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Kein Mensch hat Spaß: Die wahren Gründe für die Theaterkrise | BR24

© Bild: Jungblut/BR / Audio: BR

Vor allem ältere Zuschauer haben die Lust am Theater verloren, stellt Theaterchef Thomas Pekny von der Komödie im Bayerischen Hof fest.

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Kein Mensch hat Spaß: Die wahren Gründe für die Theaterkrise

Monatelang waren die Theater geschlossen, doch die staatlichen Vorgaben sind längst nicht mehr das einzige Problem der Intendanten. Vor allem ältere Zuschauer haben an der Bühne die Lust verloren, und daran wird sich wohl auch 2021 wenig ändern.

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Endlich wieder Auftritts-Applaus in der Komödie im Bayerischen Hof in München, wenn auch ein etwas schütterer, schließlich sind bei der Premiere des Sommer-Schwanks "Schwiegermutter und andere Bosheiten" aus Abstandsgründen nur rund 130 Zuschauer im Saal, einem Saal, der eigentlich knapp 600 fassen könnte. Entsprechend kompliziert ist das Drumherum: Personalisierte Eintrittskarten, Platzanweiser, leere Sitzreihen, weder eine Garderobe, noch ein Pausenbüfett, und natürlich Maskenzwang und Desinfektionsspray im Treppenhaus.

Nur wer öffnet, darf mit Hilfe rechnen

Hört sich alles nicht gerade besonders prickelnd an, und Theaterchef Thomas Pekny weiß, dass sein überwiegend älteres Publikum damit fremdelt: "Wir öffnen das Theater, weil wir ein Signal, eigentlich mehr als ein Signal bekommen haben, dass wir nur dann ein Anrecht darauf haben, staatliche Unterstützung fordern zu können. Also, würden wir schließen und oder jetzt nicht geöffnet haben, haben wir überhaupt keine Chance, dass wir unterstützt werden." Die Einnahmeausfälle über sechs Monate könnten dem notleidenden Privattheater vom Freistaat ersetzt werden, so die begründete Hoffnung, doch wie es im Januar finanziell weitergeht, kann Pekny nicht sagen, zumal die übliche Quer-Subventionierung aus dem Tournee-Theater fehlt. Und welches Haus produziert schon immer nur Kassenschlager?

© Alvise Predieri/Komödie im Bayerischen Hof

Kopfschmerzen dank Schwiegermutter

Kollegen von Pekny sind schon froh, wenn sie monatlich nur 100 000 Euro minus machen und nicht 200 000. Eine wirtschaftliche Zukunft haben solche Modelle natürlich nicht. Und dann sind da noch die unklaren Regeln für die Schauspieler: Abstand auf der Bühne, geht das überhaupt, ohne die Stücke unfreiwillig komisch zu machen? Thomas Pekny: "Es ist so, dass wir mit einer Bühnengröße von über 100 Quadratmetern diese vorgeschriebenen 20 Quadratmeter Abstand halten können. Unsere nächsten Stücke, bis in das Frühjahr hinein, haben nie mehr als fünf Schauspieler. Darauf haben wir schon geachtet, wir haben ein Stück umgestellt. Und diese Regeln halten wir eigentlich durchgängig ein. Unsere Schauspieler sind jetzt schon vor der Premiere zwei Mal getestet worden. Es gibt keine Liebesszenen, dafür sind dem Regisseur andere Momente eingefallen, die viel lustiger sind als diese langweiligen Umarmungen, die man am Theater sowieso schon seit Jahrzehnten kennt."

