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Keine Rituale: Wie feiert man den Tag der deutschen Einheit? | BR24

© picture alliance/Uwe Zucchi/dpa

Zwei Männer zeigen einen Teil der DDR-Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz.

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    Keine Rituale: Wie feiert man den Tag der deutschen Einheit?

    An Ostern gibt’s Eier, an Weihnachten Geschenke, am Valentinstag Blumen. Doch was machen wir am Tag der deutschen Einheit? Allgemeine Rituale gibt es nicht, seit der 3. Oktober im Einigungsvertrag 1990 als gesetzlicher Feiertag bestimmt wurde.

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    Flugzeugstaffeln fliegen die Nationalfarben in den Himmel, große Militärparaden ziehen durch die Straßen, es finden Partys, Konzerte und Picknicks statt. So sieht es an Nationalfeiertagen in den USA, Spanien, Indien und Frankreich aus. Das ganze Land feiert mit, militärische Stärke und nationale Einheit werden leidenschaftlich zelebriert.

    Feiertag ohne Rituale

    In Deutschland ist das undenkbar. Für den Tag der deutschen Einheit fehlen Rituale, Bräuche und Symbole. Das Problem sei, "dass der Tag an nichts wirklich erinnert", so Barbara Stollberg-Rilinger, Historikerin der Uni Münster, die sich mit politischen Symbolen beschäftigt. "Niemand verbindet etwas mit dem 3. Oktober. Das Inkrafttreten eines Vertrags ist nichts Anschauliches. Das ist nichts, was man sehen und spüren kann."

    Bei religiösen Feiertagen gibt es feste Bräuche und Erzählungen, aber gesetzlich verordnete Feiertage schaffen nur schwer ein Gemeinschaftsgefühl, so Stollberg-Rilinger. "Die Kraft von Ritualen besteht ganz wesentlich darin, dass Menschen gemeinsam am selben Event teilnehmen. Und zwar nicht nur medial, am Bildschirm, sondern in Realpräsenz."

    Kein Tag der "unbeschwerten" Einheit

    Besonders schwierig sei es außerdem, wenn ein Tag ambivalente Emotionen auslöst, meint Friederike Schicht. In ihrem Podcast Kohl-Kids spricht sie über das Aufwachsen in Ost und West von Nachwendekindern. Die Wiedervereinigung sei nicht nur positiv besetzt: "Diese extreme Massenarbeitslosigkeit, die Treuhandpolitik, die die ostdeutsche Wirtschaft völlig dem Erdboden gleichgemacht hat, viele Familien, die zerbrochen sind, die wegziehen mussten."

    Das und die alljährlichen Debatten über die Ungleichheit zwischen Ost und West nehmen dem 3. Oktober seine Unbeschwertheit und das "Feier-Gefühl", so Friederike Schicht. Aber das sei gar nicht so schlimm. "Ich finde es eigentlich gut, dass wir den Tag nicht so begehen wie die Franzosen, weil das einfach mit der deutschen Geschichte nicht zusammenpasst, so einen Nationalfeiertag zu haben."

    Tag der Einheit aller Menschen

    Friederike Schichts Vorschlag: Am Tag der deutschen Einheit sollte nicht nur um die Einheit zwischen Ost und West gehen, sondern noch expliziter um die Einheit aller Menschen, die inzwischen in Deutschland leben. "Wir haben so viele verschiedene Gruppen und Identitäten, die in unserem Land leben, so dass es allein mit Westdeutsch und Ostdeutsch nicht abgegolten ist."

    Ähnlich sieht das der Münchner Schriftsteller und Theatermacher Björn Bicker. Er sagt, der Tag der deutschen Einheit sei wichtig. Aber er müsse anders begangen werden, mit einem Blick auf die Realität einer immer heterogener werdenden Gesellschaft. "Für diese Komplexität, die auch nicht mehr weggehen wird, muss man ein angemessenes Gedenken finden."

    Damit das gelingt, müsse ein solcher Feiertag nicht nur das Vergangene feiern, sondern an der Zukunft arbeiten, so Bicker, "dass man sagt, es gibt so etwas wie Versöhnungskommissionen, die die Geschichte der Wiedervereinigung aufarbeiten, die aber gleichzeitig auch darüber reden, wie wollen wir denn als Einwanderungsland weitermachen".

    Besinnen könnte man sich, so Björn Bicker, am Tag der deutschen Einheit nicht auf die Nation, sondern auf gemeinsame Werte, die wirklich allen gehören: Die Würde des Menschen und die Freiheitsrechte, die ein vereintes Deutschland sicherstellen möchte. Wie das dann in Rituale umgesetzt werden könnte, das ist freilich offen.

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