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"Kamala Harris ist absolut parkettsicher, die kriegt das hin." | BR24

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Die US-Schriftstellerin Nell Zink lebt in Europa. Die Inauguration von Joe Biden verfolgt sie aus der Ferne. 2016 hat sie die Wahl von Donald Trump in ihren Roman "Das Hohe Lied" einfließen lassen. Viel erhofft sie sich von der neuen Vizepräsidentin.

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"Kamala Harris ist absolut parkettsicher, die kriegt das hin."

Die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink hat die Wahl von Donald Trump 2016 in ihren Roman "Das Hohe Lied" einfließen lassen. Die Inauguration von Joe Biden verfolgt sie aus der Ferne. Sie setzt vor allem auf die neue Vizepräsidentin.

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Von
  • Knut Cordsen

Lady Gaga wird heute in Washington auf der Bühne stehen, wenn Joe Biden zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten vereidigt wird. Ein Ereignis, auf das die Welt schaut, gerade nach der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar durch einen Mob, zu welcher der heute aus dem Amt scheidende Präsident Donald Trump selbst aufgerufen hatte. Die Wahl des Republikaners Trump 2016 hat die amerikanische Schriftstellerin Nell Zink in ihren jüngsten Roman "Das Hohe Lied" einfließen lassen – die Inaugurationsfeier des neuen Präsidenten Joe Biden wird sie aus der Ferne am Fernseher verfolgen. Knut Cordsen hat mit der Schriftstellerin Nell Zink über ihre Erwartungen für die kommenden Wochen und Monate gesprochen.

Knut Cordsen: Frau Zink, in Ihrem jüngsten Amerika-Roman geht es viel um Musik, um Punkrock und eine fiktive Band namens "Marmalade Sky". Man konnte gerade lesen, dass unter den Erstürmern des Kapitols auch der Musiker einer bekannten Heavy-Metal-Band war, Jon Schaffer, der Gitarrist von "Iced Earth". Hat Sie das überrascht?

Nell Zink: Nicht wirklich. Also es ist bekannt, dass es in der Black-Metal-Szene rechtsextreme Elemente gibt.

Ich erinnere mich an eine Formulierung aus Ihrem jüngsten Roman: Von "surrealen Warnungen vor dem Tag des Zorns" ist in "Das Hohe Lied" die Rede gewesen – war die Erstürmung des Kapitols ein solcher Tag des Zorns?

Nun, das hätten die vielleicht gerne gehabt. Ich meine die Leute von der Boogaloo-Bewegung und so, aber das, worauf die Figur im Roman Bezug nimmt, ist wirklich so etwas wie die Apokalypse, und das haben sie immerhin nicht erreicht.

In Ihrem Roman "Das Hohe Lied" bildet der 11. September 2001 eine Zäsur, eine solche Zäsur war 9/11 ohne Zweifel für Amerika. Als ich am 6. Januar 2021 abends die Live-Bilder von der Erstürmung des Kapitols sah, habe ich gedacht: Diese Bilder der marodierenden Horden im Kapitol schreiben sich vermutlich ähnlich stark ins amerikanische Gedächtnis ein wie der 11. September. Ist das zu hoch gegriffen, dieser Vergleich?

Nicht ganz, weil, das war echt historisch, auf jeden Fall! Als ich es mir angesehen habe, hatte ich schon Herzrasen. Aber der Vergleich hinkt wegen der vielen Toten bei 9/11, weil es diesmal nicht gelungen ist, einen Massenmord anzurichten.

Zum Glück. Die Inaugurationsfeier wird von 25.000 Nationalgardisten geschützt. Hunderte haben im Kapitol übernachtet zuletzt. Washington muss einer Festung gleichen. Das FBI überprüft alle Soldaten, die diesen festlichen Akt der Amtseinführung bewachen sollen, daraufhin, ob sie zuverlässig sind, ob sie nicht getarnt als Nationalgardisten diese Feier stören oder torpedieren wollen. Die Angst scheint zu überall zu herrschen in den USA. Als Donald Trump vor vier Jahren antrat, war das auch ein unheimliches Zeremoniell, das einen schon ahnen ließ, welche finsteren Jahre dem folgen würden. Was wird das Ihrer Meinung nach heute für eine Feier für Joe Biden werden?

Ich denke, man wird dort, wo es stattfindet, nicht viel sehen, wegen der vielen Nationalgardisten und so wenig Publikum. Aber was in den Hinterhöfen der Hauptstadt los sein wird oder auf den Straßen, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Dass da viele Leute einfach rumspringen, Musik laufen lassen und sich freuen wie Honigkuchenpferde. Weil für viele Trump einfach ein Albtraum war – also vor allem für städtische Amerikaner, und Washington nannte sich früher Chocolate City. Es hat fast eine schwarze Mehrheit. Trump hat sich nicht für sie interessiert, er war konkret gegen ihre Existenz. Und das ist einfach ein Befreiungsschlag, dass er abgewählt wurde.

© copyright Horst Galuschka
Bildrechte: copyright Horst Galuschka

Die Schriftstellerin Nell Zink

In Ihrem Roman geht’s ja auch darum, dass eine Figur, Flora Svoboda, sich als digital native sehr in ihre eigene Filterblase zurückzieht – und so auch ihren Teil zum Auseinanderdriften der Gesellschaft beiträgt. Wird Joe Biden da als der große Einer der Nation, als Zusammenführer gegen diese Blasenbildung und Spaltung ankommen?

Also, ich finde, man sollte die ideologischen Konflikte in den USA nicht überschätzen, weil – da gibt es eigentlich keine. Man hat immer wieder erforscht und ermittelt, dass nur ungefähr 20 bis 30 Prozent der Amerikaner überhaupt gefestigte politische Meinungen haben. Also, was eigentlich auseinanderdriftet, sind die Einkommen, das heißt, es gibt konkret mehr Menschen, die über 100.000 Dollar verdienen im Jahr als Menschen, die 75.000 verdienen. Also es gibt eine Polarisierung in den Lifestyles. Aber die Leute wieder zusammenzuführen, wird gar nicht so schwer sein.

Also eher ein Klassenkonflikt als ein ideologischer Konflikt?

Ja, das sehe ich schon so. Natürlich gibt es da einen harten Kern auf beiden Seiten, der sich natürlich sehr lautstark immer wieder zu Wort meldet. Aber der Durchschnittsmensch ist nicht interessiert an Politik. Das ist wirklich so offen.

Zuletzt noch die Frage: Welche Rolle wird Kamala Harris, die ja weitaus jünger ist als der 78-jährige Biden, Ihrer Ansicht nach in den nächsten Jahren spielen?

Ja hoffentlich wird sie Präsidentin! (lacht) Also, ich denke, sie ist absolut parkettsicher, salonfähig, die kriegt es hin. Also wenn nichts groß schiefgeht! Sie ist zwar mein Jahrgang. Aber für die junge Generation der Millenials ist Kamala Harris einfach eine der ihren. Und das ist politisch eine sehr umfangreiche, schlagkräftige Generation.

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