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Kampf für eine Welt ohne Prostitution | BR24

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Bis zu einer Million Prostituierte sollen in Deutschland tätig sein, sagen Organisationen wie die Menschenrechtsorganisation Solwodi. Diese will die Prostitution abschaffen und findet: Die Gesetze in Deutschland sind zu lasch.

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Kampf für eine Welt ohne Prostitution

Bis zu einer Million Prostituierte sollen in Deutschland tätig sein, sagen Organisationen wie die Menschenrechtsorganisation Solwodi. Diese will die Prostitution abschaffen und findet: Die Gesetze in Deutschland sind zu lasch.

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Wochensitzung bei Solwodi: Ein heller Raum, durch dessen Fenster die Augsburger Innenstadt zu sehen ist. Draußen spazieren Menschen mit Einkaufstaschen. Leben, die geregelt erscheinen. Drinnen herrscht ein anderes Klima. Solwodi steht Frauen bei, die Opfer von Prostitution und Menschenhandel geworden sind. Rund 250 Frauen haben die Beraterinnen im vergangenen Jahr getroffen. Wie viele Prostituierte in Augsburg tätig sind, ist nicht erfasst.

Rodica Knab von Solwodi trifft die Frauen im Büro, sie sucht sie aber auch in den Bordellen auf. In der Regel, sagt sie, seien es junge Osteuropäerinnen. "Die Frauen sind in einem schlechten Zustand, sowohl psychisch, als auch physisch." Die meisten würden Tag und Nacht in den Bordellen bleiben. "Sie rauchen, haben die Jalousien zu, sehen das Tageslicht nicht. Sie leben in einer Parallelgesellschaft."

"Loverboys" werben Mädchen an

Angeworben werden sie von sogenannten "Loverboys", die den Mädchen die große Liebe vortäuschen und sie später zur Prostitution überreden. Rodica Knab erzählt von 20-jährigen Mädchen, die sich wie 50 fühlen. Oft würden die Eltern wissen, dass sich die Tochter in Deutschland prostituiert, würden das aber wegen ihrer finanziellen Not hinnehmen.

Da von "Freiwilligkeit" zu sprechen, sei zynisch, sagt Linda Greiter, Leiterin der Solwodi-Beratungsstelle. "Die meisten jungen Frauen aus Rumänien haben wenig oder gar keine Schulbildung, wachsen oft in zerrütteten Verhältnissen auf und haben nie die Möglichkeit gesehen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen." Viele dieser Frauen hätten keine Perspektive, so Greiter, und würden für sich keine andere Möglichkeit sehen als das Bordell.

Prostituiertenschutzgesetz in der Kritik

Seit zwei Jahren gibt es ein Prostituiertenschutzgesetz. Kritiker bemängeln, dass es die Prostitution in Deutschland nicht einschränke. Außerdem schaffe die amtliche Erfassung von Prostituierten und Bordellbetreibern den Eindruck, Prostitution sei ein Beruf wie jeder andere. Zu befürchten sei auch, dass die laxe deutsche Gesetzgebung zu einer Sogwirkung für Freier und Prostituierte aus angrenzenden Ländern führe.

Die Stadt Augsburg nehme die Situation der Prostituierten ernst und setze entschieden auf Prävention, so Ordnungsreferent Dirk Wurm. "Wir bieten eine aktive Beratung an, wir fahren aber auch die Prostitutionsstätten an." Außerdem gäbe es eine "sichere Wohnung" in Augsburg, "in der ausstiegswillige Frauen für einen Übergangszeitraum unterkommen können. Wir beraten sie dann weiter, um sie in den Arbeitsmarkt zu bringen und in ein selbstbestimmtes Leben."

Einfach ist der Ausstieg nicht. Auch deshalb setzen sich Hilfsorganisationen wie Solwodi für eine Welt ohne Prostitution ein und fordern auch für Deutschland das nordische Modell, also die Kriminalisierung der Freier. "Ich denke, dass die Gesetzesänderung 2017 gut gemeint war", sagt Solwodi-Leiterin Linda Greiter, "auf der anderen Seite denke ich, dass es in unserem kapitalistischen System immer Personengruppen geben wird, die weniger Rechte haben - ich denke, das ist in dem Fall gegeben."