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Kein Weißer reicht ihm die Hand: "Blume von Hawaii" in Salzburg | BR24

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Der Präsident lügt, der Gouverneur trickst und das Kriegsschiff steht für alle Fälle bereit: In Salzburg wird aus Paul Abrahams Revue-Operette ein hochaktuelles Zeitstück über Rassismus, Respekt und Verantwortung, speziell in Politik und Showbranche.

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Kein Weißer reicht ihm die Hand: "Blume von Hawaii" in Salzburg

Der Präsident lügt, der Gouverneur trickst und das Kriegsschiff steht für alle Fälle bereit: In Salzburg wird aus Paul Abrahams Revue-Operette ein hochaktuelles Zeitstück über Rassismus, Respekt und Verantwortung, speziell in Politik und Showbranche.

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Kann schon sein, dass diese Revue-Operette durch und durch albern ist, mit absurden Songs und einer aberwitzigen Handlung, aber ehrlich gesagt: So irre wie unsere Gegenwart kann eine Operette gar nicht mehr sein - und gerade deshalb war es fast schon furchteinflössend, was Regisseur Marco Dott aus der vermeintlich harmlosen "Blume von Hawaii" am Salzburger Landestheater gemacht hat, nämlich ein so bitteres wie unterhaltsames Stück über Respekt und Verantwortung - übrigens vor allem die Verantwortung der Künstler, nach dem Motto "Break your heart for your art!"

Er redet von Demokratie und meint Kriegsschiffe

Egal, ob sie als Leinwandhelden Kasse machen oder in einer Revue steppen, wirklich unpolitisch sind sie nie, auch, wenn das viele von ihnen behaupten und damit doch nur ihren Opportunismus beweisen. Alle Achtung, wie konsequent Marco Dott das Thema in seiner Textbearbeitung von Paul Abrahams Operette aus dem Jahr 1931 durchzieht. Der ungenannte amerikanische Präsident, von dem hier die Rede ist, wird als Rassist und Lügner bezeichnet, der Gouverneur von Hawaii ist ein gewiefter Machtpolitiker, der dauernd von Demokratie faselt aber Kriegsschiffe meint und Hollywoodstars für Wahlkampfeinsätze mobilisieren will.

Der dafür extra eingeflogene farbige Hauptdarsteller schockt bei einer Film-Gala alle Anwesenden mit einem provokanten "Niggersong", das Ballett trägt dazu eine schwarze Kluft mit der unübersehbaren Black-Panther-Faust und die hier auftretenden Frauen und Männer befinden sich allesamt und unübersehbar mitten im Geschlechterkrieg: Warum soll nicht mal der übergriffige Kerl einen vorwitzigen Klaps auf den Hintern bekommen, dass er Bauklötze staunt?

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Im Dschungel der Südsee

Amerika zwischen Gender-Zoff, Cancel Culture und Twitter-Hysterie! Die verwöhnte Hollywood-Diva Suzanne Provence verweigert ihrem eigenen Präsidenten die Gefolgschaft und schließt sich stattdessen der hawaiianischen Befreiungsbewegung an, und als sie am Ende in Los Angeles eine Auszeichnung entgegennehmen darf, nutzt sie ihre Dankesrede für eine Abrechnung: Politiker, die es ständig an Respekt und Wahrhaftigkeit fehlen lassen, zerstören die wesentlichen Grundlagen der Gesellschaft.

Von schockierender Aktualität - leider

Und was so gespenstisch ist: Das alles passt hervorragend zur Musik und zur Handlung, die sich Paul Abraham und sein Textdichter Fritz Löhner-Beda kurz vor dem Beginn der Nazi-Zeit in der Endphase der Weimarer Republik haben einfallen lassen. Wörtlich heißt es da: "Bin nur ein Nigger/ und kein weißer Mann/reicht mir die Hand,/ aber die Ladies finden mich pikant!" In Zeiten, wo amerikanische Vorstädte brennen, ist das von schockierender Aktualität, leider.

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Andreas Wolfram und Laura Incko

Und wie bizarr ist es eigentlich noch, dass das von den Demokraten beherrschte Hawaii sich eines Tages selbständig machen will und dabei am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten scheitert? Die Schlacht um die dortige Mehrheit ist ja gerade mit voller Wucht entbrannt! Kurz und gut: Keine Operette kann heute anscheinend mehr absurder sein als die Nachrichtenkanäle.

Publikum noch etwas verunsichert

Marco Dott und sein Ausstattungsteam Christian Floeren und Bettina Richter ist also gelungen, was eine derartige Revue im besten Falle ausmacht: Einen Zeitkommentar abzuliefern, ohne deshalb Abstriche an Witz und Tempo zu machen. Gut, das Salzburger Publikum wirkte nach sechs Monaten Zwangspause noch etwas verunsichert, wer fühlt sich bei Maskenpflicht und blockierten Sitzen schon wieder vergnügt und ausgelassen, zumal Intendant Carl Philip von Maldeghem vor und nach der Vorstellung persönlich das Hygiene-Konzept erläuterte: Abstände nur im Zuschauerraum, aber nicht auf der Bühne, weil die Mitwirkenden regelmäßig getestet werden. Kein Wunder, dass einige der ohnehin wenigen zur Verfügung stehenden Plätze leer blieben: Womöglich hatte der eine oder andere Abonnent doch noch Hemmungen?

© Anna-Maria Löffelberger/Salzburger Landestheater

Foto-Gelegenheit

Auf der Bühne reichten derweil die sieben Stufen der Showtreppe und etwas Lichterglanz als Kulisse völlig aus, denn die Kostüme und das schwer beschäftigte, sechsköpfige Ballett machten alles andere wett: Großartig, wie die gelangweilten Hawaii-Tänzerinnen vor den ankommenden Touristen wackelten, wie die Burschen im Lendenschurz "Stammesrituale" vorführten, ein nicht enden wollender Folklore-Alptraum mit Bast-Röcken, aber eben auch mit satirischem Biss.

Diva zwischen Verführung und Verantwortung

Unter den Solisten überzeugten vor allem Alexander Hüttner als tollpatschiger Assistent Buffy, Andreas Wolfram als schwarzer Hollywoodstar Will Roy, Sophie Mefan als stepptanzende Bessie und Laura Incko als Diva zwischen Verführung und Verantwortung. Dirigent Gabriel Venzago ging recht forsch an die Arbeit, ließ keine Sentimentalität aufkommen, auch nicht, wenn sich mal ein romantischer Sternenhimmel aufspannte - es dominierte auch musikalisch stets die Satire. Mag sein, dass das manchen Zuschauer irritierte, aber in welchem amerikanischen Wahlkampf geht es schon gefühlsduselig zu?

Wieder am 26., 29. September und 1., 3. und 10. Oktober am Salzburger Landestheater, weitere Termine.

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