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Die Münchner Kammerspiele erinnern an verfolgte Mitglieder | BR24

© Bild: Judith Buss/ Video: BR

In der NS-Zeit wurden Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele verfolgt und ermordet. Sie waren fast vergessen, nun macht das Theater auf ihr Schicksal aufmerksam: mit Erinnerungszeichen.

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Die Münchner Kammerspiele erinnern an verfolgte Mitglieder

In der NS-Zeit wurden Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele verfolgt und ermordet. Sie waren fast vergessen, nun macht das Theater auf ihr Schicksal aufmerksam: mit Erinnerungszeichen, die Theaterbesucher und Passanten innehalten lassen sollen.

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Erinnern ist niemals abgeschlossen. Die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte ist ein Grundpfeiler der demokratischen Gesellschaft. Doch was bedeutet es heute, sich an das Vergangene zu erinnern? Was ist, wenn das Vergangene schon lange vergessen scheint? Die Münchner Kammerspiele wollen nun endlich die vielen unerzählten Geschichten ihrer vergessenen Mitarbeiter*innen aufzeigen. In langen erinnerungslosen Jahrzehnten wurden diese Schicksale verschwiegen. Zwar wurde über die NS-Zeit und das Theater gesprochen, jedoch nie über die Künstler und ihre Schicksale. Vor zwei Jahren gab Intendant Matthias Lilienthal den Anstoß, diesen Geschichten nun endlich nachzugehen.

Projekt SCHICKSALE

Als 2008 der Stolperstein für den langjährigen Direktor der Kammerspiele, Benno Bing, in Schwabing gelegt wurde, entstand das Projekt SCHICKSALE aus der Begegnung von Janne und Klaus Weinzierl mit dem Dramaturgen Martin Valdés-Stauber. Die Recherche des Ehepaars Weinzierl führte zu zahlreichen Lesungen über die Schicksale der entrechteten, verfolgten und ermordeten Künstler. Es ist der Versuch eines Theaters, die eigene Geschichte, die Vergangenheit und die eigene Verantwortung in der Gegenwart zu reflektieren. Nun bat Lilienthal im Namen des Theaters öffentlich um Verzeihung: "Ich entschuldige mich sehr bei dem Stadtarchiv und bei Ihnen, dass die Kammerspiele bis zum Jahr 2020 brauchten, um diesen Schritt zu gehen, und jetzt werden wir an diesem Schritt, an dem Vorgang, dranbleiben." Das sei ihm besonders wichtig, so Lilienthal.

Ende Juni brachten die Bürgermeisterin Katrin Habenschaden (Grüne), Sibylle von Tiedemann (Gedenkinitiative für die "Euthanasie"-Opfer) und Matthias Lilienthal, sowie Vertreter des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel die Erinnerungszeichen am Theater an. Bei der Veranstaltung im kleinen Rahmen war auch Charlotte Knobloch anwesend, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Katrin Habenschaden lobte das Theater für seine Erforschung der eigenen NS-Vergangenheit und bedankte sich bei Lilienthal und dem Ehepaar Weinzierl. Das Projekt SCHICKSALE zeigt, dass in der tradierten Erzählung der Kammerspiele zweifelhafte Bewertungen, mutwillige Ausblendungen und Leerstellen unerwähnter Schicksale viel zu lange im Dunklen blieben.

© Judith Buss

Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, bei der Veranstaltung zu den Erinnerungszeichen

Vergessene Geschichten der Verfolgung

An fünf dieser Schicksale wird nun erinnert. An Benno Bing, der gemeinsam mit Otto Falckenberg die Münchner Kammerspiele leitete und 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurde. An Edgar Weil, den Dramaturgen, der 1933 aus München floh und dann nach langer Zeit im Untergrund im KZ Mauthausen ums Leben kam. An das Ensemblemitglied Julius Peter Seger, der trotz des Beschäftigungsverbots für Juden an den Kammerspielen blieb und im Mai 1933 zum letzten Mal auftrat, 1944 wurde auch er in Auschwitz umgebracht. An Hans Tintner, der 1919 an das Theater kam, als Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Produktionsleiter arbeitete, und 1930 mit seiner Filmversion des Bühnenstücks "Cyankali §218" berühmt wurde. Das Stück wurde damals nach reaktionären Protesten abgesetzt und sein Film 1933 verboten. Auch er starb 1942 in Auschwitz. Und schließlich an die Schauspielerin Emmy Rowohlt, die keine Jüdin war, laut gegen Hitler aufstand und daraufhin in das sogenannte "Hungerhaus" in Eglfing-Haar eingeliefert wurde – wo man sie, als eine der 2.000 Münchner Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde, gezielt verhungern ließ.

Der Wert der Erinnerungskultur

Kaum jemand kennt ihre Namen heute noch, und doch haben sie die Geschichte der Kammerspiele mitgeprägt. Sie waren geachtete Bürgerinnen und Bürger der Stadt München und leidenschaftlich engagierte Künstler – bis die Nationalsozialisten sie 1933 zu diffamieren begannen, sie ihrer Heimat beraubten, und schließlich ermordeten. Die Recherche enthüllte nicht nur die Schicksale jener fünf ehemaligen Mitarbeiter*innen, sondern insgesamt 150 Geschichten von Menschen, die am Theater wirkten. Die Erinnerungszeichen stehen jedoch nicht nur für sie, sondern auch für all die anderen Künstler*innen, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben, ermordet, oder in den Suizid getrieben wurden.

Der Koordinator des Projekts, Martin Valdés-Stauber, plädiert dafür, die Erinnerungszeichen auch als Arbeit an der heutigen offenen Gesellschaft zu verstehen. Er erzählt, wie die Schauspieler aus der Münchner Stadtgesellschaft herausgebrochen wurden, und wie das Ensemble von heute auf morgen nicht mehr miteinander auf der Bühne stehen konnte. Nun kann man diesen vergessenen Schicksalen an der Wand der Kammerspiele auf Augenhöhe begegnen. Wie die Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt Lehel, Andrea Stadler-Bachmaier, betont: "Die Erinnerungstafeln bringen den einen oder anderen Vorbeigehenden, den einen oder anderen Theaterbesucher dazu, stehen zu bleiben, inne zu halten, zu hinterfragen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, die sich hier ereignet hat. Und wir können über das Gedenken hinaus unsere Kinder für Ablehnung von Rassismus, Antisemitismus und Diffamierung von Minderheiten sensibilisieren."

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