Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Katarina Frostenson macht sich zum Opfer des Nobelpreis-Skandals | BR24

© Bayern 2

Korruption und Missbrauch haben die schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, in eine Krise gestürzt. Jetzt legt die Lyrikerin Katarina Frostenson ein Buch zum Skandal vor - in dem sie sich als verstoßene Dichterin stilisert.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Katarina Frostenson macht sich zum Opfer des Nobelpreis-Skandals

Korruption und Missbrauch haben die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, in eine Krise gestürzt. Jetzt legt die Lyrikerin Katarina Frostenson ein Buch zum Skandal vor – in dem sie sich als verstoßene Dichterin stilisiert.

Per Mail sharen

Katarina Frostenson sitzt auf einem ledernen Lehnsessel und liest aus ihrem neuen Buch "K". Es ist die Szene eines Videos, das ihr Verlag Polaris auf Facebook hochgeladen hat, denn Interviews gibt die 66-Jährige nicht. Die Passage handelt von ihrer fluchtartigen Abreise aus Stockholm im November 2017, nachdem ihr Mann Jean-Claude Arnault in der Tageszeitung "Dagens Nyheter" von 18 Frauen öffentlich sexueller Übergriffe beschuldigt worden war und damit den Skandal um die Schwedische Akademie und den Literaturnobelpreis auslöste.

Selbstporträt als verstoßene Dichterin

Am 23. November 2017 seien sie und ihr Mann in Stockholm zum Zug gerannt, geflüchtet, fühlten sich gejagt. Sie hätten erst aufatmen können, als sie außer Landes waren. Mit dem Buch wolle sie die sechs Monate danach verarbeiten, in einer Art Gedanken- und Tagebuch, sagt Katarina Frostenson: "Eine Zeit lang habe ich das Buch 'elilendi' genannt, was mit dem Wort 'Elend' zusammenhängt. Eine Person hatte mein Leben und das meines Mannes als 'Elend' beschrieben. Das hat mich sehr getroffen und ich begann, über das Wort und seine Bedeutung nachzudenken. Es bedeutet Landesflucht, fremdes Land. Das beschrieb unsere Situation: Hetze und Treibjagd, die uns außer Landes trieben. Dann begann ich, über Schriftsteller und Menschen nachzudenken, die auf der Flucht waren, wegen unterschiedlicher Anklagen und Prozesse gegen sie."

Katarina Frostenson spiegelt ihr eigenes Elend mithilfe einer Reihe von verstoßenen Dichtern und Denkern und umkreist in ihrem Text Begriffe wie Verrat, Schuld und Tragödie. Dazwischen erzählt die Schwedin, wie sie in Paris mit ihrem Mann Zuflucht suchte. Die Anklagen gegen sich hält sie für haltlos. Ihre Landsleute seien ein blutrünstiges Volk, das mit Schadenfreude das Stürzen von Menschen beobachte, die Medien lebten von Skandalen, und den ehemaligen Kollegen in der Schwedischen Akademie wirft sie Verrat und Feigheit vor.

Ein peinliches, ein trauriges Buch

Neue Erkenntnisse zur Aufarbeitung des Skandals in der Schwedischen Akademie bringe das jedenfalls nicht, sagt der Verleger Svante Weyler aus Stockholm: "Jetzt wissen wir, was ich vermutet habe, dass dieses Buch nur diese Schlammschlacht weiterführt. Sehr wenig wird klar, alte Positionen werden noch stärker eingenommen und wahnsinnig viel Übles wird über ehemalige Freunde und Kollegen gesagt. Das ist mir peinlich, das ist mir auch ein bisschen ekelhaft – und das ist wahnsinnig traurig."

Katarina Frostenson fehle Anstand, sie gehe der Wahrheit aus dem Weg und versuche, den Leser vom Unrecht zu überzeugen, das sie am Ende aus der Schwedischen Akademie trieb – so lauten einige der Kommentare in schwedischen Medien nach der Veröffentlichung von "K". Zudem stellt sich die Frage, welche Auswirkungen das Buch auf die Wahrnehmung von Katarina Frostensons Werk hat, die vor dem Skandal als eine der wichtigsten Lyrikerinnen Schwedens galt: "Sie war keine Lyrikerin für die breiten Leserschaften, deswegen gibt es keine Kathedrale, die zusammenfallen könnte. Was sie jetzt tut, hat sie nie zuvor getan. Sie hat nie offen über irgendetwas gesprochen, sie hat immer Gedichte geschrieben, die ab und zu sehr schwierig zu deuten waren. Ich schätze sie, aber auch mit Abstand, denn mir war das auch zu hermetisch."

Neuausrichtung der Akademie

Ein Abstand, den sich vielleicht auch die Schwedische Akademie in Katarina Frostensons Werk wieder wünschen würde, zumindest in Sachen Aufarbeitung des Literaturnobelpreis-Skandals. Schließlich wurde vor wenigen Tagen der letzte der drei vakanten Plätze am Tisch der altehrwürdigen Achtzehn neu besetzt, die den Literaturnobelpreisträger wählen. Ob die Krise damit tatsächlich beendet ist, wird sich zeigen. Zu hoffen bleibt zumindest, dass Vorteilsnahme und das Ausplaudern der Preisträger, um die es in Katarina Frostensons Buch auch geht, der Vergangenheit angehören.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!