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Radebeul: Debatte um das komplizierte kulturelle Erbe Karl Mays | BR24

© Audio: BR / Bild: picture-alliance / schroewig

Das Karl-May-Museum im sächsischen Radebeul verwaltet ein kompliziertes kulturelles Erbe.

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Radebeul: Debatte um das komplizierte kulturelle Erbe Karl Mays

Karl May brachte den Wilden Westen und den Orient in deutsche Bücherschränke. Sein Denken war auch von Rassismus und Kolonialismus geprägt, in seinem Wohnort Radebeul wird um den Umgang mit diesem Erbe im dortigen Karl-May-Museum heftig gestritten.

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Eigentlich hätte heuer auf den berühmten Karl-May-Spielen von Bad Segeberg Sascha Hehn den Ölprinzen spielen sollen – aber die Karl-May-Spiele entfallen coronabedingt. Das traditionsreiche Freilichtspektakel am schleswig-holsteinischen Kalkfelsen ist nicht die einzige Pilgerstätte für Karl-May-Fans. Im sächsischen Radebeul, am einstigen Wohnort des Schriftstellers, wo er 1912 auch gestorben ist, steht das 1928 gegründete Karl-May-Museum, und um dessen Ausrichtung ist jetzt ein Kulturkampf entbrannt. Knut Cordsen hat darüber mit dem Karl-May-Experten Andreas Brenne gesprochen.

Knut Cordsen: Im Karl-May-Museum hängen bis heute Bilder des Malers Wilhelm Emil "Elk" Eber, der ein Lieblingsmaler Adolf Hitlers und selbst ein großer Nazi-Propagandist war. Bevor er Indianerhäuptlinge malte, schuf er grausamsten Soldaten-Kriegsverherrlichungskitsch im Dritten Reich. Ist das symptomatisch, dass diese Gemälde dort bis heute unkommentiert hängen?

Andreas Brenne: Genau, das ist auch symptomatisch. Man versucht so einen gewissen status quo und auch eine Atmosphäre dieses Museums aus den späten 20er-Jahren, wo das alles sich nach und nach entwickelt hat, quasi zu erhalten und still zu stellen. Bereits in 20er-Jahren hat Klara May, die Witwe Karl Mays, dieses Bild versucht zu verhärten: Karl May als der Entdecker sozusagen, der Deutsche, der der Welt das Glück gebracht hat, eben auch den Westen, und der versucht hat, durch die Konfrontation der "Villa Shatterhand" mit dieser Indianistik-Sammlung den Erzählungen eine neue Plausibilität zu bringen. Und dann noch diese unglücklichen Verquickung, dieser Annäherung an die völkischen Ideen. Klara May war eine überzeugte Nationalsozialistin. Das findet sich auch in solchen Bildwerken, die scheinbar ganz unschuldig die "Villa Bärenfett", wie diese Indianistik-Sammlung heißt, zieren. Da gibt es dann ein großes Tableau von der Schlacht am Little Big Horn – über die Karl May gar nichts geschrieben hat. Und es finden sich auch die Indianerhäuptlings-Gemälde. Übrigens war dieser Elk Eber auch Ehrenmitglied des Münchner Cowboy Clubs.

Der bisherige Leiter des Karl-May-Museums, Christian Wacker, hat sein Amt vor Kurzem niedergelegt. Gerade mal zwei Jahre hat er amtiert, jetzt kehrt der vormalige Chef, René Wagner, ins Amt zurück. Was lässt sich an dieser Personalie ablesen?

An der Personalie lässt sich leider sehr viel ablesen, nämlich eine gewisse Ahnungslosigkeit, was die Vergangenheit angeht, bzw. eine gewisse Geschichts-Blindheit und -Vergessenheit, was eigentlich Karl May ausmachen könnte oder was Karl May braucht.

Was bräuchte er denn Ihrer Meinung nach?

Karl May bräuchte so etwas wie ein kulturwissenschaftliches Update, eine neue Perspektive auf das Phänomen Karl May, der nun teilweise in die Jahre gekommen ist, zum anderen natürlich wie erwähnt immer noch auf Freilichtbühnen gehandelt wird. Allerdings nehmen die Menschen in der Regel Winnetou und Old Shatterhand wahr, aber selten ihren Autor. Um den wieder aufzufrischen und zum Leben zu erwecken, braucht es neue wissenschaftliche Perspektiven auf dieses Phänomen.

Wie sähe für Sie eine zeitgemäße Präsentation Karl Mays in Museum aus, welche Aspekte seines Lebens und Wirkens sind da bisher ausgespart worden?

