seine Ausstatter das alles als "Projektionsfläche" für verdrängte Sehnsüchte interpretierten und außer einer weißen Leinwand, die sich träge im schwarzen Raum drehte, wenig zu bieten hatten. Klar, dass nervte über die lange Zeit und verbreitete gewaltige Ödnis, trotz der Kinderschar im Ausgeh-Anzug, die immer wieder quirlig im Einsatz war.

Womöglich ein Fall für eine Kunstperformance

Vor allem kamen diese Nicht-Bilder natürlich in keiner Weise gegen die grellsten Farben aus dem Orchester an. Aber anderswo, wo Regisseure es mit realistischeren Konzepten versuchten, gar ungeborene Babys zitierten, scheiterten die Premieren umso fürchterlicher. Es ist halt ein Ding der Unmöglichkeit, diesem Märchenstoff beizukommen, ohne sofort in der Abtreibungs- und Fortpflanzungsdebatte zu landen, mit meist unfreiwillig komischen oder ärgerlichen Folgen. Ein klarer Fall für konzertante Aufführungen - oder für eine abgedrehte Kunstperformance, wie sie womöglich der leider verstorbene "Orgien-Mysterien"-Spezialist Hermann Nitsch hinbekommen hätte, der ja in Bayreuth mit seinen "Schüttbildern" zugange war.

Bildrechte: Pedro Malinowski/Staatstheater Nürnberg

Tapfer durchhalten: Die Kaiserin und die Amme

Die Solisten sahen sich gezwungen, permanent gegen den Orkan anzusingen, was Lioba Braun als Amme am meisten überforderte. Manuela Uhl als Färberin und Agnieszka Hauzer als Kaiserin konnten stimmlich zwar mithalten, aber anrührend waren sie bei diesem Getöse nicht. Noch am nahbarsten erwiesen sich Thomas Jesatko als Barak, der Färber, wofür er auch viel Beifall erhielt, sowie Tadeusz Szlenkier als Kaiser, der recht statuarisch auftrat, was aber zur Rolle passte.

Der Jubel am Ende war angesichts des schwierigen Themas und der nachtschwarzen, sehr unentschlossenen "Nicht"-Inszenierung verblüffend groß: Er galt wohl auch der Tatsache, dass hier ein Haus personell an seine Grenzen ging, etwas wagte. Und dafür gebührt dem Staatstheater Nürnberg ohne Zweifel Anerkennung.

Wieder am 23. und 30. Oktober, sowie 1. und 5. November am Staatstheater Nürnberg, weitere Termine.

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