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So lässt Susanne Kennedy in "Coming Society" Zuschauer mitmachen | BR24

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Gestern präsentierte Susanne Kennedy ihre neue Theaterinszenierung "Coming Society" an der Berliner Volksbühne. Die Regisseurin will keine Geschichten auf der Bühne erzählen. Ihre Inszenierungen ähneln eher Kunstaktionen.

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So lässt Susanne Kennedy in "Coming Society" Zuschauer mitmachen

Gestern präsentierte Susanne Kennedy ihre neue Theaterinszenierung "Coming Society" an der Berliner Volksbühne. Die Regisseurin will keine Geschichten auf der Bühne erzählen. Ihre Inszenierungen ähneln eher Kunstaktionen.

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Es wird dort für uns enden, wo es begonnen hat und wo wir uns sonst gemeinhin im Theater in unseren Breitengraden immer befinden: im Zuschauerraum. Doch schon jenes mit menschlichen Körperteilen bemalte, archaische Riesentor, das wie der Eingang zu einem ägyptischen Tempel wirkt, und das einem mit seinem blinkenden dritten Auge von Beginn an wie magisch anziehen will, macht deutlich: Das hier wird anders. Wie das auch die gerade mal 12 Dutzend Menschen verdeutlichen, die etwas verloren im großen Zuschauersaal sitzen. Und tatsächlich wird man schon nach kürzestes Zeit eingeladen, sich zu bewegen: "Attention, please stand up and walk towards the stage, proceed, enter through the gateless gate…" bittet eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Die Zuschauer betreten die Bühne

Und so betritt man zusammen mit allen anderen eben jene Zone, die einem sonst durch die berühmte vierte Wand versperrt bleibt: Die Bühne. Und die entpuppt sich als farbexplodierende Erlebniswelt, die psychodelisch lodernd ausgemalt ist, in der Kreise gegeneinander fahren, in der sich runde und eckige Räume auftun oder: Höhlen, Pyramiden und gebärmutterähnliche Rundungen zu Spielorten werden, während sich Wirbelsäulen zu Mustern zusammenlegen. Wände mutieren da mit den auf sie projizierten, sich drehenden geometrischen Formen zu unendlichen Tunneln. Und die Natur zerfließt auf irgendwelchen Screens in die Unkenntlichkeit oder steht allenfalls noch in Gestalt ein paar mickriger Äste Pate, die noch dazu einbetoniert sind.

Der Künstler Markus Selg hat diesen faszinierenden, sich um sich selbst drehenden Parcours für Susanne Kennedys Performance "Coming Society" gebaut. Hier darf man sich die nächste gute Stunde frei bewegen, und hier begegnet man dann auch den Spielern, die diese Räume und Welten wechselhaft bevölkern und einem Sätze zuraunen, wie: "We have been waiting for you since a very long time". Wie immer im Theater von Susanne Kennedy kommen die Stimmen dabei als Playback, springen nun auch noch von weiblich zu männlich, ohnehin chargieren diese Figuren auch optisch zwischen den Geschlechtern, während sie mal schamanische Rituale ausführen, mal in Paarbeziehungen eintreten oder sich als Gastgeber gerieren, die als den eigentlichen Protagonisten des Spiels den Zuschauer ansprechen.

© Volksbühne Berlin / Julian Roeder

Szene aus "Coming Society"

Der Zuschauer wird zum Teilnehmer

Einmal mehr als Ritual und als eine Art von "Totalem Theater" will Susanne Kennedy ihre Performance verstanden wissen: ein Theater, das den Zuschauer zum Teilnehmer macht, der von ihm nicht mehr intellektuell überzeugt und zur Auseinandersetzung herausgefordert, sondern der sinnlich überwältigt in das Spiel hineingesogen werden soll. Dabei soll dieses Spiel einen Blick in eine positive Zukunft wagen, in der sich durch Virtualität und technisch-humane Kreuzungen neue Welten auftun, die sich zugleich auf archaische und spirituelle Traditionen rückbesinnen.

Dies alles kann man dieser begehbaren und bespielten Installation in ihrer technischen und ästhetischen Perfektion anmerken, trotzdem bleibt sie den von ihr angestrebten Funken letztendlich doch schuldig, der einen in die Trance versetzen könnte, die einem hier ständig suggeriert wird. Auch wenn man die Vierte Wand durchschritten hat, so bleibt sie doch zwischen einem und den Spielern bestehen, die einem allenfalls mal einen intensiven Blickkontakt gönnen. Aber vielleicht ist die Trance eines wahren Rituals dann doch etwas zu viel verlangt von einem Theater, in dem sich die Verabredung, dass dies alles eben doch nur Theater ist, nur sehr schwer aufheben lässt.

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