Karl May ist ein besonderes literarisches Phänomen, das sich dadurch auszeichnet, dass jemand aus ärmsten Verhältnissen aus dem Erzgebirge es geschafft hat, aus dem Proletariat heraus sich nach oben zu schreiben. Er hat einen Wandel vollzogen von einem Verfasser von Kolportage-Literatur, der zunächst mal die einfachen Menschen ansprach, dann aber über Quellenstudium und viel Fantasie ins Bürgertum aufstieg, und dann noch den Schwenk machte in seinem Alterswerk hin zu einer gewissen Form von Moderne. Dies sichtbar zu machen mit allen Entwicklungen, auch möglicherweise Fehlstellungen, das wäre aus meiner Sicht eine Perspektive. Vor allem sollte man auch mal schauen, wie das Bild des Fremden bei Karl May sich gewandelt hat.

© picture-alliance / schroewig

Karl Mays Arbeitszimmer im Kal-May-Museum in Radebeul

Es scheint so, als hätte der Film "Der Schuh des Manitu" bereits etwas vorweggenommen, was sonst eher unter den Teppich gekehrt wird, nämlich die "sublime Homosexualität" Mays, von der Sie sprechen. Worin zeigt sich die Ihrer Meinung nach?

Dies zeigt sich in Karl Mays literarischen Texten, und auch natürlich in der engen Freundschaft zum Jugendstil-Maler Sascha Schneider, ein Schüler von Max Klinger aus Sankt Petersburg, der explizit homosexuell war und der in seiner Bebilderung und Illustration der meisten Werke so etwas wie eine andere Form von Männlichkeit nach vorne gekehrt hat. Das hat Karl May auch spannend gefunden.

In Radebeul tobt ja derzeit ohnehin ein Streit um die Besetzung des Kulturamt-Leiter-Postens. Da sollte mit Jörg Bernig ein Mann ins Amt gehievt werden, der sich politisch der Neuen Rechten zurechnet. Doch seine Wahl ist annulliert worden, nächsten Montag soll erneut gewählt werden. Hat sich dieser umstrittene Lyriker und Erzähler Jörg Bernig auch zur Ausrichtung des Karl-May-Museums geäußert – Karl May wird ja gern von den Deutschnationalen vereinnahmt?

Das kann man schon sagen. Man versucht, so eine Art neue Lesart zu propagieren oder eine alte Lesart zu rekonstruieren. Jörg Bernig hat sich noch nicht eingeschaltet, weil er noch nicht Kulturamtsleiter ist. Verbunden ist diese Personalie natürlich auch mit den Geschehnissen in Radebeul. Im Zentrum steht der Oberbürgermeister der Stadt, Bert Wendsche, der zum einen den Kulturamtsleiter in spe inthronisiert hatte, zum anderen aber auch dafür zuständig ist, dass diese fragwürdige Personalie René Wagner wieder ins Amt eines Museumsdirektors gehoben worden ist. Das ist natürlich eine sehr unglückliche Verquickung.

Sie müssen diese Personalie René Wagner uns Unwissenden etwas erklären. Was hat es mit dieser Person auf sich?

René Wagner war bereits im Karl-May-Museum aktiv. In den 80er-Jahren wurde er in die Geschäftsführung des Museums befördert. Erst als Assistent, später dann ab 1987 war er Geschäftsführer des Museums. Mittlerweile hat eine wissenschaftliche Studie ergeben, dass er ein Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen ist und die Indianistik-Szene der DDR konspirativ beobachtet hat. René Wagner hat sich niemals offensiv mit dieser Historie auseinandergesetzt. In der Villa Shatterhand gab es Ende der 80er-Jahre eine konspirative Wohnung der Staatssicherheit – diese Historie, die damit verbunden ist, nicht aufzuarbeiten, ist schon fragwürdig. Gleichzeitig ist er auch in Finanzskandale verwickelt gewesen. Und auf seiner öffentlich sichtbaren Facebook-Seite macht er sich einen Namen, indem er offensichtlich mit Thilo Sarrazin sympathisiert und homophobe Äußerungen von sich gilt im Hinblick einer Ehe für alle.

© picture-alliance / schroewig

Schriftzug "Villa Shatterhand" am Karl-May-Museum: Karl May kaufte das Haus 1896 und ließ im gleichen Jahr den Namen anbringen

Das Interview wurde am 09.06. geführt. Heute wurde bekannt gegeben, dass Jörg Bernig nicht noch einmal zur Wahl des Kulturamtsleiters im sächsischen Radebeul antritt. Das teilte er am Donnerstag Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) in einem Brief mit, der dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegt. Bernig, der mit der Neuen Rechten in Verbindung gebracht wird, war am 20. Mai als CDU-Kandidat offenbar auch mit Stimmen der AfD ins Amt gewählt worden. Wendsche hatte wenige Tage danach auf einer Sondersitzung des Ältestenrates der Stadt gegen die Wahl sein Veto eingelegt.

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