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Käse und Goldlamé: Pollesch und Hinrichs im Friedrichstadtpalast | BR24

© William Minke/Friedrichstadtpalast

Fabian Hinrichs unter Tänzern

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    Käse und Goldlamé: Pollesch und Hinrichs im Friedrichstadtpalast

    Normalerweise werfen in Berlins größtem Show-Palast die Tänzerinnen ihre Beine und die Tänzer zeigen Muckis. Jetzt versammelten Rene Pollesch und Fabian Hinrichs ihre Gläubigen zu einem Heimatabend der Kapitalismuskritik. Das war wenig überzeugend.

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    Ist das Kult oder kann das allmählich weg? Rene Pollesch zieht mit seinen bunten Abenden für Globalisierungsverweigerer, Konsum-Verächter und Entfremdungs-Groupies seit vielen Jahren durch die Stadttheater, von Freiburg über Zürich und Dresden bis nach Stuttgart. Natürlich hat er auch schon an den Münchner Kammerspielen solche Heimatabende serviert, etwa 2005 "Schändet eure neoliberalen Biographien!" oder 2012 "Eure ganz großen Themen sind weg". Immer geht es um die schnöde Welt, die sich an den Markt verkauft hat, ihre Ideale verrät und ihre Utopien im Gequassel ersäuft. Wer Giorgio Agamben und andere Apostel der zeitgenössischen Systemkritik liest und schätzt, gerät dabei regelmäßig ins Schwärmen, wenn auch nicht unbedingt ins Schunkeln.

    Armes, kaltes Berlin!

    Obwohl: Im Friedrichstadt-Palast war das linke Hauptstadt-Publikum nah dran. Die Begeisterung war groß, zumal mit Fabian Hinrichs, fernsehbekannt als fränkischer Tatort-Kommissar, wieder Polleschs langjährige Muse auf der Bühne stand. Einmal mehr durfte er ein körpernahes Glitzer-Outfit spazieren führen, diesmal in Goldlamé, und, wie es im Text hieß, "irgendeinen Käse im Friedrichstadt-Palast reden". Im "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" geht es - worum sonst? - um die große Einsamkeit in der total konsumorientierten Gesellschaft, wo das gemeinsame Einkaufen zum letzten Ritual wird, bei dem sich die Menschen annähern, wenn auch nur bis zur Kasse. Dort steckt "F.", der monologisierende Hauptdarsteller, den Leuten dann allerdings heimlich seine Telefonnummer zu und wundert sich, dass tatsächlich alle zurückrufen. Armes, kaltes Berlin! Seine Straßen leer, ein Zuhause gibt es demnach hier nicht, wenn der Supermarkt mal außen vor bleibt.

    © William Minke/Friedrichstadtpalast

    Rene Polleschs neueste Revue

    In diesem Fall war allerdings nicht so spannend, welchen Text Rene Pollesch mitgebracht hatte, sondern wie sehr er sich auf den ungewöhnlichen Schauplatz, den riesigen Friedrichstadt-Palast mit seinen 1895 Plätzen, einlassen würde. Übrigens gab es diesmal nur "gute" Sitzgelegenheiten, die billigeren Bereiche weiter oben waren nicht verkauft worden. Hinrichs sprach weitgehend ohne Mikrofon und musste schon so an seine stimmlichen Grenzen gehen - der Bühnenraum ist sage und schreibe 37 Meter "tief". Begleitet wurde er von einigen Revue-Tänzern, die sich etwa zu Ravels "Bolero" bewegten und gewohnt elegant eine "Girl-Reihe" präsentierten - mit Hinrichs in der Mitte. Alle Achtung, den Rhythmus hat er drauf! Die Lichtregie durfte zeigen, was sie konnte, eine Show-Brücke wurde rein gefahren und verbreitete melancholische Tristesse, und am Ende schwebte Hinrichs tatsächlich eindrucksvoll vor dem nächtlichen Sternenhimmel. Aber brachte das irgendeinen Erkenntnisgewinn? Eher nicht.

    Klingeln statt umbringen

    Es ehrt den Friedrichstadt-Palast, wo ja ansonsten Las Vegas der Maßstab ist, dass er dieses Experiment wagte. Ob es allerdings über die Volksbühnen-Fans von einst und die zahlreiche Kulturschickeria der Hauptstadt hinaus viele interessiert, sei dahingestellt. So gesehen war das Aufregendste an diesem seltsamen Abend, dass Leute ins Gebäude fanden, die sich ansonsten nie und nimmer hier blicken lassen würden, nämlich intellektuelle Spree-Athener, darunter nicht wenige Groß-Schauspieler, -Regisseure und -Intendanten. In gewisser Weise ist Pollesch damit endlich dort angekommen, wo die grelle Optik seiner Abende schon immer hinzielte: Bei der Folklore. Folgerichtig war auch hier wieder vom Zirkus die Rede und vom Pferd, das nicht in den Abgrund springt, sondern lieber Kunststücke macht. Die große Frage der Philosophie, so der Meister, sei nämlich, warum sich der Mensch nicht umbringe, sondern lieber bei jemandem "klingelt".

    © William Minke/Friedrichstadtpalast

    Das darf nicht wahr sein!

    Gelacht wurde erstaunlich selten, aber immerhin. So sei die DDR zugrunde gegangen, weil sich Helmut Kohl auf Erich Honecker gesetzt habe - Hinrichs zeigte auch den Sitzplatz, auf dem das geschah. Von Daniel Küblböck war die Rede, der mutmaßlich von einem Kreuzfahrtschiff in den Tod sprang und bei Dieter Bohlen zuhause "todtraurig" geworden sei, wie wohl jeder andere auch. Und das hochauflösende Fernsehen bekam sein Fett weg, in dem nur noch "Emilia Schüle", bekannt aus der Fernsehserie "Charité", faltenfrei aussehe, alte Leute dagegen nicht mehr halb so "gemütlich" wie früher.

    Dem immer rebellischen Gefängnis-Poeten und Männerliebhaber Jean Genet wurde gehuldigt, einem stadtbekannten Berliner Sex- und Fetischclub die Reverenz erwiesen, der Versandhandel gegeißelt, und der Lufthansa-Chef für den Niedergang der Utopien verantwortlich gemacht, weil er allen Ernstes öffentlich gegen Kurzstreckenflüge Stellung genommen habe und damit gleichsam jeden Widerstand lähme. Fürwahr eine bunte Mischung, zu der die Laserstrahlen passten, die über die Zuschauerreihen fegten. Wer wollte, durfte sich fühlen wie "Franz Kafka auf Crack", so ein Song, den Hinrichs an der Gitarre zum Besten gab.

    In kaum einer westlichen Hauptstadt wird ja so wenig Geld verdient wie in Berlin, aber dafür, dass sie dort so viel Zeit zum Philosophieren haben, haben sie ein echt schlechtes Gewissen!

    Wieder am 23. Oktober (ausverkauft), sowie 6. und 27. November im Friedrichstadtpalast Berlin, weitere Termine.

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