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Warum die Wiederentdeckung von Karl Hagemeister überfällig ist | BR24

© Audio: BR / Bild: Barbara Bogen

"... das Licht, das ewig wechselt": Das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt entdeckt den Impressionisten Karl Hagemeister wieder.

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Warum die Wiederentdeckung von Karl Hagemeister überfällig ist

Im Vergleich zu Malern wie Max Liebermann oder Lovis Corinth ist der Impressionist Karl Hagemeister eher unbekannt. Zu Unrecht – wie nun eine Retrospektive in Schweinfurt zeigt. Denn: Hagemeister war ein Meister darin, die bewegte Natur einzufangen.

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Auf den allerersten Blick besteht das Bild nur aus zwei Farben, grün und grau. Zwischen einem lichten, blassgrauen Himmel und einem farblich fast ebenso beschaffenen Gewässer zieht sich in der Mitte des Bildes ein grasgrüner Streifen, der die Landschaft teilt. Aus dem Grün erheben sich in der Ferne zwei dunkle Bäume, von denen einer sich im Grau des Wassers spiegelt.

Lebendige Leinwand

Bei näherer Betrachtung jedoch lassen sich nicht nur zahllos changierende Farbschattierungen erkennen, deutlich wird auch, welche Bewegung in dem scheinbar so schlicht komponierten Bild steckt, welche Dynamik, welches Leben. Vom Wind bewegt biegen sich einzelne Gräser ungestüm in sämtliche Himmelsrichtungen. Ein stummes Wogen scheint die Landschaft in ihrem Innersten zu durchdringen, sie pulsiert förmlich lautlos.

Entstanden ist das Bild im Jahr 1892. Der Titel "Wiese am Wasser" entspricht in seiner unspektakulären Schlichtheit dem Motiv. Und doch gelingt dem impressionistischen Maler Karl Hagemeister etwas eigentlich Unmögliches, nämlich, das Unsichtbare in seinen Bildern einzufangen: die Luft, den Wind – und, so der Titel der Ausstellung, "das Licht, das ewig wechselt".

Zu Unrecht unbekannt

Im Vergleich zu Malern wie Max Liebermann oder Lovis Corinth sei das Werk von Karl Hagemeister immer noch relativ unbekannt, sagt Kuratorin Karin Rhein. Ihr sei es daher auch wichtig, mit der Ausstellung klarzumachen, welche bedeutende Rolle Hagemeister für die Entwicklung des Impressionismus in Deutschland gespielt habe.

"Man kennt immer so die großen Drei: Liebermann, Corinth, Slevogt. Aber Hagemeister hat eben für den deutschen Impressionismus nochmal eine ganz andere Perspektive geliefert, die sehr dicht dran ist am französischen Impressionismus. Er wollte den stetigen Wandel in der Natur darstellen. Und eben das ewig wechselnde Licht, die Natur als schöpferischen Organismus. Er wollte das Wachsen in seinen Bildern zeigen."

© Bernd Hildebrandt

Bewegte Natur: Der Blick aufs Meer des Impressionisten Karl Hagemeister

Stadtflüchtling: Brandenburg statt Berlin

Karl Hagemeister gilt schon den Zeitgenossen als Außenseiter. Zwar führen ihn frühe Reisen unter anderem mit dem befreundeten Künstlerkollegen Carl Schuch nach München, Wien und Italien, in die Niederlande, Belgien und Paris, doch zieht sich Hagemeister irgendwann fast ganz in seinen kleinen brandenburgischen Geburtsort westlich von Potsdam zurück.

Dennoch unterhält er Kontakte ins nahe Berlin, und in seinem bescheidenen Häuschen in Werder an der Havel empfängt er zuweilen illustre Gäste wie den einflussreichen Kunsthändler und Galeristen Paul Cassirer und den nicht minder berühmten Maler Max Liebermann. Diesem erklärt Hagemeister: "Leben Sie doch auch so einsam in der Natur wie ich! Verlassen Sie sich darauf, es ist die einzig richtige Art, wie sich ein Künstler entwickeln kann und muss. Der Zweck ist doch der, nicht ein Bild zu machen, sondern ein seelisches Erlebnis hinzuschreiben."

Die Natur hat für Hagemeister etwas Kosmisches, ihre Wildheit und Zartheit zugleich will er begegnen. Seine späten, auf Rügen entstandenen Meerbilder bersten vor Dynamik und Expression. Bei Wind und Wetter, Kälte und Eis bricht der Maler auf in die Landschaft. Eine Schwarzweiß-Fotografie in der Ausstellung zeigt den arbeitenden Künstler mit ernstem Blick in tief verschneiter märkischer Natur, die Leinwand an einen Birkenstamm gelehnt, neben ihm ein Weidenkorb mit Farbtuben.

© Barbara Bogen

Auf dem Weg in die Abstraktion: Landschaftsporträt von Karl Hagemeister aus dem Jahr 1909

Auf dem Weg in die Moderne

War Hagemeister in den ersten Jahren noch angeregt durch die dunkeltönige Malerei der Schule von Barbizon, von Daubigny und Courbet, werden die Bilder später immer lichter, abstrakter auch. 1909 malt er das eingangs beschriebene Motiv noch einmal aus anderer Perspektive, aber mit Farben, die einen Emil Nolde vorwegzunehmen scheinen. Sein Rot explodiert. Hagemeister – ein Vorläufer der modernen Landschaftsmalerei.

Hagemeister sei weiter gegangen als viele seiner Zeitgenossen, betont Kuratorin Karin Rhein, deshalb wirke er bis heute so ungemein modern: "Es gibt einige Bilder in der Ausstellung – wenn man da sehr dicht an der Leinwand steht, dann hat man das Gefühl, das sind völlig ungegenständliche abstrakte Werke, weil die Farbe zum Teil so dick und pastos und in großen Farbbatzen aufgetragen ist. Man muss dann schon ein ganzes Stück weggehen, dann ergibt sich wie aus einem Mosaik das eigentliche Bild, mit Wasserspiegelungen, mit Tiefe, mit Blättern und mit dem Licht, das durch die Bäume bricht. Das sind ganz spannende Perspektiven."

Die Ausstellung im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt ist mit rund 70 Gemälden, Pastellen und Zeichnungen als Retrospektive angelegt. Flankiert von einigen Werken seiner Zeit- und Weggenossen wie Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth und Carl Schuch, auch seinen Vorbildern wie Daubigny, dürfte sie den Beweis liefern dafür, dass Karl Hagemeister viel mehr war, als nur ein märkischer Landschaftsmaler.

© Potsdam Museum

Aus der Nähe ein Mosaik: Ausschnitt aus dem Gemälde "Seedorn an der Steilküste bei Lohme/Rügen" (1915)

Die Ausstellung "... das Licht, das ewig wechselt." läuft – in Kooperation mit dem "Potsdam Museum" und dem "Kunstmuseum Ahrenshoop" – noch bis zum 21. Februar 2012 im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt.

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