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Kämpferisch und klug: André Heller über sein Album und das Klima | BR24

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Ja, André Heller hat ein neues Album – nach 34 Jahren Pause. Aber eigentlich will der 72-Jährige im Interview gar nicht so viel über seine Chansons reden. Denn es gibt wichtigere Dinge: Greta Thunberg und sofortiges Klima-Engagement.

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Kämpferisch und klug: André Heller über sein Album und das Klima

Ja, André Heller hat ein neues Album – nach 34 Jahren Pause. Aber eigentlich will der 72-Jährige im Interview gar nicht so viel über seine Chansons reden. Denn es gibt wichtigere Dinge: Greta Thunberg und sofortiges Klima-Engagement.

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André Heller war bis in die 80er-Jahre vor allem ein bekannter deutschsprachiger Chansonnier. Dann aber legte er die Musik zur Seite und verlegte sich aufs Wünschewahrmachen. Mit Feuerwerk, Wunderkammern, dem Zirkus Roncalli, mit Gärten und dem Kulturprogramm der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zum Beispiel. Jetzt gibt es ein neues Album mit Liedern von André Heller – das erste seit 34 Jahren. Es heißt "Spätes Leuchten".

Judith Heitkamp: Stimmt es, dass Sie Ihrem Sohn auf diese Weise zeigen wollten, dass Sie eigentlich Musiker sind, weil der so jung ist, dass er es eben noch nie selbst mitbekommen hat?

André Heller: Das ist schon lange her, der war elf Jahre alt, als er darauf gekommen ist, dass ich mal ein Star war und Goldene Schallplatten bekommen habe und Plattenproduzent war und Label-Besitzer. Das war einfach kein Thema zwischen uns gewesen, interessierte mich nicht, hat ihn auch nicht interessiert, bis zu seinem elften Lebensjahr… aber jetzt ist das neue Album auf seinem Label erschienen.

Denn ihr Sohn ist auch Musiker und Produzent geworden … wie kam es, dass Sie wieder auf die Musik kamen? 34 Jahre Pause sind ja eine ganz schön lange Zeit.

Weil einfach so viele Themen in mir waren, die ich vor 34, 35 Jahren nie hätte ausloten können, weil ich nichts darüber wusste. Ich habe wenig über den Tod gewusst. Ich habe wenig gewusst über Dankbarkeit. Ich habe wenig gewusst darüber, dass man mit dem Ego runtergehen muss. Ich wusste gar nichts über bedingungslose Liebe. Ich habe so viele Abenteuer erlebt in den letzten Jahrzehnten, dass das wirklich anstand, das mal in Lieder zu fassen.

Der Spiegel hat gerade geschrieben, Sie hätten Ihre Rolle als "Fackelträger des intellektuellen Kunstliedes" wieder ergriffen. Sehen Sie das auch so?

Nein, das sehe ich nicht so, weil ich sicher die nächsten 50 Jahre keine Platte mehr machen werde. Und in 50 Jahren werde ich schon etwa 30 Jahre tot sein. Es war wirklich ein spätes Leuchten, ein paar Dinge wollte ich noch ausräumen aus meinen Depots von Abenteuern, von Expeditionen, die sich da angesammelt haben. Und jetzt ist damit Schluss. Ich gehe nicht auf Tournee. Ich muss mich um Dinge kümmern, die mir unbekannt sind, weiße Flecken auf der Landkarte meines Wissens tilgen. Ich lebe das halbe Jahr in Afrika, habe dort große Projekte, die ökologische Situation der Welt beschäftigt mich sehr. Und ich will jetzt nicht stehenbleiben und Abziehbilder fabrizieren von Erfolgen, die ich schon auskosten durfte in meinem spannenden Leben.

