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"Deutschland wird deutscher": Katharina Sieverding in Regensburg | BR24

© Bayern 2

In den 1990er-Jahren meldeten sich Rechtsradikale in Deutschland lautstark zu Wort. Die Künstlerin Katharina Sieverding machte eine Zeitungsschlagzeile zum Thema eines düsteren Kunstwerks. Dessen Botschaft ist gerade heute wieder höchst aktuell.

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"Deutschland wird deutscher": Katharina Sieverding in Regensburg

In den 1990er-Jahren meldeten sich Rechtsradikale in Deutschland lautstark zu Wort. Die Künstlerin Katharina Sieverding machte eine Zeitungsschlagzeile zum Thema eines düsteren Kunstwerks. Dessen Botschaft ist gerade heute wieder höchst aktuell.

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"Deutschland wird deutscher" – eine Überschrift der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" aus dem Jahr 1992 nahm Katharina Sieverding als Titel für ihr bekanntestes und umstrittenstes Werk. Der Satz steht auf einem Foto. Da sieht man Sieverdings Gesicht, eingerahmt von Messern, die eine Messerwerferin auf sie geworfen hatte.

"Deutschland wird deutscher" sollte aber nicht nur die Ängste benennen vor dem Rechtsradikalismus, der sich bereits 1989/90 klar gezeigt hatte, der Titel war keineswegs nur negativ gemeint, betont die Künstlerin: "Das Wichtigste war die Wiedervereinigung, dieses 'Deutschland wird deutscher'. Die Frage ist: Was bedeutet 'deutscher'? Das kann ganz negativ in Richtung Rechtsradikalismus gehen, kann aber auch positiv sein: Wir sind wiedervereint, wir haben das Ende des Zweiten Weltkriegs verwunden. Jetzt stehen wir vor einem neuen Anfang, wie gehen wir damit um?"

Politische Kunst, die provoziert

Katharina Sieverding war für gewagte Experimente aufgeschlossen. Sie inszenierte sich auch als "leuchtende Venus" und ließ sich unter Strom setzen. Und sie war stets eine politische Künstlern. Die Angriffe rechter Mobs in Hoyerswerda und Rostock auf Flüchtlingsunterkünfte lassen das Bild "Deutschland wird deutscher" aber vor allem als Kommentar zu den politischen Ereignissen von damals lesen. "Deutschland wird deutscher" war Katharina Sieverdings Beitrag zu einer Kunstaktion in der Region Stuttgart, doch 17 von 18 Gemeinden weigerten sich, das Werk im öffentlichen Raum, für den es gedacht war, zu zeigen. Es war ihnen zu provokant. "Ich habe das mit einem gewissen Humor genommen, dass die 18 männlichen Künstler ... da gab es keine Kritik, die sind alle bis heute da verankert. Und ich mit meinem enigmatischen Bild, mir ist nichts gelungen. Aber das sind auch andere Positionen, genialistische künstlerische Positionen, die kratzen solche Gedankengänge nicht."

Im Gegenzug zeigte Berlin die Arbeit. Das Plakat "Deutschland wird deutscher" wurde an 500 Orten in der Stadt gezeigt, auf großen Werbeflächen. "Es sind viele Plakate auch gleich runtergerissen worden. Es war eigentlich toll, es war ein großes Interesse. Es wurde in der Auguststraße eine 'Telefonseelsorge' – eine künstlerische – eingerichtet, wo die Leute anriefen und fragten: 'Was bedeutet das denn?' Das wurde fachmännisch und fachfraulich beantwortet."

© picture alliance / dpa Matthias Balk

Die Künstlerin Katharina Sieverding

Schwarz-Rot-Gold in Flammen?

Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie hängt bereits das große Werk "Kontinentalkern" von Katharina Sieverding mit 400 Porträts der Künstlerin. In den Farben Schwarz-Rot-Gold. Man meint Flammen emporsteigen zu sehen. Doch die Warnung vor einem Deutschland, das einen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geführt und sechs Millionen Juden vergast hat, war nicht die ursprüngliche Absicht der Künstlerin: "Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, an dieses Schwarz-Rot-Gold", so Sieverding, wie immer ganz in Schwarz, mit dunkler Brille und roten Haaren. "Es ist ja so: Das ist ein Sonnenhorizont, das sind einfach Sonnenaufnahmen, und die sind so wie sie sind – also die Sonne ist nicht blau, wie ich sie ja später auch oft dargestellt habe, sondern rot. Und dann sind da diese Goldporträts, und diese Kombination ergibt dieses Schwarz-Rot-Gold, aber es war nicht die Grundidee."

© Ostdeutsche Galerie Regensburg

Ausstellungs-Ansicht: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Die aktuelle Rechtsentwicklung macht der Beuys-Schülerin Sieverding Sorgen, heute wie damals. Dass das Bild "Kontinentalkern" auch eine politische Bedeutung bekommen hat, war nicht beabsichtigt, aber eben auch kein Zufall. "Intuitiv. Der Gedanke, der hinter dieser Art Arbeiten ist – auch im Reichstagsgebäude gibt es ja diese Arbeit mit dem Sonnenhorizont, da ist auch dieses Schwarz-Rot-Gold, und auch da wurde mir schon gesagt, 'das ist ja jetzt auch auf Deutschland bezogen'. Nein, das ergibt sich aus dem, welche Inhalte überlagert sind. Und das ist meine Grundfrage an die Politik: Was richtet ihr an zwischen Erde und Sonne?" In ihren neuen Arbeiten setzt sie sich auch mit den Konzentrationslagern Dachau und Sachsenhausen auseinander. Im Dachauer Schloss eröffnet sie am 5. Juni eine Ausstellung mit diesen Bildern.

Die Ausstellung "Katharina Sieverding: Deutschland wird deutscher" läuft bis 8. September im Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Das Museum ist Kulturpartner von Bayern 2.

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