© Jungblut/BR

Werner Steer

Da ist Werner Steer, der Geschäftsführer vom Deutschen Theater in München, skeptischer. Er bietet im August open air einige Kabarett-Events vor knapp 200 Zuschauern an und plant für den Herbst eine Musicalfassung vom Erfolgsfilm "Schuh des Manitou". Die Produktion sollte eigentlich über Wochen das Haus füllen, derzeit wird in Salzburg geprobt. Die Klimaanlage sei Spitze und fast ebenso gut wie Frischluft unter freiem Himmel, der Zuschauerraum riesig, aber die Inszenierung, die sei bei den jetzigen Regeln durchaus problematisch: "Wir werden beim 'Schuh des Manitou' bis zu dreißig Leute auf der Bühne haben, die tanzen und singen. Momentan sehen wir auf der Bühne eigentlich das größere Problem als draußen. Den Zuschauerraum bekommen wir schon irgendwie geregelt. Für die Bühne brauchen wir gesonderte Regeln. In Österreich können sie auf der Bühne machen was sie wollen, die können proben, singen, tanzen, wir können das momentan alles nicht. Wenn sich da die Regeln nicht ändern, dann ist das ein No-Go-Kriterium die Bühne." Ganz abgesehen davon, dass im Herbst wohl viel zu wenig Musicalfans der Sinn nach Klamauk stehen wird, obwohl die Kartenpreise im Deutschen Theater noch vergleichsweise mäßig sind.

Ticket-Verkäufe erschreckend schlecht

Es ist auch kein Geheimnis in der Branche, dass vor allem die älteren Zuschauer wegbleiben, dass der Vorverkauf auch fürs nächste Jahr total eingebrochen ist. Das ist weniger eine Frage der Gesundheit als der Psychologie: Solange Corona die Schlagzeilen beherrscht, ist es relativ einerlei, wie viele Plätze besetzt werden dürfen: "25 Prozent unserer Besucher sind sechzig plus", sagt Werner Steer. "Gerade in dieser Altersschicht haben die Leute wirklich Angst. Die Ticket-Verkäufe sind erschreckend schlecht. Dasselbe höre ich von BB Promotion, von Stage Entertainment, von Dieter Semmelmann, die gesamte Branche liegt am Boden. Alle warten darauf, dass das Thema Corona vorbei ist. Solange das Thema so hoch gehandelt wird und die Leute solche Angst haben, werden sie nicht ins Theater gehen."

© Jungblut/BR

Ausverkauft: Viele Lücken im Zuschauerraum

Theater ist eben doch sehr viel mehr Vergnügen als Lehrstunde, auch wenn es mancher Regisseur vielleicht anders sieht. Vor allem die privaten Veranstalter leben davon, Zerstreuung anzubieten, ein paar schöne Stunde zu bescheren, und darauf werden die Leute, so wie es aussieht, auch im nächsten Jahr wenig Lust haben. Werner Steer: "Der Einschnitt ist so katastrophal, dass wir hoffen, dass es 2021 langsam wieder startet, aber bis sich die Delle, die jetzt drin ist, erholt, wird das mindestens bis Mitte 2022 dauern, bis die Leute wieder gerne ins Theater gehen. Momentan, mit 1,50 Meter Abstand, mit der Maske auf dem Gesicht, hat kein Mensch Spaß, das ist einfach so."

Dann sind alle Stars weg

Und Thomas Pekny vom Boulevardtheater im Bayerischen Hof hat noch ein anderes Problem: Bei ihm stehen prominente Fernsehstars auf der Bühne, sie sorgen für Auslastung, sie bringen den Glamour, der hier entscheidend ist. Aber vor 130 Zuschauer will kaum jemand von ihnen auftreten: "Ich kann bei solchen Schauspielern nicht einfach sagen, kommt, ihr habt ja eh nichts zu tun, spielen wir, machen wir alles ein Jahr später. Das funktioniert ja nicht! Das Drehen wird bald wieder ganz gut funktionieren, und dann sind die mir alle wieder weg und machen ihre Filme."

Die staatlichen Rahmenbedingungen für die Theater sind also allenfalls ein Grund für die derzeitige Bühnenkrise. Selbst, wenn es gar keine Abstandsgebote und Hygiene-Vorschriften mehr gäbe, dürften viele Senioren erhebliche Bedenken haben, wieder auszugehen, und die Älteren machen nun mal den Großteil des Stammpublikums aus. Ihnen ist das Lachen vergangen - und das wird garantiert viel teurer, als die Intendanten und Kulturpolitiker ahnen.

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