BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Keine Kompromisse: So penibel war "Playboy" Gunter Sachs | BR24

© BR
Bildrechte: Wolfgang Kühn/Picture Alliance

Er war der Liebhaber von Brigitte Bardot und inszenierte Claudia Schiffer als Cleopatra: Jetzt ist die "Kamerakunst" - so der Titel der Foto-Ausstellung - des berühmten Industriellen-Erbes im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München zu sehen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Keine Kompromisse: So penibel war "Playboy" Gunter Sachs

Er war der Liebhaber von Brigitte Bardot und inszenierte Claudia Schiffer als Cleopatra: Jetzt ist die "Kamerakunst" - so der Titel der Foto-Ausstellung - des berühmten Industriellen-Erbes im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München zu sehen.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

"Er hat die Bardot 'geknackt', ab da waren wir wieder jemand in der westlichen Welt. Das ist in unserem kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Fakt ist, dass Sachs eigentlich viel mehr ein Liebhaber der schönen Künste war als der schönen Frauen", sagt Kunsthistoriker Otto Letze. Dann wäre das schon mal geklärt - oder auch nicht, denn das Frauenbild des Gunter Sachs war natürlich nicht das Frauenbild von heute, da widerspricht auch Letze nicht. Sachs durchfieberte als, wie es damals hieß, "Playboy" die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, warf über Brigitte Bardots Villa vom Hubschrauber aus 1000 rote Rosen ab, kurvte mit seinem Riva-Boot vor Saint Tropezs Strandpromenade herum und ließ das wilde Leben der damaligen Jeuneusse dorée an sich vorbeiziehen.

Fast ein deutscher Pendant

Dabei dürfte ihn das alles mehr befremdet haben, als Außenstehende ahnten. Denn Gunter Sachs, und das zeigen eigentlich alle seine Fotos, war charakterlich überhaupt kein ausgelassener Lebemann, sondern fast schon ein deutscher Pedant - ordnungsliebend, akkurat, leistungsorientiert. Experte Otto Letze: "Je mehr man sich in die Tiefen seines Werks eingräbt, desto faszinierender ist diese Person. Als Perfektionist, als Mäzen, als Sammler, als Querdenker zwischen seiner Sammlung und seines eigenen Schaffens. Eine faszinierende Persönlichkeit, natürlich auch dank seiner finanziellen Mittel, ein Experimentierer erster Güte, der Revolutionäres schafft."

© Estate Gunter Sachs/Künstlerhaus
Bildrechte: Estate Gunter Sachs/Künstlerhaus

Aus dem Jahreszeiten-Zyklus: "Sommer"

Sachs versuchte sich früh am Zeitraffer und an der Super-Zeitlupe, spielte mit der Digitaltechnik, probierte aus, oft mit fulminanten Ergebnissen. Sein Ski-Film "Happening in White" machte schon 1969 Furore, viele Jahre, bevor Willi Bogner mit "Fire and Ice" (1986) eine ähnliche Idee hatte. Im halsbrecherischen Tempo lässt Sachs den schweizerischen Glacier Express zum Auftakt durch die Tunnel rasen, lässt kühne Skifahrer in den Himmel steigen, wo sie mit Kampfjets um Eleganz und Stärke wetteifern, und kein Geringerer als Bandleader Peter Thomas macht dazu die Musik, derselbe, zu dessen Sound das "Raumschiff Orion" ins All abhob. Im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München können Besucher Ausschnitte aus diesem Schnee-Bacchanal sehen, und jeden Sonntag die ungekürzte Fassung. Auch die "Giraffen von Saint Tropez" recken hier ihre Hälse, die beiden ganz und gar nicht tierischen Hauptdarsteller in einer 15-minütigen filmischen Liebeserklärung von Gunter Sachs an seine damalige südfranzösische Wahlheimat und den dortigen Lebensstil aus sehen und gesehen werden zwischen Parties, Posen und (sehr viel) Pinkepinke.

