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Kinder, Alte, Arme: Wer erfährt Gerechtigkeit im Corona-Jahr? | BR24

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Freibäder dürfen öffnen, private Schwimmschulen nicht. Schüler dürfen wieder in den Unterricht, doch Menschen mit Behinderung fühlen sich benachteiligt. Und wer denkt an die Armen auf der Welt? Wie gerecht geht Bayern und Deutschland aus der Krise?

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Kinder, Alte, Arme: Wer erfährt Gerechtigkeit im Corona-Jahr?

Freibäder dürfen öffnen, private Schwimmschulen nicht. Einige Schüler dürfen wieder in den Unterricht, einige nicht, Menschen mit Behinderung fühlen sich benachteiligt. Wie gerecht gehen Bayern und Deutschland aus der Krise?

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Manche Kinder, ihre Eltern und auch manche ihrer Großeltern verstehen die Welt nicht mehr: insgesamt vier Tage waren die Kinder seit März inzwischen wieder in der Schule, wurden mit Mund-Nasen-Schutz und Schwimmnudel - um Abstand zu halten - am Schultor von der Lehrerin aufgesammelt und in die Klasse geleitet. Fangen spielen in der Pause geht nicht mehr. Sie dürfen ihre Mitschüler nicht berühren. Viele Schüler empfinden das als "ungerecht".

"Für mich war in den letzten Wochen doch sehr schwierig, dass alle eine Lobby haben: die Bundesliga, die Automobilindustrie, aber die Lobby für die Kinder fehlt mir", sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Margot Käßmann. "Mir hat das jedes Mal weh getan, wenn ich joggen gegangen bin, ich konnte mich bewegen und ich sehe diese rot-weißen Bänder, die die Spielplätze abgesperrt haben, wochenlang.

Margot Käßmanns "Deal der Generationen"

Die evangelische Theologin, selbst mehrfache Großmutter, hat deshalb einen Deal der Generationen vorgeschlagen: "dass ich mich zurück nehme, als über 60-Jährige und dafür die Kinder stärker raus können". Ein Vorschlag, der nicht von allen goutiert wurde: Bremens ehemaliger Bürgermeister, Henning Scherf von der SPD warnte davor, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Das sei "auf eine schreckliche Weise befremdlich". Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer, kritisierte, zur Gesundheit gehöre auch das seelische Wohl. Das aber sei in Gefahr, wenn alte Menschen in Pflegeheimen abgeschottet würden.

Dabei sei das nicht ihre Intention gewesen, so Margot Käßmann. "Ich habe sehr wohl im Blick, dass viele Menschen isoliert sind in Altenheimen, in Seniorenresidenzen und dass sie aus der Isolation herauswollen." Käßmann gehe es um "aktive" ältere Menschen wie sie selbst, die freiwillig entscheiden können, ob sie zuhause bleiben oder nach draußen gehen.

Werden Menschen mit Behinderung benachteiligt?

Doch wer entscheidet, wer zuerst von Lockerungen profitiert? Ist die Öffnung eines Schwimmbads wesentlicher als der Betrieb einer Werkstätte für Menschen mit Behinderung? Kriegt der zuerst, der am lautesten schreit? Diesen Eindruck hat zumindest die SPD-Politikerin und ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, die inzwischen Bundesvorsitzende der Lebenshilfe ist. "Als die Rettungsschirme gespannt wurden, habe ich mit Entsetzen festgestellt, wie weit wir noch von Inklusion entfernt sind, denn in keinem der Rettungsschirme waren die Menschen mit Behinderung mitgedacht."

Inzwischen sei zwar vieles geregelt, allerdings erst nach öffentlicher Kritik und Hinweise auf Missstände, so Schmidt: "In einer Inklusions-Schule sollten Grundschulkinder wieder zurückkommen. Da hat man festgestellt, dass ein Kind mit Down-Syndrom im ersten Schuljahr hinter Glas in einem Nebenraum sitzen sollte - weil es die Abstandsregeln nicht halten könne." Das Kind kann mittlerweile wie seine Mitschüler am Unterricht teilnehmen.

Wer hilft den Armen weltweit?

Doch wer kümmert sich um Menschen, die in unserem Alltag nicht sichtbar sind. "Denken wir für eine Minute an vier Milliarden Arme in der Welt, die von weniger als sieben Dollar am Tag leben, denken wir an 850 Millionen Hungernde, die von 1,50 Dollar leben müssen und an 70 Millionen Flüchtlinge", sagte Entwicklungsminister Gerd Müller Ende Mai bei der Regierungsbefragung im Deutschen Bundestag. "Die Corona-Situation trifft sie am härtesten. Denn alles, was wir in Deutschland, in Europa an Schutz zur Verfügung stellen können, gibt es dort so gut wie nicht."

Wo Trinkwasser knapp ist, ist Händewaschen ein Luxus. Doch gute Hygiene wäre dort nicht nur aufgrund von Corona notwendig. In Ländern, in denen Lieferketten für Medikamente und Nahrungsmittel unterbrochen sind, sterben Menschen eher an Malaria oder anderen Krankheiten, denn an COVID-19. Und wo Menschen von der Hand in den Mund leben, würden sie eher verhungern, denn am Virus sterben.

Entwicklungsminister Müller fordert Milliarden für Entwicklungsländer

Müller forderte im Bundestag: "Ich bitte Sie, das Parlament, um drei Milliarden Euro für alle Entwicklungsländer. Für die ärmsten der Armen. Drei Milliarden und ich frage Sie, ist das zu viel?" Zum Vergleich: über 200 Milliarden Euro stünden für die Euroländer an Hilfen bereit. Doch Entwicklungsminister Gerd Müller meint, eine Pandemie lasse sich nur weltweit bekämpfen. Sonst würden die Folgen wie ein Bumerang zurückkehren, so der Minister. Neue Fluchtbewegungen etwa könnten eine Folge sein.