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Keine Rücksicht auf Tenöre: "Die tote Stadt" mit Jonas Kaufmann | BR24

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Mehr Star-Power geht nicht: Tenor Jonas Kaufmann, Sopranistin Marlis Petersen und Dirigent Kirill Petrenko sorgten für Weltklasse-Glamour in der Bayerischen Staatsoper. Die sehr plakative Inszenierung kam aus Basel, der Jubel des Publikums war groß.

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Keine Rücksicht auf Tenöre: "Die tote Stadt" mit Jonas Kaufmann

Mehr Star-Power geht nicht: Tenor Jonas Kaufmann, Sopranistin Marlis Petersen und Dirigent Kirill Petrenko sorgten für Weltklasse-Glamour in der Bayerischen Staatsoper. Die sehr plakative Inszenierung kam aus Basel, der Jubel des Publikums war groß.

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Junge Leute nehmen ja auf wenig Rücksicht, nicht mal auf Tenöre. Der 23-jährige Erich Wolfgang Korngold machte da keine Ausnahme. Als "Wunderkind" landete der gebürtige Brünner im Dezember 1920 mit der "Toten Stadt" seinen ersten großen Opern-Erfolg, und da sparte er in seinem wilden, nachpubertären Überschwang wirklich an nichts: Glocken, Orgel und Windmaschine haben ihre Einsätze, die Blechbläser haben reichlich zu tun - Korngold setzte auf ganz großes Kino, steigerte sich in einen wahren Klangrausch hinein.

Flirrender Farbenreichtum

Diese Leidenschaft brachte ihm übrigens ein paar Jahre später zwei Oscars ein, für den Abenteuerfilm "Ein rastloses Leben" und für "Robin Hood, den König der Vagabunden". Für einen Tenor freilich ist Korngolds "Tote Stadt" eine sprichwörtlich mörderische Herausforderung, zumal wenn ein Dirigent im Graben steht, der eine ausgelassene Freude hat am flirrenden Farbenreichtum und an der Opulenz dieser Cinemascope-Partitur.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Toten-Trauma: Jonas Kaufmann und Marlis Petersen

Da müssen sich also schon zwei finden, die dieses Wagnis eingehen wollen, und das war an der Bayerischen Staatsoper in München erfreulicherweise der Fall. Star-Tenor Jonas Kaufmann hatte sich die Hauptrolle des Paul in den Kopf gesetzt, und Dirigent Kirill Petrenko machte gerne mit. Ebenso gern hätte Intendant Nikolaus Bachler den beiden zum Saisonauftakt wohl eine Neuproduktion gegönnt, aber der ursprünglich ins Auge gefasste Regisseur sprang wohl aus irgendwelchen Gründen ab, so dass kurzerhand die Inszenierung aus Basel übernommen wurde.

Simon Stone ist viel beschäftigt

Klar, für ein so großes Haus wie die Bayerische Staatsoper ist das misslich, zumal Regisseur Simon Stone nicht die Zeit hatte, seine drei Jahre alte Arbeit noch mal gründlich zu überarbeiten, am Detail zu feilen, wie es manche Berufskollegen durchaus machen. Stattdessen überließ der viel beschäftigte Schauspieler, Filmemacher und Drehbuchautor, der kürzlich auch eine geplante Neuinszenierung im Münchner Residenztheater absagen musste, die Wiedereinstudierung seiner "Toten Stadt" der Assistentin Maria-Magdalena Kwaschik, die auch dafür sorgte, dass die Sänger in dem anspruchsvollen Bühnenbild von Ralph Myers nicht den Überblick verloren.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Harmonisch ist was anderes...

Der hatte nämlich einen Allerwelts-Bungalow entworfen, Hausnummer 37, mit Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer, die allesamt auch schon mal eigene Wege gehen, also auseinander fallen, sich neu zusammensetzen, denn die Räume, die stehen hier für die Albträume und die traumatischen Erinnerungen von Paul, der seine Frau durch eine Krebserkrankung verloren hat.

