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"Die Mitbestimmung des Kindes muss gestärkt werden" | BR24

© Audio: Bayern 2/ Bild: picture alliance/Boris Roessler/dpa

Kinderpsychiater Karl Reitzle sagt im Gespräch: "Um die Rechte von Kindern zu stärken, gehören sie ins Grundgesetz".

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"Die Mitbestimmung des Kindes muss gestärkt werden"

Kinder werden nicht gefragt, bei den Lösungsversuchen für den Schulausfall in der Pandemie bleiben Schülersprecher*innen außen vor. Um die Rechte von Kindern zu stärken, gehören sie ins Grundgesetz, sagt Kinderpsychiater Karl Reitzle.

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Die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Kinder – das Potenzial der Zukunft – behütet und gesund aufwachsen, ist eine Aufgabe der Gesellschaft. Diesem Satz würde wohl kaum jemand widersprechen. Nur was bedeutet das? Und wer fühlt sich hier verpflichtet? Die Kleinfamilie als schützendes Nest, die Peergroup aus Erziehern und Lehrern, gar die Politik? Wie schnell dieses kulturelle Konstrukt ins Wanken gerät, haben die letzten Monate gezeigt. Wie viel an den Familien hängt, wie rasch Kinder und Jugendliche vergessen werden. Was das über ihre kulturelle Position aussagt, darüber hat Joana Ortmann mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Karl Reitzle gesprochen.

Joana Ortmann: Wie sehen Sie die aktuelle Situation von Kindern?

Karl Reitzle: In der Praxis hatten wir zeitweise 70 Prozent der Patienten verloren. Das heißt, wir hatten plötzlich keinen Kontakt mehr zu den Kindern und ihren Eltern – das war alles anfangs schwierig. Die Menschen waren sehr verunsichert, und wir haben das viel mit Telefon- und Video-Sprechstunden kompensiert und erst einmal gemerkt, dass sich die Kinder unglaublich gefreut haben, dass wir auch von uns aus Kontakt aufgenommen und gehalten haben. Dabei wurde uns aber bewusst, dass man die Kinder viel zu wenig persönlich anspricht und auch nach ihren Wünschen fragt. Und dass man auch im Praxis-Betrieb immer wieder aufpassen muss, dass man nicht einfach Entscheidungen trifft und über die Kinder verfügt.

Das hieße ja dann für die Frage nach der kulturellen Position von Kindern, dass sie gerade in Krisen zur Verfügungsmasse werden, wenn man nicht aufpasst …

Genau so haben wir das auch wieder mal erlebt, dass Kinder nicht gefragt werden, damit aber auch keinen Beitrag zu Lösungen leisten können, obwohl sie sich eigentlich sehr gern engagieren, auch die jüngeren Kinder. Wenn ich ein Kind in der Praxis habe, meist ein jüngeres Kind, sagt das es: Was machen wir jetzt? Es bezieht mich automatisch mit ein, während wir Erwachsenen so getrimmt sind, die Kinder eher außen vor zu lassen, zu beraten und sie nicht in der Gesamtheit ihrer Person wertzuschätzen. Ich muss da immer ein bisschen aufpassen, obwohl wir in Deutschland eigentlich ein Stück weit die Wiege der Reformpädagogik sind, glaube ich, dass wir in unseren pädagogischen Haltungen sehr oft eine Dysbalance einnehmen. Der Erwachsene hat etwas gelernt, er möchte sein Wissen weitergeben, aber er gibt es letztendlich immer ein Stück weit von oben herab weiter statt auf Augenhöhe.

Sie als Kinder- und Jugendpsychiater sind natürlich insbesondere für die psychische Gesundheit zuständig. Wenn wir annehmen, dass die psychische Gesundheit auch die Grundlage einer gesunden Gesellschaft ist – haben Sie da in der letzten Zeit Verschlechterungen beobachtet?

