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Kafkaesk: Hat Putin ein geheimes Luxusschloss am Schwarzen Meer? | BR24

© Audio: BR / Bild: dpa-Bildfunk/Uncredited

Homestory auf Russisch: Putins irres Luxusschloss

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Kafkaesk: Hat Putin ein geheimes Luxusschloss am Schwarzen Meer?

Das Team des Kreml-Kritikers Aleksej Nawalny hat ein brisantes Video veröffentlicht: Es zeigt das angebliche Luxusschloss des russischen Präsidenten Vladimir Putin. Das Gebäude und seine Hintergründe scheinen einem Roman von Franz Kafka entstiegen.

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Von
  • Christine Hamel

Der Palazzo Putin thront auf einer Anhöhe über dem Schwarzen Meer in der Nähe des 50.000-Einwohner-Städtchens Gelendschik. Ein Ort, an dem es sich ein bisschen so verhält wie in Kafkas Roman "Das Schloss". Dort heißt es: "Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutet das große Schloss an."

Auch vom Schloss am Kap Idokopas dringt kein Lichtschein durch den dichten Wald, der es umgibt. Vor den Baumaßnahmen war hier einmal ein Naturschutzgebiet. Selbst vom Meer aus bleibt die feudale Immobilie fast unsichtbar, denn es gilt ein Zwei-Kilometer-Bann, Schiffe und Boote müssen einen großen Bogen um das Anwesen machen. Überwacht wird die Schutzzone vom Geheimdienst FSB. Eine rigorose Sicherheitslogistik, die auch Kafka in seinem Roman beschreibt: "Dieses Dorf ist Besitz des Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet gewissermaßen im Schloss. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. Sie aber haben eine solche Erlaubnis nicht oder haben sie wenigstens nicht vorgezeigt. K. blickte die Leute von unten her an und sagte: "In welches Dorf habe ich mich verirrt? Ist denn hier ein Schloss?" "Allerdings", sagte der junge Mann langsam, während hier und dort einer den Kopf über K. schüttelte. "Das Schloss des Herrn Grafen Westwest."

Ein neues Genre: Das Schloss als Einsiedelei

Auch das einsiedelnde Schloss des Grafen Ostost ist eine geheimnisumwitterte Residenz. Dabei sind Schlösser, die sich verstecken, eher eine Seltenheit, gehört es doch eigentlich zu ihrer theatralischen Hauptaufgabe, Macht zu repräsentieren - sichtbar und Ehrerbietung-heischend für alle. Schlösser sind ein Ort pompöser Empfänge, Protokolle und Zeremonien. Anders bei Putin: Seine Alleinherrschaft spiegelt sich in verschwenderischer, aber strenger Einsiedelei. Nach Landessitte bedeutet Größe Schönheit, und so ist das ganze Schlossareal denn auch 39 Mal so groß wie das Fürstentum Monaco. Allein das Hauptgebäude erstreckt sich über 17691 Quadratmeter. Bei Kafka heißt es: "Hätte man nicht gewusst, dass es ein Schloss ist, hätte man es für ein Städtchen halten können. Nur einen Turm sah K., ob er zu einem Wohngebäude oder einer Kirche gehörte war nicht zu erkennen. (…) Es war wie wenn irgendein trübseliger Hausbewohner das Dach durchgebrochen und sich erhoben hätte, um sich der Welt zu zeigen. 'Ob mir das Schloss gefällt? Warum nehmt ihr an, dass es mir nicht gefällt?' sagte K. zu dem Lehrer im Dorf. 'Keinem Fremden gefällt es', sagte der Lehrer."

Sanssouci am Schwarzen Meer

Nicht anders ergeht es dem feudalen Schloss des Grafen Ostost. Böse Zungen behaupten, Putin habe es gebaut, um seine proletarische Herkunft zu kompensieren. Andere wollen in dem Anwesen einen Gangstertraum oder das Eigenheim eines Drogenbosses entdecken. Dabei handelt es sich explizit um ein mit floralen Teppichen, Marmor- oder Intarsienböden ausgestattetes Kunst- und Kulturschloss: Es gibt ein rotsamtenes Theater mit Logen, in denen ausladende Sofas im Stil des neurussischen Barock auf kleinen goldenen Füßchen stehen, ein Musikzimmer – Putin spielt bekanntlich etwas Klavier – ein Kino und einen Lesesaal ohne Bücher, dafür aber mit vielen Sofas und Sesseln, aus deren goldenen Buchten und Schnörkeln man so manchen Herrschertraum und Eifer ablesen kann. Scharfe Abwechslung bei viel Kultur bieten eine gediegene Wasserpfeifenbar mit Poledance-Stange, eine Aquadisco oder die schlosseigene Spielhölle. Ein Sanssouci am Schwarzen Meer.

Zum Lüften braucht es 200 Diener

Der fast zweistündige Film von Aleksej Nawalny deckt den Reichtum des russischen Präsidenten auf und bricht damit mit einem absoluten Tabu. Bei Kafka heißt es: "Vom Schlosse her kamen zwei junge Männer von mittlerer Größe. 'Was habt ihr?' rief der Vollbärtige. Man konnte sich nur rufend mit ihnen verständigen, so schnell gingen sie und hielten nicht ein. 'Geschäfte', riefen sie lachend zurück." Auch die Geschäfte des Hausherren müssen gut laufen – das Schloss wird auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt. Allein zum Lüften braucht man hier 200 Kammerdiener. Kafkas Roman "Das Schloss" blieb am Ende unvollendet, er reißt plötzlich ab. Ein Schicksal, das auch für das Schwarzmeerschloss denkbar ist, jetzt, wo alle Einsiedelei dahin ist und 39 Millionen Menschen auf Youtube gewissermaßen durchs Schlüsselloch geguckt und Putins feistes Himmelbett gesehen haben.

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