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Cancel Culture - das meint das öffentliche Abkanzeln im Internet. Das Fehlverhalten Prominenter wird geächtet, letztlich geht es darum, Karrieren von öffentlichen Personen zu beenden. Mitunter passiert aber auch genau das Gegenteil.

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Cancel Culture: Wenn Abkanzeln Karrieren beendet – oder nicht

Cancel Culture – das meint das öffentliche Abkanzeln im Internet. Das Fehlverhalten Prominenter wird geächtet, letztlich geht es darum, Karrieren von öffentlichen Personen zu beenden. Mitunter passiert aber auch genau das Gegenteil.

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"Wenn man von über 400 Jahren Sklaverei hört, 400 Jahre lang, dann klingt das nach einer Wahl," sagt US-Rapper Kanye West vor rund eineinhalb Jahren in einem Interview. Er implizierte also, die Versklavung der Schwarzen sei selbst gewählt gewesen. Es folgte eine Welle der Empörung gegen den afro-amerikanischen Musiker, der nebenbei ein glühender Trump-Verehrer ist.

Zahlreiche Fans übten harte Kritik und "cancelten" ihn auf Twitter. Was so viel heißt wie: Sie wollten ihn nicht mehr öffentlich sehen, er sollte von der öffentlichen Bildfläche verschwinden.

Durch Cancel Culture zur Persona non grata

Cancel Culture ist ein relativ junges Internet-Phänomen und bezeichnet den Versuch, politisch-moralisches Fehlverhalten Prominenter öffentlich zu ächten. Oder wie es die Philosophin Juliane Rebentisch formulierte, geht es um Online-Bewegungen, die fordern, der entsprechenden Person ihre öffentliche Bedeutung zu entziehen, sie also öffentlich nicht mehr stattfinden zu lassen. Entstanden ist das Phänomen in den USA, wo die Formulierung "jemand wurde gecancelt" inzwischen weit verbreitet ist. Ziel der Cancel Culture ist es letztlich, soviel öffentlichen Druck aufzubauen, dass die Person generell zur persona non grata wird.

Jemanden abzukanzeln, ist ein politisches Instrument. Geht es doch darum, eine politische Einstellung, ein Fehlverhalten anzuprangern und zu ahnden. Durch das Internet gewinnt das an Schlagkraft. Cancel Culture, so definierte es die Tageszeitung "Die Welt" ist "ursprünglich ein Instrument jener, die sich als Opfer empfinden. Von Minderheiten, die strukturellen Diskriminierungen ausgesetzt sind". Der Tagesspiegel in Berlin spricht von einem "Instrument der Entmachtung, das im Kulturbetrieb enorme Schlagkraft entfalten und Vertragskündigungen und Verkaufseinbrüchen führen kann", so wie im Fall Kevin Spacey.

Mehrfach, so der Vorwurf, soll der US-Schauspieler Kevin Spacey Männer sexuell belästigt haben. Nach Bekanntwerden dieser Vorfälle ächtet ihn die Kulturindustrie. Seine Agentur ließ ihn fallen. Netflix, wo Spacey in der Serie House of Cards sechs Staffeln lang den machtbesessenen US-Politiker Francis Underwood gespielt hatte, beendet die Zusammenarbeit. Die letzte Staffel wurde ohne ihn produziert. Und aus einem bereits abgedrehten Film von Ridley Scott - "Alles Geld dieser Welt"- schnitt man Spacey kurzerhand heraus.

Wo sind die Grenzen des Sagbaren?

Im Fall von Kevin Spacey ging es um ein Fehlverhalten, das juristisch aufgearbeitet wurde. Nicht immer sind allerdings die Verfehlungen, die zum Abkanzeln führen, rechtlich relevant. Immer wieder geht es um politische Meinungen, darum, was sagbar ist, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit sind. Kritiker werfen der Cancel Culture daher vor, eine Meinungsdiktatur im Sinne einer Political Correctness installieren zu wollen.

Inzwischen ist Cancel Culture längst kein amerikanisches Phänomen mehr. Auch in Deutschland spricht man immer wieder davon. Zum Beispiel beim Streit um den AfD-nahen Maler Axel Krause in Leipzig. Krause ist ein Vertreter der "Neuen Leipziger Schule", zu der auch Neo Rauch gehört. Gleichzeitig sitzt der Maler aber auch im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. Auf seiner Facebook-Seite schrieb er von "illegaler Masseneinwanderung", die er für einen großen Fehler halte. Das war bereits 2018. Seine Galerie hatte zwischenzeitlich die Zusammenarbeit mit ihm beendet. Als er 2019 zur Leipziger Jahresausstellung eingeladen wurde, kam es zum Eklat. Nach Protesten wurde er ausgeladen, zeitweise stand die Ausstellung ganz in Frage. Nach einigem Hin und Her fand die Ausstellung ohne den umstrittenen Künstler statt. Er wurde "gecancelt".

Wenn Cancel Culture das Gegenteil bewirkt

Mitunter bewirkt das Abkanzeln jedoch genau das Gegenteil. Dass Krause bei der Ausstellung ausgeladen wurde, ließ ihn als vermeintliches Opfer dastehen. Sicher ist: Der Eklat um die Leipziger Kunstausstellung hat den Bekanntheitsgrad des Künstlers gesteigert. Und auch dem US-Rapper Kanye West hat das öffentliche Abkanzeln offensichtlich nicht geschadet.

Aufregung um seine Person gehört für ihn in gewisser Weise mit zum Geschäft. Er sei gecancelt worden, bevor es die Cancel Culture überhaupt gab, sagte er in einem Interview. Und so schaffte es sein jüngstes Album "Jesus is King" auf Anhieb an die Spitze der sogenannten Billboard 200-Charts in den USA. Es war also das meist verkaufte Album innerhalb der ersten Woche.