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Karoline Georges: "Wir werden uns um ein neues Leben bemühen" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / Sodapix AG

Die kanadische Autorin Karoline Georges hat eine optimistische Dystopie geschrieben.

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Karoline Georges: "Wir werden uns um ein neues Leben bemühen"

Ein Kind, als Erzählstimme, die Dunkles verhandelt: Angst, Grausamkeit, Gewalt. In ihrem Roman "Totalbeton" schreibt die kanadische Autorin Karoline Georges von einer Art Endzeit – im Interview erklärt sie, warum darin auch Optimismus steckt.

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Die kanadische Autorin Karoline Georges hat ein schmales, rabenschwarzes Buch geschrieben: Ein Kind ohne Namen erzählt vom tyrannischen Vater, der ängstlichen Mutter, beide Eltern sind grausam, gewalttätig, tödlich. Alle zusammen leben in Zimmer 804 in der 5969. Etage eines klaustrophobisch anmutenden Betonhochhauses. Das Kind wird beinahe eins mit dem Haus, während sich die Ausgeschlossenen draußen zerfleischen. "Totalbeton" nennt Karoline Georges ihren Roman, Cornelia Zetzsche hat mit der Autorin gesprochen.

Cornelia Zetzsche: Ihr Buch ist voller Gewalt und Ekel – aber es gibt Licht am Ende des Tunnels. Was hatten Sie im Sinn bei dieser Dystopie?

Karoline Georges: Als ich vor 20 Jahren über diesen Roman nachdachte, begannen die Medien gerade damit, über die globale Erwärmung zu sprechen, über das Massensterben und den Raubbau an Ressourcen. Plötzlich war da diese Mauer überall, und ich fragte mich, was geschieht mit der Menschheit, wenn sich am Ende alle diese Desaster verbinden? Ich wollte alles zu Ende denken, bis zum Ende der Erde. Ich las viel über die Evolutionstheorie und spirituelle Theorien von Sri Aurobindo und Teilhard de Chardin, beide sahen eine neue Menschheit, eine Art seltsamer neuer Evolution. Und das alles, die beiden und die Desaster in naher Zukunft und die spirituellen Theorien inspirierten mich.

Zu Beginn des Buches dominiert das Desaster. Das Kind als Erzähler und zugleich Teil einer unmenschlichen Maschinerie. Es protestiert, fragt nach, ist aber gefangen in Gewalt, Ekel, Hass und emotionaler Kälte. Die Familie ist kein Schutz, eher eine Horrorzelle?!

Ja. Mir war wirklich wichtig, das Kind in "Totalbeton" die totale Unterdrückung erleben zu lassen, denn nur, wenn man die Gewalt auf die Spitze treibt und zu Ende denkt, entsteht eine andere, eine neue Art von Energie. Mir war es wirklich wichtig, bis ans Ende dieser Unterdrückung zu gehen, um auf eine andere Stufe der Erfahrung und des Bewusstseins zu gelangen. Das mag irre klingen, aber selbst wenn die Gewalt global ist, suchen wir einen Ausweg, und das ist die Gralssuche des erzählenden Kindes.

In dieser Atmosphäre der Unterdrückung sind Fragen nicht willkommen. Die Frage "weshalb" ist ein Skandalon, der Ausbruchsversuch des Kindes misslingt. Sehr spät erst entsteht ein Riss im Beton. Wofür steht Beton?

Für mich ist der "Totalbeton" die zentrale Angelegenheit, das Letzte der materiellen Welt, die ultimative, extreme Erfindung, das ultimative Gebäude der Menschheit. Alles, was wir über Material wissen, über Energie, Bauen, Technologie, ist in diesem Gebäude, das Kind steckt in dieser Falle, in diesem Zustand. Am Ende geht es darum, eine andere Form von Energie im Universum zu erreichen. Und das Gebäude aus Totalbeton ist wirklich die Metapher für alles, was wir als Spezies auf Erden geschaffen haben.

© Yannick Forest

Karoline Georges

Aber vor diesem neuen Stadium, müssen wir durch Grausamkeit, Gewalt und Hoffnungslosigkeit gehen. Es gibt Morde, sogar Kinderleichen, und die Zukunft ist ein "Würgeknoten". Es ist wirklich eine harte Geschichte, und ich habe mich gefragt, wie war das, sie zu schreiben?

