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Warum "Vernon Subutex" auf der Bühne nicht funktioniert | BR24

© Bayern 2

In der Roman-Trilogie "Das Leben des Vernon Subutex" zeichnet Virginie Despentes ein Sittengemälde einer zerbrechenden Gesellschaft. Stefan Pucher hat den Stoff nun für die Münchner Kammerspiele inszeniert – leider allzu glatt und stylisch.

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Warum "Vernon Subutex" auf der Bühne nicht funktioniert

In der Roman-Trilogie "Das Leben des Vernon Subutex" zeichnet Virginie Despentes ein Sittengemälde einer zerbrechenden Gesellschaft. Stefan Pucher hat den Stoff nun für die Münchner Kammerspiele inszeniert – leider allzu glatt und stylisch.

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Der Weg von Vernon Subutex führt abwärts in die Obdachlosigkeit. Erst geht sein Plattenladen pleite, dann verliert Subutex seine Wohnung, quartierte sich eine Weile bei verschiedenen Freunden ein, bis er schließlich auf der Straße landet. Was Subutex mit seinen zeitweiligen Gastgebern verbindet, ist die Musik, die sie früher gemeinsam gehört haben. Pop und Rock als Ausdruck eines kollektiven Lebensgefühls in einer Zeit, da Neoliberalismus und Digitalisierung die Welt noch nicht im Klammergriff hatten. Regisseur Stefan Pucher ist wie das Gros der Romanfiguren um die Fünfzig. Und er steht im Ruf, ein Pop-Regisseur zu sein. Beste Voraussetzungen also eigentlich.

Der Titelheld wird von einer Frau dargestellt

Eine von Puchers interessantesten Erscheinungen: er hat den DJ-Titelhelden Vernon Subutex mit einer Frau besetzt: mit der Jazzsängerin Jelena Kuljić, die statt dem Tonarm das Mikrophon in der Hand hält. Von der Fülle der Romanfiguren um Subutex herum hat Pucher einige gestrichen, immerhin ein gutes Dutzend aber ist geblieben in seiner Bühnenfassung. Virginie Despentes komponiert in ihre Trilogie aus diesen Einzelportraits das Sittengemälde einer Gesellschaft, die zu einer Hälfte aus einer ins Mittelmaß abgestürzten Bourgeoisie besteht, die mitunter an den rechten Rand schielt, zur anderen aus kiffenden und koksenden Boheme-Gestalten, die in prekären Verhältnissen leben.

Die Figuren bleiben holzschnittartig

Eine vereinsamte Single-Frau oder ein verkrachter Drehbuchautor, ein prügelnder Prolet, eine Pornoqueen und einige mehr. Pucher stellt sie alle erstmal vor – in kurzen Videoclips, die auf einen Rundhorizont über der Bühne projiziert werden, und in kurzen Monologen, die er aus langen Buchkapiteln destilliert hat. Das geht natürlich nicht ohne Verluste ab. Wo Despentes über jeweils 20 Buchseiten und mehr so präzise Einblicke in die Gedankenwelt ihrer Charaktere gibt, dass beim Lesen selbst befremdliche Anschauungen zumindest im Ansatz nachvollziehbar werden, kann Puchers Inszenierung nur Schlaglichter werfen. So bleiben die Figuren holzschnittartig, von tollen Schauspielern wie Wiebke Puls, Maja Beckmann, Thomas Hauser, Annette Paulmann, Gro Swantje Kohlhof oder Samouil Stoyanov zwar gekonnt hin skizziert, aber letztlich doch nah an der Karikatur. Die typisierenden Kostüme von Tina Kloempken – Schnösel in Glitzer, Lesben in Leder, Freaks ins Flokati und so weiter – verstärken den Eindruck.

© Arno Declair

Das Kaputte in Virginie Despentes' Roman gerät auf der Bühne glatt und stylisch

Bei Virginie Despentes gleicht die Welt einer lädierten Vinylscheibe: Sie ist ziemlich hinüber; und die Erzählung springt zwischen den Figuren wie eine Plattennadel in den zerkratzen Rillen einer alten LP. Auch die Bühne von Barbara Ehnes scheint diesen Gedanken aufzunehmen. Eigentlich ist da eine Art Amphitheater-Rund zu sehen. Doch dessen schwarz glänzende Oberfläche wirkt so, als hätte sich geschmolzenes Vinyl über die Stufen ergossen. Nur: kaputt wirkt das alles nicht. Dafür ist die Inszenierung viel zu stylish. Immerhin, im zweiten Teil nach der Pause, nachdem das Personal weitgehend eingeführt ist, kommt Pucher endlich dazu, ein paar Themen der Buchvorlage zu vertiefen. Um die Islamophobie zum Beispiel geht es, von der es nur ein kleiner Schritt zu jedweder Art von Minderheiten-Bashing ist. Bei Virginie Despentes taucht Vernon Subutex kurzzeitig ab in der Obdachlosigkeit, wir dann aber von seinen Freunden wieder entdeckt und für sie zu einem Straßen-Guru und DJ-Schamanen.

Puchers Inszenierung hat mit der rauen Roman-Vorlage wenig zu tun

Die Freunde von Subutex stecken nun wie Hippie-Kommunarden in papageienbunten Klamotten. Und doch scheint Pucher dieser lichten Utopie zu Misstrauen, denn Jelena Kuljic als Subutex singt Düsteres von Leonard Cohen und anderes dunkles Zeugs, als würde eine schwarze Messe gefeiert. Das ist mitunter betörend schön, aber letztlich so glatt wie auch die DJ-Sessions, die Pucher inszeniert, und die eher wie Technopartys wirken, auf denen die Schickeria Designerdrogen konsumiert, denn wie Raves rauschgiftsüchtiger Randexistenzen. Und das ist ziemlich fernab vom Bild der rauen Wirklichkeit, das Virginie Despentes Romantrilogie entwirft.

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