Inszenierung wenig symbolistisch

Brügge, wo er zuhause ist, wurde dadurch für ihn zur titelgebenden "Toten Stadt", sein Haus zu einer "Kirche des Gewesenen". Über drei Stunden mit zwei Pausen wird gezeigt, wie Paul seinen Traum und Trauma als Witwer hinter sich lässt - oder auch nicht, so genau wird das am Ende nicht deutlich. Er verschwindet vielmehr mit einer Bierflasche in der Hand. Die Inszenierung ist ansonsten wenig verrätselt, fast zu plakativ und eingängig, denn Korngolds Oper ist eigentlich sehr viel symbolistischer angelegt, sehr viel abgründiger und vor allem politischer, stammt die Textvorlage doch aus der Epoche der Décadence, der Weltuntergangs- und -verachtungsliteratur am Ende des 19. Jahrhunderts. Korngold schrieb seine Oper immerhin zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, als Millionen Tote zu beklagen waren und die Trauer um Gefallene, um Verhungerte oder von der Grippe Weggeraffte keineswegs nur einzelne Menschen betraf, sondern ganze Nationen - mit den dramatischen psychologischen Folgen.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Bungalow in Lila

Brügge ist also mit seinem Nebel, seinen dunklen Kanälen und seinen gotischen Kirchen nicht nur eine "Tote Stadt", sondern auch eine "Toteninsel" im umfassenderen Sinn, der Hades als solcher, der wie ein Schatten auf dem Diesseits liegt, was allerdings in der Münchner Inszenierung optisch völlig ausgeblendet wird. Entsprechend weltlich kommt auch die große Oster-Prozession daher, die Korngold effektvoll hineinkomponiert, und auch sein süffiges Zitat der Oper "Robert, der Teufel" mit einem dort tatsächlich vorkommenden bizarren Ballett der auferstandenen, sündigen Nonnen, wurde hier zwischen Kissenschlacht und Swinger-Party nicht sonderlich überzeugend umgesetzt.

Geschmeidig, raumfüllend, Weltklasseformat

Gleichwohl, es war natürlich musikalisch ein Ausnahme-Abend, wegen Tenor Jonas Kaufmann, aber auch wegen seiner Partnerin, der Sopranistin Marlis Petersen. Kaufmann schien von Anfang an beweisen zu wollen, dass diese Partie keiner so singen kann wie er - so dunkel getönt, so geschmeidig, so melancholisch, so raumfüllend, im solchen Weltklasseformat. Unglaublich, wie er die Rolle durch stand, trotz zwei, drei minimaler "Unebenheiten" in der Stimme, die wohl seinem Übereifer geschuldet waren. Schauspielerisch allerdings war Marlis Petersen noch deutlich eifriger bei der Sache, und stimmlich ganz in ihrem Fach, konnte sie doch als Tänzerin Marietta eine Art Lulu geben, ihre langjährige Paraderolle.

© Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper München

Trost bei Fritz (Marlis Petersen und Andrzej Filonczyk)

Dirigent Kirill Petrenko ist ein Kontrollfreak, so genau, wie er probt und auch noch bei der Premiere alles steuert, ja die Partitur regelrecht buchstabiert. Der Mann schafft es, mit der Handfläche die eine Instrumentengruppe zu lenken und mit den einzelnen Fingern eine andere, schaut intensiv in die Noten und ist trotzdem bei den Sängern auf der Bühne. Laufen lassen kann er nichts, auch nichts dem Zufall, dem Gefühl überlassen, alles ist genau kalkuliert, was zu einem staunenswerten Gesamt-Ergebnis führte und Schwerstarbeit sein muss. Großer Jubel für eine szenisch "gebrauchte", aber musikalisch doch unerhört neuwertige "Tote Stadt". Schade: Alle Vorstellungen in dieser Spielzeit sind ausverkauft.

Wieder am 22. und 26. November, sowie 1., 6. und 11. Dezember 2019 an der Bayerischen Staatsoper München (jeweils ausverkauft), sowie bei den Opernfestspielen am 19. Juli 2020 (derzeit Kartenanfrage möglich).

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