© Jungblut/BR
Bildrechte: Jungblut/BR

Claudia Schiffer als Heilige und Hure

"Gewitzelt haben wir nicht"

Wer anschaut, wie da junge, feierwütige Leute übers Wasser rasen, der denkt unwillkürlich an das berühmte Bild "Motorboot" von Gerhard Richter, übrigens genau wie der Film aus dem Jahr 1965 - Sinnbild einer Zeit, die nur noch vergessen wollte, die gern Tempo mit Revolution verwechselte. Und mittendrin Gunter Sachs, der Perfektionist, der eben nicht fünfe gerade sein lassen konnte: "Wenn da die Wand eine Dimension von 16 mal vier Meter hatte", so Otto Letze, "und es mussten vier Bilder gehängt werden, dann sind die neu abgezogen worden, nach dem Wand-Maß. Da gab es keine Kompromisse, das musste so sein, weil die Wand ansonsten nicht gut aussah. Ich muss sagen, ich habe ein paar Mal persönlich erleben dürfen, aber gewitzelt haben wir auch nicht miteinander."

© Jungblut/BR
Bildrechte: Jungblut/BR

Blick in die Ausstellung

Natürlich beeindrucken die Fotos, die im Künstlerhaus am Lenbachplatz teilweise in Riesenformaten zu sehen sind - aber womit? Mit ihrer peniblen Inszenierung, ihrer gleißenden Oberfläche, ihrer perspektivischen Vollkommenheit. Das sind Werke eines Lichtmechanikers, der bis ins Kleinste alles unter Kontrolle halten wollte, der so akribisch genau fotografierte, dass die Wirklichkeit nicht nur dahinter - hier macht das Wort Sinn - "vollkommen" verschwand, sondern dass der Betrachter auch gar keine Lust mehr auf sie hat. Wie überwältigend ist dieser Schein! Er zieht den Betrachter in seinen Bann wie das Foto mit dem Titel "Sog", auf dem eine Frau scheinbar in einen Felswirbel hinein rutscht.

© Jungblut/BR
Bildrechte: Jungblut/BR

Kunsthistoriker Otto Letze vor Warhols "Gunter-Sachs"-Siebdruck

Ein begnadeter Humorist war Gunter Sachs nicht, aber wie sarkastisch konnte er sein: "Zu Ehren" von Imelda Marcos, der Diktatoren-Gattin, die tausende von Schuhen ihr eigen nannte, setzte der Fotograf Frauen in die riesige Schaufel eines Radladers und ließ sie ihre Beine recken - lauter Schuhe, die zum Himmel streben. Claudia Schiffer ist reichlich vertreten, als Cleopatra, aber auch mit einem Schrei, zerlegt in seine mimischen Einzelteile.

Er setzte Anregungen auch um

Im Künstlerhaus wird vorgeführt, wie sehr sich Gunter Sachs von seinen Vorbildern leiten ließ, wie sehr er sich anregen ließ von Star-Fotografen: "Sachs hat zu Ende der sechziger Jahre begonnen, Fotografie zu sammeln, mit einem weiteren Schwerpunkt und mit großem Schwung dann am Ende der achtziger Jahre. Er hat junge Positionen gesammelt, von jungen, aufstrebenden Künstlern, aber eben auch die Klassiker wie Andy Warhol, Andreas Feininger, Horst P. Horst, August Sander. Das Besondere der Ausstellung ist das Konzept, dass wir dieses reflexive Moment aufzeigen wollen, dass er immer wieder Inspirationen erfahren hat aus seiner Kunst- und Fotografiesammlung und die auch tatsächlich umsetzt."

© Luc Fournol/Picture Alliance
Bildrechte: Luc Fournol/Picture Alliance

Pralles Leben der Siebziger

Er setzte um, aber er kopierte nicht einfach. Hier ist ein hochtalentierter Lichtbildner damit beschäftigt, mehr oder weniger die gesamte Fotografie-Geschichte aufzuarbeiten und ja, zu perfektionieren. Dazu war Gunter Sachs jedes technische Mittel recht, er konnte es sich ja leisten. Trotzdem war es Schwerstarbeit, es ist jedem Foto anzusehen, als ob der Industriellen-Erbe das Malochen auch in der Kunst nicht lassen konnte. Otto Letze: "Ist diese Kategorie von Playboys, die es gar nicht mehr gibt, ist das der Verlust? Ich empfinde bei Gunter Sachs den Verlust eher auf einer persönlichen Ebene, weil es heutzutage schrecklich viele Leute gibt, die schrecklich viel Geld haben, und das Verprassen desselben ist auch sozial akzeptiert. Sachs hat es nicht verprasst, er hatte Geld und Talent, er war Mäzen, er hat junge Künstler gefördert, das ist etwas, was ich heute oft vermisse."

"Kamerakunst" - Fotos von Gunter Sachs und aus seiner Sammlung, Künstlerhaus am Lenbachplatz in München, bis 30. August 2020, täglich, auch montags geöffnet.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!