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Die Kirchenoberhäupter umarmen sich

Papst Franziskus und Patriarch Kyrill im Februar 2016

Bildrechte: Gregorio Borgia/Picture Alliance
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    Kehrtwende? Jetzt will Patriarch Kyrill Propaganda meiden

    Nach einem turbulenten Gespräch mit dem Papst scheint sich der mächtigste Mann der russisch-orthodoxen Kirche zu besinnen. Er will sich nach eigenen Worten jetzt aus der "Konfrontation" konsequent heraushalten - nach sehr martialischen Botschaften.

    Von
    Peter JungblutPeter Jungblut
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    Gemessen an den bisherigen, ausgesprochen aggressiven und kremlfreundlichen Stellungnahmen von Patriarch Kyrill zum Angriff auf die Ukraine ist es sehr ungewöhnlich, was sein Pressedienst jetzt verbreitete. Bei einer Begegnung mit Geistlichen aus Kasachstan soll Kyrill gesagt haben, die Kirche sei "keine politische Kraft" und könne keine Partei gegen eine andere unterstützen: "Wir können nicht anders handeln, als der Herr uns befohlen hat, obwohl der Herr nicht gesagt hat, wie wir uns in dieser oder jener politischen Situation verhalten sollen. Aber er hat uns mit grundlegenden Prinzipien und Werten bewaffnet, von denen wir uns als seine Nachfolger und Jünger leiten lassen sollen", so der Kirchenmann.

    "Vaterlandsliebe bedeutet nicht politische Beteiligung"

    Wenn man diese Maxime auf das "Leben der modernen Gesellschaft" anwende, dürfe die Kirche "niemals und unter keinen Umständen auf die Seite irgendeiner politischen Kraft treten", falls die politischen Kräfte in einem Land "in einem Zustand des Ungleichgewichts" seien, wenn es zu einer Konfrontation zwischen politischen Kräften komme: "Dann hat jede der Kräfte den Wunsch, die größtmögliche Zahl von Unterstützern auf ihre Seite zu ziehen, und die Kirche wird in solchen Fällen immer zu einem sehr wünschenswerten Objekt der Beeinflussung. Deshalb hat unsere Russisch-Orthodoxe Kirche die Menschen immer aufgerufen, das Vaterland, in dem sie leben, zu lieben; aber das Vaterland zu lieben bedeutet nicht, sich an der politischen Auseinandersetzung auf der Seite der Stärkeren oder Schwächeren zu beteiligen."

    "Wir müssen demütig unseren Dienst verrichten"

    Außerdem erinnerte Kyrill an den Leidensweg seines Großvaters in der jungen Sowjetunion. Sein Vorfahre habe den größten Teil seines Lebens in Gefängnissen verbracht und insgesamt 46 Anstalten durchlaufen: "Es ist nicht nötig, in den Schießstand zu klettern, Konflikte zu provozieren - nichts dergleichen! Wir müssen demütig und ruhig unseren Dienst verrichten, dürfen aber niemals Angst vor äußeren Umständen haben. Und um keine Angst zu haben, müssen Sie sich an unsere Vorgänger erinnern, die neuen Märtyrer, Bekenner der Russischen Kirche. Wenn sie damals Angst gehabt hätten, wären wahrscheinlich alle abtrünnig geworden und es gäbe keine russische Kirche mehr."

    Diese eher erbaulichen Worte stehen im scharfen Kontrast zu bisherigen Äußerungen von Kyrill. So hatte er Anfang März von einem "metaphysischen Kampf" um die Werte gesprochen und als einen der Hauptgründe für den Angriff auf die Ukraine die Furcht der Russen vor "Schwulenparaden" genannt. Seitdem übertraf sich Kyrill nahezu täglich in martialischen Ausbrüchen zugunsten des Kreml. Besonders viel ungläubiges Entsetzen hinterließ seine Behauptung, Russland "habe noch nie jemanden angegriffen".

