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Diese deutsche Graphic Novel thematisiert Hate Speech im Netz | BR24

© Audio: Bayern 2/Bild: Reprodukt

Die Graphic Novel "Über Spanien lacht die Sonne" von Kathrin Klingner erzählt von der nicht immer einfachen Arbeit als Community Manager

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Diese deutsche Graphic Novel thematisiert Hate Speech im Netz

Löschen oder freischalten? Das ist die Frage für alle, deren Job es ist, Kommentare im Netz zu bearbeiten. In ihrer Graphic Novel "Über Spanien lacht die Sonne" erzählt Kathrin Klingner von dieser Arbeit – und davon, was sich seit 2015 verändert hat.

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Es ist eine komische Truppe, die in der Graphic Novel "Über Spanien lacht die Sonne" das Internet ausmistet: ein Skelett, ein Pinguin, ein Wolf, eine Katze. In Schwarz-Weiß gezeichnet und eher minimalistisch als fotorealistisch. Sie sitzen an Schreibtischen und lesen, was User mit den Namen "Fun_kid93" oder "Der_Wahrheitssucher" so absondern. Und dann entscheiden sie in Sekundenbruchteilen: Ist das noch Meinung? Oder muss das weg?

Die Kommentarwelle seit 2015

"Unser vormals intakter Staat ist im Zustand der Auflösung", heißt es da, "Kulturfremde überqueren ungehindert hunderttausendfach unsere Außengrenzen. Die innere Sicherheit kann nicht mehr garantiert werden. Unsere friedlichen Städte sind kaum mehr wiederzuerkennen vor lauter Verwahrlosung." Oder: "Sachsen bleibt Deutsch! Punkt! Und der Islam gehört nicht nach Deutschland! Wer sich über brennende Asylheime wundert, hat nichts verstanden." Oder: "Zustände sind das, die man nicht für möglich gehalten hätte und es werden immer mehr!"

Löschen oder freischalten – eine eintönige und auch eine bedrückende Tätigkeit. Aber die Stimmung im Büro ist gut, kollegial, manchmal auch albern. Die Kolleginnen und Kollegen treffen sich auch privat. Es sind unrealistische Zeichnungen, aber Kathrin Klingner könnte kaum näher dran sein am Alltag der Menschen, die in der echten Welt Kommentare moderieren. Schließlich macht sie das selbst – als Nebenjob. 2013 hat Klingner damit angefangen, da war das Moderieren der Kommentare nur eine Aufgabe unter vielen. Mit dem Jahr 2015 hat sich das geändert. Radikal. Die Kommentarwelle, die seitdem durch das deutschsprachige Internet rollt, sei beträchtlich, erzählt Klingner. Es brauche viel mehr Menschen als vorher, um sie einigermaßen zu beherrschen.

© Beate Dodeck

Autorin Kathrin Klingner

Eine laute Minderheit

Was das ständige Lesen dieser Mischung aus Stuss und Hass mit den Moderatorinnen und Moderatoren macht, das zeigt sie in ihrem Comic sehr anschaulich. Ihre Bilder sind reduziert. Sie konzentriert sich auf die Charaktere. In vielen Panels ist der Hintergrund einfach nur weiß, ohne Struktur, gar nicht da. Oben in den Panels steht oft ein Kommentar. Und unten sieht man die Moderatorin am Schreibtisch sitzen, klicken, Dehnübungen machen und: rausgehen, einkaufen, nach Hause laufen. Der Kommentarwahnsinn läuft auch dabei weiter. Sie kann nicht so einfach abschütteln, was sie den ganzen Arbeitstag lang liest.

"Ich glaub, man wird sorgenvoll", sagt Kathrin Klingner. "Ich glaub, man muss sich immer wieder neu klarmachen, dass das was man da liest, nicht die Mehrheit ist, sondern es ist die Mehrheit von den Leuten, die Zeit haben, ständig Kommentare ins Internet zu schreiben und nicht die Mehrheit der Gesellschaft, weil die hat einfach zum großen Teil was anderes zu tun." Das sei aber auch das Gefährliche daran, "dass Leute das lesen und denken: 'Ah! Wir haben diese ganze Masse von Leuten hinter uns, die drauf hoffen, dass bald ein Bürgerkrieg kommt und endlich mal die Verhältnisse geändert werden.'"

Hat die Kommentarfunktion eine Zukunft?

Kathrin Klingners Buch ist rührend, und es macht auch beim Lesen sorgenvoll. Den Klickworkern und den Lesenden ist klar, dass das Löschen der rassistischen und hetzerischen Kommentare ein nötiger Schritt ist, aber ganz sicher keine Lösung für das Problem. Aber was ist dann die Lösung? Klingner hat darauf keine Antwort, höchstens so etwas wie einen persönlichen Wunsch. Sie hoffe einfach, dass das Interesse vielleicht nachlasse, sagt die Autorin und Zeichnerin: "Ich glaube, Kommentare haben keine Zukunft."

Das mag man jetzt naiv finden oder für den verkehrten Ansatz halten, aber mal ehrlich: Auf 120 Comicseiten die Lösung zu erwarten ist doch auch vermessen. Eins schafft das Buch, und das ist auch schon wertvoll: Es führt uns vor Augen, woran unsere Gesellschaft Tag für Tag scheitert: Empathie füreinander entwickeln, miteinander ins Gespräch kommen, das Internet zum utopischen Ort machen, der es einst sein sollte. Im Buch gehen die Charaktere dem Kern des Problems am Ende aus dem Weg. Und damit sind sie den meisten von uns wahrscheinlich ähnlicher als uns lieb ist.

Ein ungutes Gefühl

Für alle, die die Kommentarbereiche im normalen Leben lieber ignorieren, ist es bitter zu lesen, was dort in Wahrheit geschrieben wird. Vielleicht aber auch bitter nötig. Wenn sie wirklich hätte aufklären wollen, hätte sie eher ein Sachbuch geschrieben, sagt Kathrin Klingner – und sie freue sich auch über jeden, der ein Sachbuch über Hetze im Internet schreibe. Aber: "Ich wollte einen Comic machen, der tragisch-komisch unterhält und nebenbei auch noch verschiedene Beobachtungen rüberbringt an den Leser. Und der kann dann damit machen, was er möchte." Und wenn sie einem das Internet erstmal verdorben habe, mache sie das schon sehr froh, fügt Klingner lachend hinzu. Ein ungutes Gefühl beim Weglegen eines Buchs kann auch ein gutes Zeichen sein.

"Über Spanien lacht die Sonne" von Kathrin Klingner erscheint am 11. März bei Reprodukt.

© Reprodukt

Cover der Graphic Novel "Über Spanien lacht die Sonne"

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Von
  • Thibaud Schremser
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