Wir haben gerade "Papirossi" gehört, ein Lied, in dem richtig gefeiert wird. Aber es gibt auch viele nachdenkliche, leise Titel auf diesem Album. Und in einem heißt es: "Alles in allemvom Glück verfolgt, alles in allem – gesegnet". Das klingt nach Rückblick und auch nach Bilanz. Sie sind 72, wenn ich das sagen darfist es eine?

Schauen Sie, es wäre vollkommen verblödet und kokett und unerträglich, wenn ich nicht sehen würden, was für ein privilegiertes, spannendes, mit beinahe uferlosen Lernprozessen angefülltes Leben ich bisher führen durfte. Ich finde, dass man das zugeben soll, wenn man von Schutzengeln begleitet immer wieder auf die Füße gefallen ist.

Sie haben ja auch eine ganze Bandbreite musikalischer Stile auf diesem Album untergebracht, was ist da alles zu hören?

Das sind Lieder über den Tod meiner Mutter, die voriges Jahr mit 104 Jahren starb, über Venedig, interessanterweise, das gerade untergeht, es sind Lieder über mich selber, es sind jüdische Lieder übers Altwerden, über die Verzweiflung, über die Einsamkeit. Andere spielen in Marrakesch, wo mein Hauptwohnsitz ist. Es soll sich leicht anhören und dann können Sie selbst herausfinden, ob es Sie erreicht, ob es Sie vielleicht sogar in manchen Augenblicken positiv erschüttern kann.

Ich habe natürlich auch an die aktuelle Lage in Venedig gedacht, als ich ihr Venedig-Lied hörte, ein sehr melancholisches Lied. Was denken Sie, wenn Sie jetzt die Überschwemmungsbilder sehen in den Nachrichten?

Ich denke, wenn wir das nicht langsam begreifen und aus diesem Begriffenhaben engagierte Taten ableiten – dass wir die Generation sein werden, die die größte Schande über den Planeten Erde gebracht hat von allen Generationen. Da ist nichts mehr zum Herumdeuteln, da brauchen wir nicht mehr lang debattieren. Man muss sich fragen: Was kann ich persönlich tun? Und das hat man dann zu tun. Und die Greta Thunberg hat schon recht, wenn sie brüllt: "How dare you!" Wie könnt ihr es wagen, das alles anzurichten und nicht in der Sekunde, jetzt, zumindest Gegenmaßnahmen zu treffen.

Ich hatte eigentlich mein gesamtes schöpferisches und finanzielles Kapital nach Afrika gebracht, schon vor 14 Jahren, und habe dort zehntausende Bäume gepflanzt und Wasserversorgung für 5.000 Menschen organisiert und ein Museum gebaut, das der Verfeinerung dient, und dieser Ort heißt Anima und da gehen Tausende und Zehntausende Menschen hin und holen sich Kraft und Ermutigung und Heilung. Jeder muss das tun, was er kann. Das ist das, was ich tun konnte, und ich werde nicht müde werden, neue Gärten zu bauen.

Gärten waren immer schon ein Thema für Sie. Sie haben schon 1985 "Das Lied vom idealen Park" gesungen. Aber ich glaube, in den letzten Jahren haben die Gärten noch mal an Wichtigkeit zugenommen. Warum sind die Gärten Ihnen so wichtig? Zum Beispiel dieser Garten in der Nähe von Marrakesch, von dem Sie gerade erzählt haben.

Gärten sind Kühle, sind Sauerstoff, Gärten sind Schönheit, sind Vielfalt, sind Biotope, wo sich Vögel, Frösche, Schlangen – wenn der Garten in Afrika liegt – zurückziehen können. Gärten sind Orte der Besinnung und der Meditation. Gärten sind Orte zum Auszittern, zum Entscheidungen treffen. Gärten sind für die Zukunft als Temperatur-Herunterkühler von einer solchen Wichtigkeit, dass man eigentlich statt jedem zweiten Haus einen Garten bauen müsste.

© Membran / Sony Music

"Spätes Leuchten" von André Heller

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