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"Ich träume davon, hinter meinen Figuren völlig zu verschwinden" | BR24

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"Ein Haus für die Müden" versammelt fünf melancholische Erzählungen von Weltverweigerern. Im Interview erzählt der bosnische Autor Dževad Karahasan, warum ihn diese Art von Menschen fasziniert und wie präsent die Balkankriege für ihn immer noch sind.

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"Ich träume davon, hinter meinen Figuren völlig zu verschwinden"

"Ein Haus für die Müden" versammelt fünf melancholische Erzählungen von Weltverweigerern. Im Interview erzählt der bosnische Autor Dževad Karahasan, warum ihn diese Art von Menschen fasziniert und wie präsent die Balkankriege für ihn immer noch sind.

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"Dževad Karahasans Bücher sind absolut zeitgenössisch, aber auf raffinierte Weise zeitlos. Sie zeigen den Menschen in seiner Verführbarkeit und beschreiben staatliche Systeme und ihren moralischen Verfall. Der Autor wurzelt in antiken, islamischen und christlichen Traditionen gleichermaßen und plädiert unbeirrbar für Menschlichkeit und Toleranz. Karahasan bringt die unmittelbare Liebe zum Dasein und das Bewusstsein für die Katastrophe der Geschichte auf eine einzigartige Weise zusammen", lobte die Jury und verlieh Dževad Karahasan im Mai den Jeanette-Schocken-Preis. Dass dieses Hohe Lied stimmt, lässt sich in Ihrem Opus Magnum "Der Trost des Nachthimmels" und vielen anderen Büchern des Erzählers, Essayisten, Philosophen nachlesen. Neu bei Suhrkamp ist "Ein Haus für die Müden", Erzählungen, die im September 1919 - mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beginnen und Sarajewo im 20. Jahrhundert spiegeln.

Cornelia Zetzsche: "Ein Haus für die Müden" versammelt fünf Erzählungen alle sepiabraun getönt, von großem Zauber, von großer Melancholie, zeitlos aber doch irgendwie zeitgenössisch. Die Figuren scheinen alle aus der Zeit gefallen, einsame Melancholiker, Romantiker, dem Boden verhaftet, prinzipiell gegen technischen Fortschritt und die Errungenschaften der Moderne. Warum widmen Sie diesen Figuren von gestern ein Buch?

Dževad Karahasan: All das sind Menschen, die ich gekannt habe. Sie haben eine große Rolle in meinem Leben, in meinem Erwachsenwerden gespielt. Ich glaube, dass die Biographien, dass diese Menschen sehr klar einen Bruch in unserer Geschichte vor Augen führen. Sie alle träumten von Autarkie, von Selbstgenügsamkeit als gute Grundlage, als unumgängliche Voraussetzung für menschliche Freiheit. Sie fühlen und erleben Geschichte als ein Monster. Bis heute bin ich von all diesen Menschen irgendwie fasziniert. Und da ich mich auch zuletzt ziemlich einsam fühle, musste ich mit ihnen ein Gespräch anfangen.

Es gibt Bego, einen verliebten Briefträger, der Briefe stiehlt für die ferne Angebetete. Juso soll im Sozialismus in seiner enteigneten Bäckerei "fürs Volk backen". Ein einsamer alter Vater hört im Kaffeehaus von den Wundern des Reisens in die Fremde. Alle spüren diese Veränderungen in einer Welt, in der sie keinen Platz finden. Sie haben gerade von Autarkie gesprochen. Sind das nun sture Weltverweigerer oder - autark - im Einklang mit sich?

Ich würde, wenn sie gestatten, auf diese Frage mit einem Witz beginnen. In diesem Witz trifft ein Bosnier seinen besten Freund. Was denkst du, fragt er ihn, wächst und entwickelt sich das menschliche Wesen von außen nach innen oder von innen nach außen? Der Freund überlegt eine Weile und sagt: Ich glaube schon. All die Helden sind Weltverweigerer, weil sie unbedingt autark sein wollen, und gleichzeitig sind sie buchstäblich Leute, die mit ihrem Schicksal, ihrem Wesen in der Geschichte einen Bruch in der Zeit zeigen. Juso war mein Großvater mütterlicherseits, mein nächster Nachbar. Ich bewunderte ihre Hartnäckigkeit der Bereitschaft, selbstständig, unabhängig denken und agieren zu wollen, weil sie Mut und Kraft hatten gegen den Strom zu schwimmen.

Da haben Sie ja auch etwas von ihrem Autor. Ein Sohn kommt aus Australien, arrangiert in Duvno ein Scheinbegräbnis für die Eltern und erlebt die eigene Heimatlosigkeit. Sie leben seit der Belagerung Sarajevos in Graz oder pendeln. Warum kehren Sie als Autor in ihre Geburtsstadt zurück?

Ich habe mal gesagt: Ich bin keiner von uns. Meinem Empfinden, meinem Wesen nach bin ich ein Außenstehender, ein Outsider, weil die Menschen, die ich liebte und bewunderte, entweder tot sind oder jetzt in Norwegen, Australien, wie auch der Held meiner Geschichte. Wenn ich in Duvno unter den Meinigen sein will, unter Freunden und Verwandten, muss ich zum Friedhof gehen.