Ich schreibe eher intuitiv. Es ist eine Art Antwort auf das, was ich erlebe, was ich sehe, was ich lese, was ich vom Leben und vom Universum weiß. Bevor ich dieses Buch schrieb, 1998, hatten wir in Québec einen riesigen Eissturm. Viele Wochen hatten wir keine Elektrizität, mitten im Winter, es war wirklich sehr kalt. Ich fand Schutz in einem Schweine-Schlachthaus, einer großen Werkhalle aus Beton, in der ich wochenlang blieb, der einzige Ort in meiner Stadt, der mir Schutz bot. Vielleicht hatte ich dort die Idee zu "Totalbeton". Aber als ich es schrieb, überlegte ich wirklich, wie wir uns als bewusste Wesen noch eine Zukunft vorstellen können, wenn wir mit all dem Desaster zur Hölle gehen, wenn wir konfrontiert sind mit Dunkelheit und globaler Erwärmung, mit Massensterben und dem Raubbau an Ressourcen, wie gehen wir daraus als Lebewesen hervor, die eine andere Bewusstseinsstufe erfahren wollen. Und das ist der entscheidende Punkt im Buch: Es geht nicht um Unterdrückung, um die Macht der einen und andere als Opfer. Wir werden lernen, wir als Menschen werden uns um eine neue Art von Leben bemühen.

Nicht leicht, Ihren Optimismus zu teilen.

Ich weiß nicht, ob das Optimismus ist, aber ja, sagen wir, es ist Optimismus, ich mag das Wort.

Sie stellen nicht nur literarische, sondern auch biologische und philosophische Fragen. Gegen Ende wird Ihre Prosa zu Poesie. Tatsächlich ist das Buch eine Kombination aus Philosophie, Prosa und Poesie. Und Sie schreiben Französisch, aber der kanadische Buchmarkt wird vom Englischen dominiert. Wie würden Sie die Beziehung zwischen den Sprachen in Kanada beschreiben?

Es gibt natürlich kulturelle Unterschiede, aber es ist eine knifflige Frage. Viele meiner Kollegen werden nicht von englischsprachigen Kanadiern gelesen, aber zwei meiner Bücher sind jetzt übersetzt. Ich lese englischsprachige Autoren und liebe ihre Arbeit, Margret Atwood ist wirklich eine große Inspiration für mich. Aber es stimmt, wir entwickeln uns auf zwei verschiedenen Buchmärkten, so viel ist sicher. Ich werde auch in Frankreich verlegt und habe französischsprachige Leser überall in der Welt. Ja, ich habe natürlich mehr französisch- als englischsprachige Leser.

© Secession Verlag

"Totalbeton" von Karoline Georges

Sie hätten sich in Frankfurt treffen können, aber Covid 19 lähmt alles, sogar die größte Buchmesse der Welt. Wie ist Ihre Reaktion?

Ich denke, ich werde vielleicht erst in zehn Jahren reagieren, so lange dauert es wohl, bis ich das verarbeite, was wir gerade erleben. Für mich fühlt sich das wirklich dystopisch an, so real. Sie haben "Totalbeton" gelesen und kennen die Welt in meinem Kopf. Für meinen Schaffensprozess ist das wirklich eine reiche Erfahrung. Ich fühle mich nicht gelähmt in meinem kreativen Prozess, aber ich fürchte mich, wie die meisten von uns. Und ich bin etwas traurig, weil ich ein, zwei Jahre kein neues Buch präsentieren kann.

Mit welchen Restriktionen müssen Sie in Québec leben?

In Québec haben wir zwei rote Zonen. Die Leute müssen zu Hause bleiben, können keine Besucher empfangen. Wir können nicht ins Theater, nicht in Bibliotheken, Bars, Restaurants gehen, alles wird gerade wieder geschlossen. Aber ich bin gesund, meine Familie auch, ich tue alles, um positiv gestimmt zu bleiben und bin froh, daß wir miteinander sprechen können, selbst wenn Skype ein virtueller Raum ist. Das Leben geht weiter.

"Totalbeton" von Karoline Georges ist in der Übersetzung von Frank Heibert im Secession Verlag erschienen.

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