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Kerzen und Insta-Gebete: Besinnlich durch die Krise | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst Franziska Gabbert

Kerzen in der Dunkelheit

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    Kerzen und Insta-Gebete: Besinnlich durch die Krise

    In den Wochen vor Ostern ist dieses Jahr alles anders. Öffentliche Gottesdienste sind abgesagt. Jeder muss selbst sehen, wie er die Zeit strukturiert und sich Rituale schafft. Die Kirchen wollen dabei helfen.

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    Wenn die Glocken der evangelischen Erlöserkirche in München um sieben Uhr zum Abend läuten, stellt Pfarrer Steve Kennedy Henkel eine Kerze ins Fenster. Normalerweise, also ohne Corona-Krise, wäre er um diese Zeit oft noch unterwegs. Nun findet alles zu Hause statt: Arbeit, Freizeit, Glaube. Der Pfarrer erklärt, was hinter seinem neuen Ritual steckt: "Für mich ist es wichtig, abends, wenn der Tag vorbeigeht und es ein bisschen gedämmert hat, ein Ritual zu haben und noch mal runterzukommen. Ich finde es auch schön, dass es nach draußen rausleuchtet. Mein Beruf ist ja eigentlich, Hoffnung zu säen. Und wenn ich das nicht face-to-face im Kontakt mit den Menschen kann, dann ist es schön, wenn man das über ein Zeichen wie diese Kerze machen kann."

    Seine Botschaft: In aller Dunkelheit gibt es Licht. Sein tägliches Ritual teilt Pfarrer Steve Kennedy Henkel auch mit seinen knapp 3.000 Followern auf Instagram. Er postet außerdem Abendgebete und einmal in der Woche eine kurze Andacht, solange es keine öffentlichen Gottesdienste gibt.

    In unruhigen Zeiten suchen manche Menschen Halt im Glauben

    Mitglied seiner digitalen Gemeinde ist auch Julia Müller: "Man ist total verunsichert, alles ist anders. Es fühlt sich ein bisschen an wie Weltuntergang und deswegen habe ich das Gefühl, dass man wieder ein bisschen mehr auf den Glauben schaut und ich da auch Halt suche." Halt gefunden hat Julia Müller in den Online-Angeboten der Evangelischen Kirche wie dem von Pfarrer Henkel. Außerdem schaut sie jeden Abend die kurzen Videos, die Pfarrer Norbert Roth von der evangelischen Münchner St. Matthäuskirche auf Instagram teilt, lauscht seinen Worten des Zuspruchs.

    Warum solche Rituale gerade jetzt so wichtig sind, erklärt der emeritierte Theologieprofessor und Diakon Albert Biesinger: "Diese intuitive Suche nach neuen Ritualen, die hängt damit zusammen: Wir sind ausgeliefert, wir sind ohnmächtig, wir sind auch durcheinander, weil so etwas hat es noch nie gegeben. Von daher ist das eine spirituelle Möglichkeit für viele Menschen, anders mit dieser Krise umzugehen."

    Religiöse Rituale verlegen sich in die digitale Welt

    So geht es auch Julia Müller. Seit Beginn der Corona-Krise beschäftigt sie sich viel mehr mit Religion und ihrem Glauben als vorher, nämlich jeden Tag. Und weil sie sich nicht mehr mit anderen Gemeindemitgliedern treffen kann, tut sie das eben online. Es gefällt ihr, wie Jugendliche und junge Erwachsene gerade ihren Glauben leben. Auf Instagram hat sie Rituale gefunden, die für sie diese Ausnahmewochen erträglicher machen: "Ich meine, der Alltag ist jetzt sowieso entschleunigt, aber man kommt noch mal zu sich und bringt ein bisschen mehr Ruhe in den Kopf."

    Erst durch die Krise finden viele Zeit für Rituale

    Ruhe und Struktur finden mit neuen Ritualen, das ist vor allem vor dem Schlafengehen wichtig, sagt der emeritierte Theologieprofessor Albert Biesinger: "Am Abend bündelt sich ja noch mal der Tag: die Erlebnisse des Tages, das Auf und Ab des Tages, was alles auf uns eingeprasselt ist, auch die vielen neuen Nachrichten, die wir jeden Tag aufnehmen. Es ist sehr sinnvoll, dass wir am Ende eines solchen Tages nicht einfach in den Schlaf hineinstolpern."

    Viele finden durch die Ausgangsbeschränkungen vielleicht auch erst jetzt Zeit für solche Rituale am Abend. So geht es jedenfalls Pfarrer Steve Kennendy Henkel: "Ich mache jeden Abend jetzt sehr bewusst ein ganz ausführliches, langes Abendgebet und ich habe jetzt mehr Zeit dafür und nehme mir die Zeit auch und merke, wie gut mir das tut – gerade in dieser Corona-Zeit."

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