Als Erzähler lieben Sie Labyrinthe, Irrwege, Umwege, Einschübe, Phantastisches. Sie erzählen mit einem großen Zauber und weitschweifiger Fabulierfreude. Woher kommt diese Lust am Erzählen, und was möchten Sie uns mitteilen?

Hauptsächlich möchte ich mir und uns allen mitteilen, dass der Weg eigentlich das Ziel ist. Es gibt eine schöne Äußerung von Martin Buber. Er empfiehlt, wenn einer den Weg sucht, nicht denjenigen zu fragen, der den Weg kennt. Denn in diesem Falle hat er keine Möglichkeit, sich zu verirren. Ich glaube, dass die Denkweise des Erzählens, der Kunst überhaupt, assoziativ ist. In den Begriffen der Kausalität kann die Mathematik denken. Kunst und Mensch denken, glaube ich, viel mehr allusiv. Ich glaube, dass der Mensch viel komplexer ist, als sein Jetzt es aussagt, dass wir uns jetzt reduzieren. Der Mensch ist ein Wesen der Zeit.

© Suhrkamp-Verlag

Cover von Dževad Karahasans neuem Buch

Beim Erzählen folgen Sie philosophischen Reflexionen, Sie zelebrieren, könnte man sagen, eine Kultur der Langsamkeit. Ist das auch so eine Art der Verweigerung, wie ihre Figuren es tun? Sind Sie da ganz solidarisch mit den Müden die Sie im Haus versammeln?

Oh ja, danke. Diese Bemerkung stimmt, ich bin mit meinen Figuren solidarisch. Halb im Ernst behaupte ich, dass in einem Buch von mir kein einziger Satz von mir stammt. Alles, was in einem Buch von mir zu lesen ist, stammt von einer der Figuren. Ich träume davon, hinter meinen Figuren völlig zu verschwinden, in ihnen aufzugehen.

Sie sind in verschiedenen Kulturen zu Hause, sind mit Koran und Bibel aufgewachsen. Ihre Bücher verbinden Zeiten und Welten, beschwören das Miteinander. Heute haben wir weltweit den Riss zwischen Islam und Christentum. Das ist vielleicht eine religiöse Spaltung, vielleicht eine politische Instrumentalisierung. Was könnten wir tun, damit Orient und Okzident nicht getrennt gedacht werden, sondern wieder zueinanderkämen?

Ich danke Ihnen herzlich für die Bemerkung, dass diese scheinbar religiösen Streitigkeiten, Kriege eher Ergebnis einer politischen Instrumentalisierung sind, als Ausdruck einer Religion. Nee, ich glaube wirklich nicht, dass Islam und Christentum im Streit stehen. Ich glaube, dass manche Christen und Muslime politisch instrumentalisiert werden, dass man Religionen missbraucht, um politische Ziele oder politische Prozesse zu erreichen. Ich bin, wie Sie sagten, in beiden Regionen sehr tief verwurzelt. Mein bester Freund ist Christologie-Professor in Sarajevo. Meine heiligen Bücher sind Koran und Bibel. Und ich behaupte stets, dass die wahre Formel lautet: Ich bin ich, weil du du bist, und du bist du, weil ich bin.

Die Balkankriege sind gerade mal 20 Jahre her, die Belagerung Sarajevos 1996. Wie präsent ist die Belagerung Sarajevos für Sie heute?

Total präsent. Das war eine Erfahrung die man nicht vergessen kann. Ich gebe zu, dass mein großes Problem im Leben auch mein Elefanten-Gedächtnis ist, es gelingt mir einfach nicht zu vergessen. Diese Erfahrung ging tief in mich hinein, sie konfrontierte mich mit grundlegenden Fragen. Eine dieser Fragen ist unsere Lust am Zerstören, denn die Zerstörung hatte wirklich absolut keine militärische Bedeutung. Ich glaube, dass keine Armee etwas davon haben kann, wenn eine Bibliothek vernichtet wird. Bibliotheken sind für eine bestimmte Art von Politiker gefährlich, aber für Militär sollten die Bibliotheken bedeutungslos sein.

Aber Bibliotheken sind das Herz der Identität eines Volkes.

Das stimmt. Ich glaube, dass gerade deshalb die Belagerung Sarajevos mit der Vernichtung des Orientalischen Institut und Vernichtung der National- und Universitätsbibliothek begonnen hat. Denn wir Menschen, auch menschliche Gemeinschaften, haben keine Wurzeln, wir verwurzeln uns nur in die Zeit hinein, unser Gedächtnis ist unsere Wurzel.

Dževad Karahasan: "Ein Haus für die Müden", Übersetzung: Katharina Wolff-Grieshaber, Suhrkamp-Verlag

Am 9. & 10.6.2019 liest Schauspieler August Zirner Auszüge aus der ersten Geschichte des Erzählbandes "Ein Haus für die Müden" von Dževad Karahasan. Hier gibt es alle Informationen dazu.

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