    "Wir müssen unsere geistige Kraft bündeln"

    Am Sonntag, dem 8. Mai allerdings fiel Kyrill in alte Denkmuster zurück. Bei einer Predigt in der Hauptkirche der Russischen Streitkräfte in Moskau forderte er "echte Freiheit und Unabhängigkeit" von den Ländern, die "Russland leider feindselig" gegenüberstünden: "Wir müssen unsere ganze geistige und materielle Kraft bündeln, damit niemand es wagt, in die heiligen Grenzen unseres Vaterlandes einzudringen. Und meine Worte sind nicht das, was unsere Gegner als eine weitere militaristische Rede des Patriarchen bezeichnen könnten, das alles ist Unsinn." Immerhin: Kyrill scheint anders als in den vergangenen Wochen neuerdings die mutmaßlichen Reaktionen im Westen auf seine Äußerungen stets im Auge zu behalten.

    Spott für die "Riesentafel" des Patriarchen

    Die Europäische Kommission schlug Sanktionen gegen den bisher alles andere als friedfertigen Patriarchen vor. Neuerdings hält Kyrill die Lage Russlands nach eigenen Worten für "schwierig, gefährlich und schicksalhaft". Er forderte die Gläubigen dazu auf, dafür zu beten, dass "Gott Russland vor inneren und äußeren Feinden beschütze". Möglicherweise ist der Kriegsverlauf nicht so, wie ihn sich Kyrill insgeheim erhofft hatte.

    Im Netz ist der Patriarch derweil Ziel von jeder Menge Spott: Er empfing nämlich am 4. Mai Priester Oleg Owcharow, den stellvertretenden Vorsitzenden der Synodalabteilung für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften und den Strafverfolgungsbehörden unter ungewöhnlichen Umständen. Kyrill thronte an einem Tisch, der möglicherweise noch etwas länger ist als der, den Putin für seine hochrangigen Auslandsgäste bereit hält. Der Clou daran: Gast Owcharow durfte nicht mal an der Riesentafel Platz nehmen, sondern bekam ein separates Teetischchen zugewiesen. Sein Stuhl schien deutlich niedriger als der des Patriarchen. "Gut, ich hätte die Beine des Stuhls noch mal um die Hälfte gekürzt", spottete einer der zahlreichen Facebook-Kommentatoren.

    Papst: "Patriarch sollte nicht Putins Ministrant sein"

    In einem Interview mit der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" hatte Papst Franziskus kürzlich aus einem Video-Gespräch mit Kyrill vom 15. März berichtet, wonach es damals eher konfrontativ zuging. "Ich habe ihm zugehört", so der Papst, "und ihm gesagt: Ich kann das in keiner Weise verstehen. Bruder, wir sind keine Staats-Kleriker. Wir könne nicht die Sprache der Politik übernehmen, sondern müssen uns an die von Jesus halten. Wir sind Hirten desselben Volkes Gottes. Daher müssen wir nach Wegen zum Frieden suchen, das Schießen beenden. Der Patriarch sollte nicht Putins Ministrant werden." Ein geplantes Treffen am 14. Juni in Jerusalem mit Kyrill sagte der Vatikan im "gegenseitigen Einvernehmen" ab: "Lasst uns abwarten. Es hätte ein zwiespältiges Signal sein können."

    "Ärger ist in unser Haus eingezogen"

    Unterdessen kritisierte der ehemalige russisch-orthodoxe Bischof Grigory Mikhnov-Vaitenko seine frühere Kirche in einem Gespräch mit der Oppositionsplattform "Meduza" heftig: "Krieg ist ein absoluter Albtraum, er trifft jeden. Und die russisch-orthodoxe Kirche hat nicht nur nichts zur Versöhnung beigetragen. Sie arbeitete für die Eskalation und trieb einen Keil zwischen die Gläubigen. Durchaus politische Ziele, die in eine vermeintlich fromme Formulierung gekleidet wurden." Grigory Mikhnov-Vaitenko ist Mitbegründer der Varangisch Apostolischen Orthodoxen Kirche und hilft von St. Petersburg aus den Ukrainern.

    "Die Position der russisch-orthodoxen Kirche ist eine Perversion der Idee des Christentums, des Konzepts der orthodoxen Kirche", urteilt Mikhnov-Vaitenko: "Dies ist ein sehr gefährliches Spiel, das zu einer Katastrophe führt. Ich hatte das Glück, dass ich das schon 2014 erkannt habe. Viele haben es erst jetzt mitbekommen, aber dafür gründlich. Ärger ist in unser Haus eingezogen."

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