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Das Soziologie-Magazin KATAPULT macht Statistik zum Bilderlebnis | BR24

© Bild: KATAPULT / Audio: BR

Klare Grafik, klare Aussage – und eine kleine Portion Humor: So machen soziologische Studien Spaß

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Das Soziologie-Magazin KATAPULT macht Statistik zum Bilderlebnis

Wo ist Deutschland am einsamsten, wo am langweiligsten? Wie lassen sich die Zahlen dazu optisch anspruchsvoll verpacken? KATAPULT, eine Soziologie-Zeitschrift aus Greifswald, erklärt auf einen Blick, was Sache ist. So macht Statistik richtig Spaß.

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Dieses Magazin ist ein visuelles Erlebnis: KATAPULT schafft es, dröge Informationen und Statistiken in wunderbar aufschlussreiche, schräge Grafiken zu verwandeln. Das hängt natürlich auch mit den Fragestellungen zusammen: Wie sexistisch sind Sprachassistenten? Oder jetzt in Corona-Zeiten: Hat New York durch Corona in einem einzigen Monat mehr Tote als durch 9/11? Ja, fast doppelt so viele. Sieht man auf einen Blick. Und das erklärt vielleicht auch den Erfolg von KATAPULT, dieser vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift, die 2015 in Greifswald gegründet wurde und sich im Untertitel "Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft" nennt. Barbara Knopf hat mit Redakteur Sebastian Haupt über das Konzept und den erstaunlichen Erfolg der Zeitschrift gesprochen.

Barbara Knopf: Die Namensgebung muss von seherischer Kraft gewesen sein – beim Katapult schnellt man ja nach oben. Zufall oder Absicht?

Sebastian Haupt: Das stimmt und freut uns natürlich. Allerdings weiß ich nicht, ob das am Namen lag. Der Name stammt eigentlich noch aus einer Zeit, als nicht klar war, ob es eine Punk-Band werden soll oder vielleicht doch ein Magazin. Es wurde dann ein Magazin.

KATAPULT behandelt gesellschaftliche, politische, demografische Themen, es geht ums Klima oder Geopolitik. Würden Sie sagen, dass Sie Statistik und Wissenschaft durch die sinnliche Umsetzung sozusagen sexy machen?

Ja, das könnte man wahrscheinlich sagen. Diejenigen, die diese Wissenschaft betreiben, würden wahrscheinlich immer sagen: Unsere Wissenschaft ist spannend und interessant. Oder, wie Sie sagen, "sexy". Aber die meisten Leute nehmen das vielleicht nicht so wahr. Da braucht es jemanden, der übersetzt, der das anfassbar mach, vielleicht auch einen Effekt vermittelt. Wir versuchen im Prinzip, Statistik oder auch Wissenschaft, die sich nicht unmittelbar erschließt, für jedermann aufzubereiten. Sodass man Lust hat, sich damit zu beschäftigen – und danach mehr weiß als vorher. Das funktioniert ziemlich gut.

© KATAPULT

Auf einen Blick: Welche Tageszeitung dominiert die politische Meinung im Land?

Was wäre denn ein Beispiel für eine wissenschaftliche Erkenntnis, die sich nicht gleich erschließt, die Sie aber sozusagen knetbar gemacht haben?

Es ist ja zum Beispiel klar, dass der steigende CO2-Gehalt verantwortlich ist für die Klimaerwärmung, aber es gibt immer wieder die Diskussion: Ist Deutschland daran auch schuld? Oder sind es nicht eigentlich vor allem China, die USA, die viel mehr CO2 emittieren? Das kann man veranschaulichen, wenn man sich einmal die absoluten Werte anschaut. Dazu haben wir eine Weltkarte gezeichnet und für jedes Land einen Kreis je nach Größe des CO2 Ausstoßes visualisiert. Nach absoluten Werten fallen natürlich China und die USA sofort ins Auge. Blättert man aber um zur nächsten Grafik und schaut sich die relativen Werte an, also pro Kopf, muss man China auf einmal suchen, weil es viel weniger CO2 pro Kopf verbraucht als Deutschland. Das sind dann solche Effekte, die vielleicht zum Nachdenken anregen.

Dieser Überraschungseffekt kommt öfter. Es gibt zum Beispiel eine Grafik, da geht es um den Frauenanteil an Bürgermeisterämtern. Das dümpelt so vor sich hin, von knapp über einem Prozent in Georgien, knapp zehn Prozent in Deutschland. Und dann: 42 Prozent in Nicaragua und 47 Prozent in Kuba, das ist die erste Überraschung. Die zweite ist die grafische Umsetzung. Da haben Sie die Umrisse der Länder genommen und den Anteil der Frauen grafisch unten eingezeichnet. Was zu sehen ist, entspricht dem bayerischen Noagerl, dem Rest unten im Glas. Wie kommt man auf so eine Idee?

Das ist ein kleiner Trick: Es ist im Grunde ein ganz normales Säulendiagramm. Aber ein Säulendiagramm ist jetzt nicht das spannendste. Indem wir das innerhalb der Länderumrisse umsetzen, kann das jeder sofort verorten, kann das eigene Land zuordnen, kann sofort die Form von Deutschland erkennen. Das ergibt einen ganz anderen Effekt, um sich etwas ganz bestimmt zu merken.

