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Unbestreitbar ist: Dieser Roman macht etwas sichtbar. Und von solchen Romanen brauchen wir noch viel mehr.

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Kein Entweder-oder: Endlich ein Roman über Transidentität!

Zwischen Kristian und Kristina: In ihrem Debütroman "Ypsilons Rache" erzählt Lou Bihl vom späten Coming-out einer Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde – und davon, dass zwischen die Geschlechter mehr passt als nur eine Schublade.

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Von
  • Katja Engelhardt

Kristian Starck ist Pathologe. Und nun auch Patient: Er hat Prostatakrebs. Eine Diagnose, die ihm Angst macht – Angst, dass keine Zeit bleibt. Immerhin begrenzt der Tumor gleich zwei Leben. Das eine als Kristian. Das andere als Kristina. Seit Jahrzehnten treibt ihn die Frage um, ob er es wagen soll: als Kristina leben. Ein ohnehin geplanter Roadtrip wird nun zu einem Coming-out-Roadtrip, auf dem Kristian lernt: Es gibt noch so viel mehr zwischen Mann und Frau. Eine Erkenntnis, der auch der "Internationale Transgender-Tag der Sichtbarkeit" Rechnung tragen will. Der "International Transgender Day of Visibility" widmet sich einmal im Jahr, am 31. März, der Feier von Transgender-Personen sowie ihrer Beiträge zur Gesellschaft.

Facetten statt Schubladen

Das Buch "Ypsilons Rache" ist ein Unterhaltungsroman. In dieser Form die Facetten von Geschlecht ansprechen, das war Ziel der Autorin Lou Bihl alias Marie-Luise Sautter-Bihl. "Es gibt ja viele 'Heldengeschichten'", meint die pensionierte Medizinerin, "meistens in Form irgendwelcher Biografen, die erzählen, wie ein Mensch diesen Weg beschritten hat, was er alles durchleiden musste und wie er schließlich ankommt. Aber es gibt eine ganze Graustufe an Menschen, wo es nicht um das Vollendete geht, sondern um das Suchen. Und das wird in der Literatur eigentlich zu wenig behandelt."

Als Pathologe ist Kristians Tonfall nüchtern, er und seine beste Freundin sind gebildet, man zitiert Nietzsche – das alles in ruhiger Betrachtung der eigenen Lage. Emotionaler erscheint Kristian in Dialogen, die gesellschaftspolitische Diskussionen spiegeln. Etwa wenn es um das Wort "transsexuell" geht, das fälschlicherweise nahelegt, es gehe um die Veränderung der Sexualität anstatt der Veränderung Körpers.

Eine Frage der Form: Roman oder Sachbuch?

Die Autorin Sautter-Bihl war jahrelang Chefärztin einer radio-onkologischen Klinik. Sie hätte ein Sachbuch schreiben können – hält es aber wie ihr Protagonist Kristian, der einen Roman schreiben will, um ein komplexes Thema an möglichst viele Leserinnen und Lesern zu vermitteln. Das sei ein "kleiner Gag" gewesen, gibt die Autorin zu. Allerdings einer, hinter dem sich eine nüchterne Überlegung verbirgt: "Biographien oder Sachbücher zu diesem Thema lesen nur Menschen, die sich sowieso schon für dieses Thema interessieren. In einem Roman, denke ich, kann man darüber hinaus Menschen ansprechen, die denken: Huch das gibt’s auch? Ist ja spannend!"

Identitäts-Debatte ähnlich wie die um Amanda Gorman

Sautter-Bihl selbst ist Cis-Frau. Sie wurde als Frau geboren und identifiziert sich als solche. Angesichts der aktuellen Diskussionen um Identität und Repräsentation stellt sich da unweigerlich die Frage: Was kann sie über die Lebenswelt von trans*Menschen berichten? Immer mehr wird von Literatur erwartet, authentisch zu sein. Die fiktionale Erfahrung einer Figur soll deckungsgleich sein mit der Erfahrung der schreibenden Person. Nur so sei Literatur in der Lage, solche Erfahrungen wirklich zu vermitteln. An Beispielen mangelt es nicht: 2020 wurde in den USA darüber diskutiert, ob die weiße Autorin Jaenine Cummins mit ihrem Roman "American Dirt" Profit aus der Geschichte mexikanischer Geflüchteter geschlagen habe. 2021 entbrannte eine Debatte darüber, wer Gedichte der schwarzen Poetin Amanda Gorman übersetzen sollte, ja, dürfe.

Nun stehen diese beiden Autorinnen sicherlich unter besonderer Beobachtung: "American Dirt" ist ein Bestseller, Gorman ist seit ihrem Auftritt bei der Inauguration von Joe Biden weltberühmt. Sautter-Bihl betreibt indes einen Independent-Verlag, und das auch erst seit Corona. "Ypsilons Rache" ist der bislang einzige Roman im Programm. Für ihr Buch hat die Autorin Gespräche geführt, recherchiert und ihren Text von Dr. Livia Prüll gegenlesen lassen. Prüll ist Medizinhistorikerin, außerdem trans*Frau, führt Transberatungen durch und hat mit "Trans* im Glück" selbst bereits ein Sachbuch zum Thema geschrieben. Wording, Fakten, Kontext – der Roman hat sozusagen den Elchtest bestanden. Dennoch bleibt Sautter-Bihler vorsichtig, in der Verteidigung ihrer Rolle als Autorin: "Natürlich ist es eine relative Unverschämtheit, dass eine Cis-Frau auch noch in der Ich-Form über einen männlichen Menschen schreibt, der trans*Frau ist. Aber ich hab mir gesagt: Ich kann diese Geschichte nun mal nur so erzählen und ich möchte sie erzählen… und dann mal sehen, wie ich den Shitstorm aushalte."

Referenzen auf Roman von John Irving

In Roman tauchen verschiedene Referenzen auf: von einem Roman von John Irving bis zur Serie "Transparent". Sautter-Bihler gibt außerdem noch eine Literaturliste an die Hand, will bestehende Geschichten anreichern, nicht beherrschen. Vielleicht ist die wichtigere Frage an dieser Stelle nicht, wer was darf, sondern: Wie viele Romane gibt es denn überhaupt, in denen trans*Menschen als Protagonist:innen auftreten; in denen sie – und das ist entscheidend – nicht als Opfer dargestellt werden; in denen sie nicht die andere, die dritte Schublade im binären Geschlechterkosmos besetzen; und schließlich – in denen sie mehr sind als nur trans*Person?

Genau.

Dass diesem Roman viel Recherche zugrunde liegt, ist nicht nur zwischen den Zeilen spürbar. Und man kann das, was Kristian erlebt, kitschig finden. Unbestreitbar ist aber: Dieser Roman macht etwas sichtbar. Und von solchen Romanen brauchen wir noch viel mehr.

Der Roman "Ypsilons Rache" ist im Unken-Verlag erschienen und kostet 22 Euro.

© Unken-Verlag
Bildrechte: Unken-Verlag

Cover von "Ypsilons Rache", erschienen im neugegründeten Unken-Verlag

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