BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© Audio: BR / Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc., Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)
Bildrechte: Leihgaben: Häusler Contemporary Zürich / Ralf Sigle / Kunstmuseum St. Gallen / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc., Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Das Neue Museum Nürnberg zeigt unter dem Titel "Lightsome" eine große Retrospektive des Lichtkünstlers Keith Sonnier.

  • Artikel mit Audio-Inhalten

Künstler des Lichts: Keith Sonnier im Neuen Museum Nürnberg

International bekannt geworden ist der 2020 verstorbene Keith Sonnier für spektakuläre Lichtinstallationen. Doch der Amerikaner war auch Maler und Bildhauer. Nun zeigt das Neue Museum Nürnberg unter dem Titel "Lightsome" eine große Retrospektive.

Von
Barbara BogenBarbara Bogen

Irgendwie scheint es, als sei ihm das Pluralistische schon in die Wiege gelegt, auch die Offenheit der Welt gegenüber. Als Keith Sonnier 1941 in einem der ärmsten Landstriche der USA geboren wird, in einem kleinen Dorf in Louisiana, herrscht noch scharfe Trennung zwischen Menschen weißer und schwarzer Hautfarbe. Doch die Familie ist liberal, der Vater arbeitet eng mit Schwarzen zusammen, die Mutter singt im Gospelchor.

Inspiration durch fremde Kulturen

Zugleich wächst Sonnier zweisprachig auf, die Familie hat Wurzeln in der Bretagne. Es ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Dialekte, die für Sonnier lebenslang selbstverständlich bleiben werden, später auf all seinen künstlerischen Reisen nach Brasilien, Indien, Indonesien, China und Japan, wo er sich immer wieder inspirieren lässt von fremden Kulturen und mit Menschen vor Ort kooperiert.

"Lightsome" heißt die Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg, die die weiten Horizonte eines Künstlers offenbart und die Kristin Schrader kuratiert hat: "Man assoziiert mit Keith Sonnier natürlich als allererstes Licht", so Schrader, für das Konzept der Ausstellung aber sei es ganz wichtig, den Künstler in seiner ganzen Vielfalt vorzustellen. Ein Jahr nach seinem Tod also eine Retrospektive zu zeigen, die alle Werkphasen vorstellt. "Wir haben über sechzig Werke aus sechs Jahrzehnten", erklärt die Kuratorin. Und der Titel der Ausstellung sei ein Wortspiel: "'Lightsome', wenn man das direkt aus dem Englischen übersetzt, bedeutet eben auch 'offenherzig', und es ist als Retrospektive auch eine Ausstellung, die biografisch ist. Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, einen chronologischen Rundgang zu erlauben."

Kunst vom Sockel geholt

Kunst in all ihren Erscheinungsformen sollte für Sonnier so trivial, so banal wie möglich erscheinen. Schon in der frühen Arbeit "Roman Trough", die an eine Art Schweinetrog erinnert, verwendet der Künstler Mulltuch, einen Gazestoff, der auch zur Herstellung von Käse verwendet wird. Die Skulptur und das gesamte Kunstprinzip selbst holt er damit vom Sockel und stellt es programmatisch auf den Boden. Später in New York setzt er die Arbeit mit Alltagsmaterialien konsequent fort, experimentiert mit Fiberglas, Blei, Fett, Latex, Draht, Aluminium. Primärfarbige Neonröhren, formbare Leuchtmittel treten da etwa in einen verschlungenen Dialog mit Glühbirnen. Farbräume entstehen, kinderbunt dringt das Licht in den Raum.

© Leihgaben: Häusler Contemporary Zürich / Privatsammlung Zürich / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc. / Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)
Bildrechte: Leihgaben: Häusler Contemporary Zürich / Privatsammlung Zürich / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc. / Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Arbeiten von Keith Sonnier in der Nürnberger Ausstellung

"Es gibt zeitlebens das Interesse an Licht", sagt Kuratorin Kirstin Schrader, das ganz stark auch die Rezeption Sonniers geprägt habe. Zugleich öffneten sich aber immer wieder auch "Ausbrüche oder Nebenlinien": In den 1970er-Jahren etwa Videokunst und Performance, die bei Sonnier ganz eng miteinander verzahnt sind, "verschwistert", wie die Kuratorin es nennt: "Es gibt eine Performance, die wird gefilmt. Die Performance besteht aus Anweisungen: 'Film das! film jenes! Färb das Bild so ein!'" Werke wie diese reflektieren immer auch das Medium, in dem sie arbeiten.

TV-Bilder, Neonröhren und Schaumstoff

In der Videoarbeit "Channel Mix" aus den 70er-Jahren verwendet Sonnier Live-Material aus vier verschiedenen Fernsehprogrammen, die zeitgleich projiziert werden, in waagerechter und senkrechter Aufteilung, als Positiv- und Negativbild. Eine Zufallscollage, in der die diversen Bildwelten kollidieren, eine frühe Medienkritik der Bild- und Reizüberflutung.

Aber auch Experimente mit Hilfe der damaligen Satellitentechnik der NASA entstehen. Nahezu visionär schaltet Sonnier Live-Verbindungen zwischen New York und Los Angeles und nimmt sie per Video auf. Daneben wieder minimalistisch Zeichenhaftes, Piktogramme, Anthropomorphes. Zugleich soll seine Kunst immer auch sinnlich wirken. In der umfassenden Werkgruppe "Ba-O-Ba", einem Begriff, den er aus Haiti mitbrachte, Neonröhren und Schaumstoff, letzteres ein Material, das das Bedürfnis nach Berührung provozieren sollte.

Zwischen Minimalismus und High Tech

Auch Reflexionen bleiben für den Künstler symptomatisch, das Spiel mit Spiegelungen, durch die der Besucher Teil des Kunstwerks wird. In den 2000er-Jahren entstehen gar die wandfüllenden USA-kritischen Arbeiten "Baghdad Relic" und "USA War of the Worlds" mit internationalen Zeitungen von einem einzigen Tag. Der Kriegseinsatz im Irak wird im Titel konkret thematisiert und zugleich in übergeordnete Kontexte weitergedacht.

Diese erste umfassende Retrospektive nach dem Tod Keith Sonniers im letzten Jahr ist eine hochkomplexe Herausforderung zwischen Minimalismus und High-Tech. Sie demonstriert die Arbeiten eines reichen ruhelosen Geistes, der weit mehr war als ein weltberühmter Lichtkünstler.

© Leihgaben: Privatsammlung Zürich / Kunstmuseum St. Gallen / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc. / Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)
Bildrechte: Leihgaben: Privatsammlung Zürich / Kunstmuseum St. Gallen / VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Courtesy of The Sac-O-Lait Keith Sonnier Foundation Inc. / Foto: Neues Museum (Annette Kradisch)

Wandskulpturen mit Schatteneffekten

Die Ausstellung "Keith Sonnier. Lightsome" im Neuen Museum Nürnberg ist bis zum 6. Februar 2022 zu sehen.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!...

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Sendung

kulturWelt

Schlagwörter