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Keine Schockstarre: Die katholische Kirche in Corona-Zeiten | BR24

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Bildrechte: dpa/ picture alliance

Online-Gottesdienste in Corona-Zeiten.

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Keine Schockstarre: Die katholische Kirche in Corona-Zeiten

Von einem Tag auf den anderen hat die Corona-Pandemie das kirchliche Leben auf den Kopf gestellt. Aus der Not heraus sind viele neue Angebote entstanden, vor allem online. Aber sind diese Veränderungen auch ein Modell für die Zukunft?

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Von
  • Ariane Dreisbach

Nachdem wegen der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus öffentliche Gottesdienste untersagt worden waren, überlegte Landjugendpfarrer Alois Emslander: "Wie komme ich jetzt an meine Leute ran? Wie merken sie, dass ich da bin?" Er fing mit einem kurzen Video auf Facebook für die Mitglieder der katholischen Landjugend an. Sein Ziel: Mut machen.

Inzwischen wurde das Video mehr als 6.000 Mal angeklickt. "Ich glaube, dass die Kirche gerade für junge Menschen durch die Krise ein Feld erobert hat, wo sie vorher unterrepräsentiert war. Und das spiegeln junge Leute sehr klar zurück: Super cool, dass ihr jetzt den Sprung da hinein gewagt habt, dass ihr uns so nahe seid und unsere Lebenswelt teilt." Pfarrer Alois Emslander hat gelernt: Damit digitale Angebote ankommen, müssen sie sich an eine klar umrissene Zielgruppe wenden.

Nach der Krise: hochwertige Digitalangebote

"Wir merken ja als Kirche, wir werden nicht mehr in der Fläche so präsent sein können, wie wir es sind oder waren. Und da sehe ich die Chance, zu sagen: Ich habe ein zielgerichtetes Angebot für Jugendliche. Nicht jeder gestreamte Gottesdienst ist ein guter Gottesdienst. Nach der Krise dann lieber weniger Angebote und die qualitativ hochwertig. Nicht jedes Wort, das ein Priester, ein Hauptamtlicher oder wer auch immer spricht, muss man sofort in den Orbit schießen." Pfarrer Alois Emslander

Fußwallfahrten zu den Einsamen

Pfarrer Stephan Rauscher, der Leiter des Pfarrverbands Attenkirchen und Nandlstadt im Erzbistum München und Freising, streamt zwar auch gerade jeden Sonntag einen Gottesdienst, aber er hat sich noch etwas anderes einfallen lassen: Jeden Tag bricht er von Attenkirchen im Landkreis Freising aus zu einer anderen Kirche seiner Gemeinde auf – zu Fuß. Vor allem macht er seine Wallfahrten für die Alten und die Einsamen, die sonst schwer zu erreichen sind: "Zum Teil geht man an deren Häusern vorbei, natürlich nur jede Woche mal, aber da merkt man: Die sehen das. Viele stehen auch am Fenster und winken." Auch der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel weist darauf hin, wie wichtig die direkte Ansprache ist:

"Der Gottesdienst, den man im Internet anschauen kann, ist zwar ein kleines Element, an dem man sich festhalten kann. Aber er ersetzt natürlich nicht einen Besuch, der mit einem Gespräch verbunden ist und einem auch Mut macht." Gert Pickel, Religionssoziologe

Einschränkungen in der karitativen Arbeit

Auch bei der Versorgung von Bedürftigen sind neue Angebote gefragt, wie das Beispiel der Caritas München zeigt: Sie hatte Mitte März zwei Food Trucks für Wohnungslose und andere Hilfsbedürftige auf die Straße gebracht. Diese ambulante Versorgung mit Lebensmitteln ist notwendig, weil viele andere Anlaufstellen wegen der Ansteckungsgefahr mittlerweile geschlossen sind. Pro Tag kamen etwa 300 Leute, um sich eine heiße Suppe mit Semmel zu holen, sagt Projektleiterin Alexandra Myhsok. Inzwischen sind die Food Trucks wieder abgebaut, weil die Miete des Trucks auf Dauer zu teuer wäre. Ganz aufgeben möchte sie das Projekt Food Truck aber noch nicht: "Das wäre eigentlich optimal, wenn wir einen gebrauchten Food Truck hätten, mit dem wir unterwegs sein könnten in den verschiedenen Wohngebieten, ohne teure Mietgebühren zahlen zu müssen."

Keine Schockstarre, aber auch noch nicht am Ziel

Die Corona-Krise fordert die katholische Kirche, ihre Einrichtungen und die Menschen, die ihr nahestehen. Sie ist nicht in Schockstarre verfallen, als große Teile des bislang gekannten kirchlichen Lebens zum Erliegen kamen. Im Gegenteil: Aus der Not heraus sind viele neue Ideen und Angebote entstanden. Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel findet: Die katholische Kirche sollte überlegen, welche Schwerpunkte sie jetzt und vor allem auch in Zukunft setzen will:

"Man muss über die Kirchenstrukturen nachdenken, ob die Predigt und der Gottesdienst das Zentrum darstellen oder nicht eben das, was drumherum passiert – gerade auch in der Seelsorge. Hier muss man auch in der Zukunft vielleicht ein bisschen mehr investieren." Gert Pickel, Religionssoziologe

Auch wenn – unter Auflagen – bald wieder öffentliche Gottesdienste gefeiert werden dürfen: Corona und der derzeitige Ausnahmezustand werden Spuren hinterlassen – von einer Rückkehr zur Normalität kann nicht die Rede sein.

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