Ja, als es beispielsweise um die ersten Regularien ging, wie sich denn jetzt die Schulen organisieren sollen. Das ist uns aufgefallen, dass das wieder organisiert wurde, ohne jemanden einzubeziehen. Und jetzt, wo die Lockerungen da sind, kommt eine Welle auf uns zu. Die Kinder sagen uns erst einmal: Es ist toll, dass die Klasse im Unterricht nur halb voll ist. Der Unterricht ist angenehmer für mich. Ich bin auch froh, dass ich wieder Kontakt zum Lehrer oder meinen Mitschülern habe, das hat mir gefehlt. Viele hatten aber auch große Probleme, das umzusetzen, was sich die Erwachsenen ausgedacht haben, nämlich plötzlich online zu arbeiten, Blätter abzuarbeiten, sich selber zu organisieren. Es hat auch Eltern unglaublich in Bedrängnis gebracht.

Und nun kriegen wir eine "Welle" von Kindern, die Angst vor den schulischen Erwartungen haben, auch Angst davor, ihre Sozialkontakte wieder aufzunehmen. Kinder mit Prüfungsangst und sozialen Ängsten haben sich in dieser Zeit des Lockdowns deutlich verschlechtert. Wir haben im Moment eine Menge therapeutisch zu tun, um das aufzuarbeiten. Währenddessen drehte sich die Diskussion um die Organisation der Schule aber sofort wieder darum, wie man von den Kindern, die vor Prüfungen stehen, Leistung erheben und ihren Schulweg wieder ermöglichen kann. Es ging eigentlich immer nur um die Leistung und Funktion des Kindes und in keiner Weise um das Bedürfnis nach Gruppe, nach Treffen, nach Zusammensein, durchaus auch im schulischen Bereich.

© pa/dpa

Vor Corona, also ohne Mindestabstand: die Mitmachaktion "Augen auf für Kinderrechte" der UNICEF

Woran liegt das? An der rechtlichen Lücke? Was die faktische Mitbestimmung von Kindern angeht, ist es immer noch so, dass in Deutschland Kinderrechte nicht im Grundgesetz verankert sind und es damit auch keinen übergreifenden Kindeswohlvorrang gibt …

Ja, auch wenn wir hier Kinder behandeln – meistens im Alter zwischen fünf und zwölf –, dann wollen wir ihnen natürlich erklären, warum sie da sind. Wir fragen: Was glaubst du, warum bist du da? Es ist ihr verbrieftes Recht zu erfahren: Warum gehe ich zum Arzt? Aber ich muss das dem Kind auch vermitteln. Und es soll auch lernen, dass es letztendlich die Behandlung mit beeinflusst und mit bestimmt. Die Mitbestimmung des Kindes ist nirgendwo wirklich als zentraler Wert formuliert, sondern eigentlich definieren immer Erwachsene, was von außen her wichtig für das Kind ist.

Und was schlagen Sie zur Verbesserung dieser Lage vor?

Wir brauchen politisches Handeln, in dem Sinne, dass die Kinderrechte endlich auch verbrieft werden, wir finden ganz dringend, dass die Mitbestimmung des Kindes gestärkt werden muss. Ich weiß beispielsweise nur von einer einzigen Schule – bezeichnenderweise ist es die Europäische Schule –, die ihre Schüler auch in der Corona-Zeit in die Verwaltung einbezogen hat. Mir ist hingegen von keiner Regelschule bekannt, dass die Schülervertretung in Lösungen involviert gewesen wäre.

Das könnte sich jetzt noch einmal potenzieren. Bald sind Sommerferien, und dann stehen wir eher vor einem vergrößerten Problem, so wie sich die Lage darstellt.

Ich weiß auch nicht, was und mit wem das Kultusministerium genau plant. Es ist ja nicht wirklich transparent, obwohl wir eine Schulpflicht haben. Das ist auch so ein Argument. Da ist Deutschland das einzige Land in Europa. Wir haben eine Schulpflicht, während in den anderen europäischen Ländern auch die Eltern ihre Kinder beschulen dürfen – und trotzdem haben wir keinen Einfluss auf die Organisation der Schule. Ich habe übrigens auch kein einziges Interview mit einem Schülersprecher in den Medien wahrgenommen. Insoweit brauchen wir auf jeden Fall ein Bewusstsein dafür, dass hier eine Mitbestimmung rechtlich notwendig ist. Und ich finde, um die Rechte von Kindern zu stärken, gehören sie ins Grundgesetz.

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