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Bereits 2014 hat Sasha Filipenkko einen Roman über den Kampf um Demokratie in Belarus geschrieben. Damals noch als ein Aufwachen aus dem Koma. Die junge Generation, die heute auf die Straße geht, lag nie im Koma.

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Kampf in Belarus: Sasha Filipenkos Roman "Der ehemalige Sohn"

Bereits 2014 hat Sasha Filipenko einen Roman über den Kampf um Demokratie in Belarus geschrieben. Damals noch als ein Aufwachen aus dem Koma. Die junge Generation, die heute auf die Straße geht, lag nie im Koma, sagt der Autor.

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Von
  • Jochen Rack

Franzisk, ein aufgeweckter sechzehnjähriger Junge, Celloschüler an einem staatlichen Lyzeum in Minsk, der mit seiner Großmutter zusammenlebt, steht dem politischen System seines Landes kritisch gegenüber. In der Schule wird die offizielle Lesart der belarussischen Geschichte verbreitet, nach der es im Zweiten Weltkrieg keine Kollaboration mit den deutschen Besatzern gab. Die Tatsache, dass die belarussische Sprache in der Stalinzeit unterdrückt wurde, verschweigt man, die "Untertanen des neuen Präsidenten" beherrschen die öffentliche Meinung. Ehe Sasha Filipenkos Romanheld aber wegen seiner nonkonformistischen Haltung von der Schule fliegen kann, stößt ihm bei einem 1999 in Minsk stattfindenden Musikfestival ein Unglück zu. Während einer ausbrechenden Massenpanik, die fünfzig Menschen das Leben kostet, wird er schwer verletzt und fällt ins Koma, aus dem er erst 2009 wieder aufwacht.

Aufwachen aus der politischen Apathie

Franzisks zehnjähriges Koma schildert Filipenko einerseits in realistischer Manier – Freunde, die Großmutter und ein deutsches Ehepaar, bei dem er regelmäßig seine Ferien verbrachte, besuchen ihn am Krankenbett und reden mit dem Bewusstlosen in der Hoffnung, dass er wieder aufwacht. Andererseits versteht Filipenko Franzisks Koma als Allegorie der gesellschaftlichen Verhältnisse in Weißrussland unter dem Diktator Lukaschenko: Minsk, heißt es einmal, war "schon vor Zisk ins Koma gesunken", und der Plot des Romans besteht darin, dass der bewusstlose Held aus der politischen Apathie wieder aufwacht, um sich angesichts der Tatsache, dass er sich noch immer in einer Diktatur befindet, verwundert die Augen zu reiben. Noch einmal zehn Jahre mussten ins Land gehen, ehe in Weißrussland die Menschen für ihre Freiheit auf die Straße gingen – so gewann der bereits 2014 erschienene Roman eine plötzliche neue Aktualität, wie der Sasha Filipenko feststellt: "Ich glaube, wir haben im letzten Jahr gesehen, wie nicht nur Menschen auf die Straßen gegangen sind, die aus dem Koma erwacht sind, sondern auch Menschen, die nie in diesem Koma lagen: die junge Generation, Jugendliche, die zum ersten Mal gewählt haben und sich weigern, überhaupt erst in dieses Koma zu fallen. Und wir beobachten jetzt, wie der Staat alles unternimmt, um die Bevölkerung in dieses Koma zurückzutreiben. Wir sehen – ich wiederhole mich – kolossale Repressionen, Repressionen auf dem Höchststand, deren Zweck es ist, Lukaschenkos Macht zu erhalten und ihn und seine Unterstützer vor strafrechtlicher Verfolgung zu bewahren."

Flucht des Autors nach Russland und in die Schweiz

Kein Wunder, dass auch Sasha Filipenko vor der Gefahr stand, verhaftet zu werden, denn sein Roman nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Lukaschenkos Regime zu kritisieren. Manipulierte Wahlen, die Verhaftung von Systemkritikern und die Gleichschaltung der Medien im "Land des erstarkenden Schwachsinns" geißelt er in einem sarkastischen, manchmal derben, manchmal pamphletistischen Stil und schildert plastisch das groteske bis tragikomische Alltagsleben in der Diktatur. Vor deren Schergen floh Filipenko zuerst nach Sankt Petersburg, dann weiter in die Schweiz, wie er erzählt: "Ich bin aus Russland ausgereist, weil Russland jetzt aktiv Belarussen ausliefert und Belarussen auch in Sankt Petersburg und Moskau festgenommen werden. Nachdem in der Propagandapresse dazu aufgerufen wurde, mich strafrechtlich zu verfolgen und einzusperren, nachdem alle diese Verhaftungen begonnen haben, nachdem meine Theateraufführungen in Sankt Petersburg und Minsk abgesagt wurden und noch aus anderen Gründen habe ich beschlossen, auszureisen. Ich kann schwer sagen, was bei meiner Rückkehr nach Belarus passieren würde, das kann man nur ausprobieren. Aber meine Freunde, befreundete Journalisten, meine Verleger und Agenten, also alle, die mich umgeben, meinen, ich soll besser nicht zurückkehren, weil ich sonst sofort verhaftet würde."

Die Unterdrückung der belarussischen Demokratiebewegung im letzten und diesem Jahr hat in Sasha Filipenkos Roman als Vorspiel die Zerschlagung von Protesten nach der gefälschten Wahl 2009. "Sie gingen auf die Straße. Zum ersten Mal nach langen Jahren im Koma", heißt es im Buch. Auch Franzisk nimmt an einer Demonstration teil, in der als Zeichen der Opposition die weiß-rot-weiße Fahne getragen wird, aber die Demonstrationen werden zerschlagen, die Repression dauert an. Franzisk, traurig nach dem Tod seiner geliebten Großmutter und des Suizids eines guten Freundes, resigniert angesichts der hoffungslosen Zustände und kommt zu dem Urteil: "Das Land ist im Arsch."

So entscheidet sich Filipenkos unglücklicher Held in diesem Entwicklungsroman, der von einer blockierten Entwicklung erzählt, ins Ausland zu gehen. Es ist, als müsse sich die Tragik der weißrussischen Freiheitsbewegung endlos wiederholen. Die Aktualität seines Romans empfindet Sasha Filipenko als Glück und Unglück gleichermaßen: "Als Staatsbürger würde ich mir natürlich wünschen, dass mein Buch irgendwann nicht mehr aktuell ist, als Autor bin ich froh, ein paar Sachen bemerkt zu haben. Die aber nicht schwer zu bemerken sind, weil sie in Belarus Jahr für Jahr und Jahrzehnt für Jahrzehnt passieren. Also, es wiederholt sich leider sehr viel in unserem Land. Und ich hoffe, dass mein Buch viele Menschen in Belarus und außerhalb, auch in Europa, auf diese Grausamkeit aufmerksam macht, den Surrealismus, der in unserem Land passiert. Und dass wir irgendwann alle zusammen den Tag feiern werden, an dem mein Buch seine Aktualität verliert."

© Diogenes
Bildrechte: Diogenes

Buchumschlag zu Sasha Filipenkos Roman "Der ehemalige Sohn"

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