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"Wir machen nichts grundlegend Neues", sagt KATAPULT-Redakteur Sebastian Haupt, "versuchen aber, den Kern herauszuarbeiten".

Man merkt: Man muss die Grafiken oft sehr ausführlich und ein bisschen umständlich erklären. Ein Bild hingegen ist sofort da und ersichtlich. Ist Ihr Konzept auch so erfolgreich, weil wir in Bildern denken?

Ganz bestimmt. Wir machen ja auch nichts grundlegend Neues, das muss man vielleicht auch dazu sagen. Infografiken und Visualisierungen gibt es schon seit Jahrhunderten. Auf der anderen Seite haben wir derzeit eine Entwicklung in den Medien, vor allem die sozialen Medien sind zu einer wichtigen Informationsquelle geworden. Und die funktionieren vor allem bildorientiert. Indem wir das verknüpfen, haben wir, glaube ich, eine hohe Verbreitung erreicht. Der Hauptteil unserer Arbeit besteht darin, aus einer Tabelle den Kern herauszuarbeiten, ohne zu stark zu vereinfachen, ohne banal zu werden oder auch zu verzerren.

Bei welchem Thema hatten Sie selbst so einen Aha-Effekt, als sie auf den Kern gestoßen sind? Denn das ist ja auch die denkerische Arbeit dabei.

Vielleicht ein Beispiel der Corona-Krise, der Pandemie: Es ist eine interaktive Visualisierung, die ursprünglich die „Washington Post“ gemacht hatte. Wir haben die aufgegriffen und nochmal verfeinert. Und zwar war das eine einfache, interaktive Grafik, bei der Personen durch Punkte symbolisiert wurden, die sich frei im Raum bewegen konnten. Trifft ein als krank markierter Punkt, in dem Fall beispielsweise durch schwarze Farbe oder rot dargestellt, auf einen noch nicht Infizierten, kann der sich anstecken. Und da hat man dann eben sofort gesehen: Je schneller diese Punkte sich frei bewegen können, umso schneller können sich natürlich alle Punkte anstecken. Umso eher gerät also das medizinische Versorgungssystem an eine Grenze, bei der es nicht mehr alle Patienten aufnehmen kann. Wenn ich die sozialen Distanzierungsmaßnahmen umsetze, dann ist das Krankenhaussystem möglicherweise nicht überfordert – das war genau der Aha-Effekt, der, glaube ich, bei vielen Betrachtern gewirkt hat.

Ja, ging mir auch so. Das ist eine Grafik gewesen, die digital funktioniert hat. Sie waren auch nominiert für den Grimme Online Award 2020. Sie sagen dennoch: KATAPULT gehört gedruckt gelesen. Wie erfolgreich Sie sind, sieht man daran, dass Sie in der letzten Zeit einige Plagiatsvorwürfe erheben. Zum Beispiel gegen den Verlag Hoffmann und Campe, der Ihr erstes Buch "100 Karten, die deine Sicht auf die Welt verändern" herausgebracht hat. Das funktioniert nach dem gleichen grafischen Modell wie KATAPULT. Das Nachfolgebuch kommt jetzt von anderen Leuten, sieht aber aus wie Ihres. Und gegen die Süddeutsche haben Sie auch erfolgreich den Vorwurf der Kopie erhoben – deren Kolumne"Unterm Strich" gibt nicht mehr. Sind Sie ein Opfer Ihres Erfolgs?

Zunächst einmal stört es uns prinzipiell nicht, wenn andere Menschen und andere Medienschaffende die Systematik übernehmen. Aber uns stört es, wenn es wirklich eine Kopie wird, wenn sich also jemand noch nicht mal die Mühe macht, sein eigenes Konzept zu entwickeln, sondern unsere Ästhetik und unsere Daten übernimmt. Unser Ansatz ist, Informationen zu verbreiten, das ist ein sehr ideeller Ansatz. Und wenn das jemand kopiert, um damit vor allem Geld zu machen, dann stört uns das enorm. Wir sind als Magazin noch gar nicht so alt, wir machen viele Erfahrungen jetzt zum ersten Mal. Wie umkämpft dieser Markt tatsächlich ist, mit welchen Bandagen da zum Teil hantiert wird, das war durchaus eine neue Erfahrung für uns.

Sie können ja auch mal eine Grafik draus machen … Sie haben tolle Abo-Zahlen, sind ein kleiner Verlag in Greifswald, nicht in Berlin. Kann man leben von den 50.000 Abonnenten?

Ja, tatsächlich kann man davon leben. Vor drei Jahren waren wir noch zu dritt, inzwischen sind wir etwas über 20 Leute, das sind nicht alles Redakteure. Aber die können wir alle finanzieren. Und wir haben relativ flache Hierarchien. Beispielsweise einen Einheitslohn, der genauso gilt für die Personen in der Küche wie für den Chefredakteur.

Ich nehme an, die Küche ist auch gut? Die ist motiviert ...

Die ist hervorragend!

KATAPULT, Zeitschrift für Kartografik und Sozialwissenschaft gibt es online und gedruckt, in Buchhandlungen und als Abo.

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Aktuelles Cover der Vierteljahreszeitschrift KATAPULT

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