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Prokofjews Monumental-Oper "Krieg und Frieden" in Nürnberg | BR24

© Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

Pierre Besuchow im Schlachtengetümmel

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    Prokofjews Monumental-Oper "Krieg und Frieden" in Nürnberg

    400 Kostüme und 20 Solisten: Prokofjews Monumental-Oper nach Tolstoi ist eine Herausforderung für jedes Opernhaus. Der neue Intendant Jens-Daniel Herzog schaffte Durchblick im Schlachtengetümmel – und eine so fesselnde wie bildstarke Inszenierung.

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    Fast auf die Minute genau so lang wie der berühmte Hollywood-Film aus dem Jahr 1956 ist dieser Opernabend in Nürnberg: Knapp dreieinhalb Stunden "Krieg und Frieden", aber im Gegensatz zu Hollywood konnte Intendant und Regisseur Jens-Daniel Herzog auf der Bühne nicht 10 000 Statisten aufbieten, um die Schlacht von Borodino nachzustellen. Nein, dicke Romane mit epischen, also breit angelegten, personenreichen Geschichten sind für die Oper eigentlich überhaupt nicht geeignet. Das Theater lebt von der Verkürzung und Verdichtung historischer Begebenheiten auf wenige dramatische Szenen und ein paar Hauptdarsteller, da fällt Sergej Prokofjews "Krieg und Frieden" nach dem Roman von Leo Tolstoi völlig aus dem Rahmen, spannt sich der Bogen hier doch tatsächlich über drei Jahre, von 1809 bis 1812, und etliche Schauplätze, vom Moskauer Ballsaal über verruchte Salons bis zum Schlachtfeld von Borodino.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Plünderung in Moskau: Französischer Soldat

    Grandiose Leistung der Bühnentechniker

    Alle Achtung, wie das Jens-Daniel Herzog, seine jeweils zwei Dramaturgen und Regieassistenten in den Griff bekommen haben. Zunächst wurde Prokofjews Riesen-Werk um rund eine Stunde gekürzt, dann entwarf Ausstatter Mathis Neidhardt ein Bühnenbild, das rasend schnelle Umbauten ermöglichte, das war nah am Filmschnitt. Eine grandiose Leistung der Nürnberger Bühnentechniker. Ein paar schwarze Wände mit Flügeltüren genügten, um immer neue Orte anzudeuten: Kristalllüster für den mondänen Ball, eine Discokugel für eine verruchte Party, ein Waffenschrank als Kennzeichen einer Räuberhöhle, eine Gemäldegalerie als Inbegriff des adeligen Palais. Das machte jederzeit was her, war fesselnd und setzte das Publikum in Erstaunen, etwa, als plötzlich im Kanonendonner die gesamte Rückwand nach vorne fiel. Da war der eine oder andere regelrecht verdattert, zumal ein Windstoß über die Köpfe hinweg sauste und Rauchschwaden in der Luft standen.

    So zeitlos wie packend

    Kostümbildnerin Sibylle Gädeke hatte sage und schreibe 400 Outfits designt, das hatte schon fast Hollywood-Format, und dabei schaffte sie die Meisterleistung, die Optik aktuell zu halten, ohne auf russisches Flair zu verzichten. Diese Version von "Krieg und Frieden" ist so zeitlos wie packend. Jens-Daniel Herzog verfiel auch nicht auf die fatale Idee, einmal mehr ein "Elends-Russland" zu zeigen, wie leider häufig zu sehen. Zwar schälte sich am Anfang ein Obdachloser aus seinem Schlafsack und hisste die verschiedenen Russland-Flaggen der letzten 200 Jahre, aber es blieb bei diesem kurzem Hinweis, dass Kriege die Lage der einfachen, mittellosen Menschen niemals verbessern.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Pierre ratlos vor der Gewalt

    Der Zeigefinger war dringend nötig

    Danach blieb Herzog optisch nah am Roman von Tolstoi, vor allem informierte er die Zuschauer mit kurzen, eingeblendeten Texten darüber, worum es in den Szenen jeweils ging. Das war zwar altmodisch-brechtisch, aber dieser Zeigefinger war dringend nötig: Wer hat seinen Tolstoi schon allzeit parat? Und selbst die, die den Roman gut kennen, werden ohne Personenverzeichnis wohl kaum auskommen. Großartig, wie es Herzog schaffte, diesbezüglich für Durchblick zu sorgen. Wenn schon russisches Epos, dann so! Anstrengend war es trotzdem, denn Prokofjew lässt seine Personen viel Text singen und dazwischen dröhnt die Schicksalsmusik, meist ohrenbetäubend.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Andrej und Natascha im kurzen Glücksmoment

    Ein schwermütiger Mann im Malstrom der Geschichte

    Die neue Nürnberger Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz bewahrte da allzeit den Überblick im Getümmel, wenn das Vorspiel auch noch etwas wackelte und der Chor gegen Ende auch mal ins Schwimmen geriet, aber das fiel angesichts der szenischen Intensität nicht ins Gewicht. Von den zwanzig Solisten einzelne herauszuheben fällt schwer. Der georgische Tenor Zurab Zurabishvili war in der Hauptrolle des schwermütig-tollpatschigen Pierre Besuchow überwältigend: Ein schüchterner Mann, der sich plötzlich im Malstrom der Geschichte wiederfindet. Ebenso beeindruckend Jochen Kupfer als Fürst Andrej, der immer nur den Krieg, nie den Frieden findet. Eleonore Marguerre als Natascha sang anrührend, hatte aber schauspielerisch nur wenig Möglichkeiten, sich zu entfalten.

    © Ludwig Olah/Staatstheater Nürnberg

    Große Gesellschaft in Moskau

    Die Franzosen kommen schlecht weg

    Überhaupt geriet diese Fassung zum Ende hin etwas hektisch, etwa bei Kurzauftritten von Napoleon, der die Russen angesichts von deren Durchhaltewillen und Selbstzerstörungspotential für "Skythen" hielt. Da durfte der russische Marschall Kutusow, auftrumpfend gesungen vom bulgarischen Bass Nikolaj Karnolsky, etwas mehr martialisches Selbstbewusstsein verbreiten. Naja, die Franzosen kommen natürlich schlecht weg in dieser Oper - in dieser Inszenierung geben sie Moskau sogar seine Schönheitschirurgen. Heute wäre das freilich kein Kriegsgrund mehr.

    Wieder am 3., 7. und 13. Oktober 2018, jeweils um 18 Uhr im Staatstheater Nürnberg, weitere Termine.

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